Zum Tod von Helmut Pfisterer

„Ein Wort zu finden gegen die Unruhe“

Von Maja Langdorff

Meine letzten Zeilen erreichten ihn nicht mehr, ich schrieb sie 24 Stunden zu spät. Wahrscheinlich hätte ich sie besser Tage, Wochen, Monate früher verfassen und absenden sollen.

Aber ich wusste nicht, was ich im Grunde längst geahnt hatte. Die Nachricht vom Tod meines lieben alten Freundes erreichte mich dann auf einem Kurztrip in München, per SMS: Helmut Pfisterer war am frühen Morgen des 13. Dezember 2010, einem Montag, gestorben. Und ich hatte am Tag danach, noch unwissend, eine banale Weihnachtskarte in den Briefkasten gesteckt, in der ich ihn auch fragte, ob er denn noch oder wieder schreibe. Sein letztes Buch hatte er 2008 mit seiner innigen Freundin Signe Sellke verfasst, eine lyrische Liebeserklärung an die Schwäbische Alb: „Äcker uff am alde Meer“.

Nun wird uns Helmut keine neuen Verse, keine Prosa mehr bescheren; für immer verstummt ist die Stimme eines außergewöhnlichen Menschen, dessen ausdrucksstarke Literatur strotzt vor lautmalerischen Wortspielen und humorvoll-hintersinnigen Sprüchen. Verstummt ist diese gewaltige Stimme, die jeden unweigerlich beim Lesen seiner Texte begleitet, der ihn einmal in Aktion erlebt hatte. „Komm, gang mer weg!“, würde Helmut wohl in aller Bescheidenheit abwinken, denn er liebte, suchte und nutzte solche Widersprüchlichkeiten in der gesprochenen Sprache. „Komm, gang mer weg …“, schließlich habe er doch „a baar Büchle“ hinterlassen. Auf Hochdeutsch und weniger tiefgestapelt: ein umfangreiches Werk von mehr als zwei Dutzend Büchern, dazu Hörspiele, Szenen, CDs. Angekündigt hat sich – hat er! – das Ende eines prallen Lebens schon lange. „A Weile voram Schluss“ betitelte er ein 2005 erschienenes Buch, aus dem die „Stuttgarter Zeitung“ in ihrem Nachruf auf Helmut Worte heraussuchte, die nach Abschied klingen: „Danke! Schö Gwä. Oinaweg nemme.“ Und von den immer stärker um sich greifenden Beschwernissen des Alters zeugt der Imperativ im Titel eines seiner letzten Werke: „En Himmel soll i? En mei Hos will i nei!“

Helmut hat ungezählten Menschen genussvolle, unbeschwerte, ausgelassene Stunden geschenkt. Ich denke zum Beispiel zurück an die Abende in der Besenwirtschaft seines Berufsschulkollegen Jürgen Krug in Stuttgart-Feuerbach. In diesem „Kulturbesen“ prasselten seine Wortungetüme, seine ungereimten Verse mit Urgewalt nieder auf ein weinseliges Publikum, und gern trat er zusammen mit den „Spielleut’“ oder Katharina Wibmer von „Rózsák“ (samt musizierenden Kolleginnen) auf. Sie unterbrachen fidelnd, singend, klampfend seine wort- und sprachgewaltigen Darbietungen, mit mittelalterlichen Klängen, mit Musik der Sinti und Roma oder gefühlsgeladener osteuropäischer Folklore.

Genau auf diese Weise – unter anderem mit Katharina und ihrer hinreißenden Geigenkunst – gestaltete Helmut seinen 75. Geburtstag mitten im tiefsten Winter des Jahres 2006, im großen Freundes- und Bekanntenkreis. Es war meine letzte persönliche, sehr berührende Begegnung mit dem schon gebrechlichen Helmut, bevor ich nach Norddeutschland zog und unsere Kontakte verebbten.

Für viele war Helmut ein Mundartdichter, weil er im Dialekt schrieb, weil er Schwäbisch als Basis für seine ungezügelte schriftstellerische Kreativität entdeckt hatte. Aber was er schrieb, hatte eine ganz besondere Qualität und setzte sich subtil, phantasievoll und geistreich mit Sprache, Ausdruck und Emotion auseinander. Die Sprache, mit der er sich anlegte, die er vereinnahmte, die ihn inspirierte, war die, mit der er in seiner Heimat, im schwäbischen Leonberg, in der Großfamilie aufgewachsen war, die er im Herzen mitnahm, als er in die Fremde ging. Schwäbisch war die Heimat von Helmut, örtlich, inhaltlich, sinnlich. Aber auch wenn er, der gelernte Feinmechaniker und Ingenieur, seine Brötchen lange Jahre mit Lehrtätigkeit verdiente, im Iran, in Afghanistan, später in Stuttgart, war seine Profession doch die des Schriftstellers.

