Anna-Haag-Preis 2026 an Betty Boras

Die Jury hat entschieden: Betty Boras erhält 2026 den mit 10 000 € dotierten Anna-Haag-Preis für ihr Debüt „Das schönste aller Leben“ (erschienen bei hanserblau).

Die öffentliche Preisverleihung findet am 8.12.2026 um 19 Uhr in der Stadtbibliothek Stuttgart statt.

Die Jurybegründung:

Betty Boras hat ein beklemmendes und kluges Buch geschrieben. Schon auf den ersten Seiten ergreift uns das Entsetzen der Mutter einer zweijährigen Tochter, die nach einer Verbrennung im Gesicht entstellt ist. Und sie, die Mutter, gibt sich die Schuld. Denn Mütter fühlen sich schuldig, wenn ihrem Kind etwas passiert. Aber es muss einen Ausweg geben.

In ihrem Debütroman verhandelt Betty Boras auf drei Erzählebenen eindringlich Fluch und Chance weiblicher Schönheit. Auf der historischen Erzählebene wird Theresa von Männern unterworfen, weil sie als zu schön auffällt. Die junge Vio muss lernen, unauffällig schön zu sein, damit sie in Deutschland eine Chance hat, dazuzugehören. Sie ist als Kind mit ihren Eltern aus dem rumänischen Banat eingewandert und hat verinnerlicht: Integration kann nur durch Fleiß und Makellosigkeit gelingen. Eigentlich fühlt sie sich angekommen. Doch dann geschieht der Unfall ihrer Tochter, und fürchterliche Schuldgefühle, verstärkt durch belastende eigene Kindheitserinnerungen, übernehmen und ersticken ihr Leben.

Betty Boras führt uns bis zu dem Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht und sich plötzlich eine Tür öffnet. Die Jury war beeindruckt von ihrer klaren, ungekünstelten Sprache, ihrem erzählerischen Geschick bei komplexen Szenen und überraschenden Dialogen, mit denen sich ihre Figuren verständigen, statt sich zu entzweien. Ein Roman, der nicht im Konflikt verharrt, sondern um Gesundung ringt

Foto: Gordon Koelmel