Sich schreibend auszudrücken war für Helmut ein Urbedürfnis, eine Lust wie ein Genuss. Eine Zeitlang, wohl in den ausgehenden achtziger Jahren, führten wir ein kleines gemeinsames literarisches Tage- oder Briefbuch, in das wir wechselweise einschrieben. Doch seinem Ideenreichtum, seiner Produktivität war ich nicht gewachsen, und so verschwand die Kladde irgendwann in der Versenkung, leider. Selten telefonierten wir; uns war wohl gemeinsam, dass wir ein Briefchen dem langen Kleben am Telefonhörer vorzogen. Und Helmuts Briefe, denen je nach Jahreszeit mal ein gepresstes Veilchen, mal ein blutrotes Ahornblatt beilagen, waren immer ein Stückchen Literatur – von Hand geschrieben allerdings auch eine Herausforderung. Was er schwungvoll zu Papier brachte, ließ sich oft nur schwer entziffern. Mancher Brief aus jenen Tagen zeugt von der Schwierigkeit, einen Termin für eine persönliche Begegnung zu finden. So schrieb mir Helmut am 22. Mai 1990:

Liebe Maja,

weil ich mich zerreißen gelernt habe, werde ich mich zeitgleich einfinden

a) am Freitag, 7. Oktober 1989 im einsamen Schloß

b) am Sonntag, 7. Oktober 1990 ebenda

Zum Zeitpunkt a) komme ich in rotem Gehrock mit grüngelben Schlaufen, zum Zeitpunkt b) in schwerschwarzem Taft und Korkschwimmgürtel. Zwei Computer werden meine Umlaufbahnen zum Schnitt bringen.

Leicht könnte auch Deine Bahn auf diesen Punkt gebracht werden, doch leider scheint Deine Rotationsgeschwindigkeit zu hoch, sodaß Dämpfung notwendig. Könnte geschehen durch Hock am Abend.

Sehr herzlichen Gruß Dein Helmut

Helmut war ein virtuoser Wortjongleur, der im Dialekt Dialektik suchte und fand. Er beherrschte die Kunst, mit Hilfe der Mundart in komprimierten Worten, zum Teil nur in einzelnen oder aneinandergereihten Lauten Menschen oder Situationen zu charakterisieren und widerzuspiegeln. Seine Textschöpfungen lebten von Rhythmus und Verkürzung, entlarvten Doppelbödiges und spiegelten oft so liebevoll wie augenzwinkernd Allzumenschliches. Insofern war Helmut für mich nie der typische Mundartdichter, sondern ein Literat, dessen Sprache zufällig oder unausweichlich Schwäbisch war.

Wenn Helmut vor Publikum las, dann war das wie ein Gewittersturm, der durch den Saal fegte, er füllte den Raum mit einer unglaublichen Präsenz und seiner kraftvollen Stimme, und die Menschen waren begeistert. Sein ganzer Auftritt war stimmig, seine barocke Statur, Haare und Bart ungezähmt und ungestüm, so eben, wie er selbst zu sein schien. Helmut hat mir nie verraten, ob er hin und wieder mit Worten gekämpft hat, aber seiner donnernden Rezitation stand privat ein nachdenklicher, sensibler, bisweilen fahrig wirkender Mensch gegenüber, an dessen längere Sprech- oder Denkpausen man sich erst gewöhnen musste, der dann aber impulsiv und pointiert antwortete.

Helmut konnte sich, bis es mit zunehmenden Alter und abnehmender Gesundheit ruhiger um ihn wurde, vor Einladungen zu Lesungen kaum retten. Vermutlich hätte er gut von den Honoraren leben können. Doch er war ein lebensfroher und großzügiger Mensch, der nicht nur sein Publikum beglückte, sondern auch gern gab und unterstützte und Förderungen für sich selbst grundsätzlich ablehnte. Er dachte überaus kollegial, engagierte sich und agierte auch als Schriftstellerkollege im Trollschen Sinne. Er übernahm Ämter, die seine ohnehin knappe Zeit beschnitten, ihm aber wichtig waren: So arbeitete er beim Schriftstellerhaus mit, wirkte etliche Jahre im Vorstand des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg, gehörte auch mehrfach zu dessen Jurymitgliedern, die sich ungezählte Texte von arrivierten Autoren wie aufstrebenden und weniger begabt Schreibenden zu Gemüte führen.

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Zeichnung in einem Brief von Helmut Pfisterer (1992): Er sagt eine Huckepacklesung des Förderkreises zu.

Rückblickend gesehen war seine Entscheidung, sich von 1988 an das Amt des Landesvorsitzenden des Schriftstellerverbands (VS) aufladen zu lassen, keine glückliche; nach drei Jahren Amtszeit verschwand er zunächst von der Bildfläche und ließ sich lange Zeit nicht mehr unter Kolleginnen und Kollegen blicken. Ich erinnere mich an die Vorfälle von damals nicht mehr im einzelnen, aber aus manchem Gespräch mit Helmut spürte ich in jenen Tagen eine große Verbitterung heraus. Der Mangel an Dankbarkeit, das Gefühl, Zeit vergeudet zu haben, reute ihn. Ihn trieb wohl der Gedanke um, dass er besser daran getan hätte, seine Zeit für eigene Projekte zu nutzen; mag sein, er träumte schon damals davon, eines Tages ein großes Werk „in Schriftdeutsch“, wie er sagte, zu verfassen. Nach dem Ende seiner VS-Amtszeit schrieb er mir Anfang März 1992, als bei mir ein Umzug in „seinen“ Stuttgarter Westen bevorstand:

Ja, liebe Maja, ich habe mich zurückgezogen. Innerstem Vergnügen nachgehend, die Märkte meidend. Niemand/en/in drum vergaß ich. Keinen Draht werd ich schneiden. Falls jemand fragen sollte(wie Du sagst), grüße mit Inbrustvollmacht.

Gut ist es, Ruhe zu finden. Ein Wort zu finden gegen die Unruhe. Es gibt in der Tat so wichtige Themen, dass man sich durch nichts davon abhalten lassen sollte, über sie herzufallen. Nicht mal durch freundliche Umstände.

Ich gratuliere Dir, liebe Frau Nachbarin, zu Deiner Wohnverbesserung. Hart aber wahr: Einer, der dauernd um sein Quentchen Schreibzeit sich wehren muss, kann nicht da und dort renovieren …

Helmut war es gewesen, der mich in den späten achtziger Jahren als vergleichsweise junge Autorin animierte, meine Texte beim Förderkreis einzureichen. Ich wagte es und wurde abgewiesen, denn ich verfasste Sachbücher, nicht Belletristik … Helmut dagegen war – ohne einen Antrag gestellt zu haben – ein Reisestipendium vom Förderkreis zuerkannt worden. Er sollte mit einer Delegation von 60 baden-württembergischen Künstlern zu einem Kulturfestival ins ferne Tadschikistan reisen. Das war 1988. Helmut zögerte keinen Moment und schaffte es nicht nur, mich mit in die Delegation „hineinzuziehen“. Er bestand auch darauf, meine Reisekosten mitzufinanzieren mit diesem, seinem! Stipendium – das er dann später, obwohl ausgegeben, ans Kunstministerium zurück überwies. Er, mit festem Gehalt und vielen Honoraren, wollte nun wirklich kein Fördergeld für sich in Anspruch nehmen.

Auf dieser Reise, in Duschanbe, erlebte und genoss ich erstmals Helmuts Beweisführung der „Weltsprache Schwäbisch“. Er zählte in der Landessprache „100-3-10-9“, und während sich die Tadschiken an der akzentfrei rezitierten Zahlenfolge freuten, verstanden die mitgereisten Schwaben „säd-se-da-no“, was ungefähr so viel heißt wie „Setz Dich da hin!“ Seine mit großer dramatischer Geste inszenierte Aneinanderreihung von gurgelnden, brausenden, dröhnenden Lauten und Silben brauchte keine Übersetzung und keinen wirklichen Inhalt. Die Anwesenden erfreuten sich einfach an diesem nahezu inhaltsfreien universell verständlichem Kauderwelsch.

Es war etwa ein halbes Jahr danach, dass Helmut als Vorstandsmitglied des Förderkreises mit einem Vorschlag an mich herantrat. Der Förderkreis suche, auf Stundenhonorarbasis, eine Geschäftsführerin – ob ich mich nicht bewerben wolle? Bisher hatte Eleonore Lindenberg, Thaddäus Trolls langjährige Sekretärin und „Verwalterin und Sichterin des gesamttrollschen Oeuvre” (Thaddäus Troll), ehrenamtlich die Geschäfte des Förderkreises geführt. Nach anfänglichem Zögern – ich befürchtete, der Arbeit nicht gewachsen zu sein –, bewarb ich mich und blieb dann anderthalb Jahrzehnte dabei, erst unter Martin Blümcke, die letzten Jahre dann unter Ulrich Zimmermann. Mit der wachsenden Popularität dieser Förderinstitution wuchs auch der Berg von eingereichten Manuskripten und meine organisatorisch-bürokratische Arbeit; mir fehlten Zeit und Muße zu(m) Schreiben. Helmut war der Erste, dem ich meinen zunehmenden Überdruss gestand, auf Kosten eigener kreativer Entfaltungsmöglichkeiten anderen den Weg für ihre literarische Selbstverwirklichung zu ebnen. Er verstand, dass dies nichts mit Neid zu tun hatte, sondern mit der Sehnsucht nach unverplanter Zeit, einer Begierde, die ihm nur allzu bekannt war. Als ich ihm dann an einem Wintertag im Januar 2005, genau ein Jahr nach der Aufgabe dieses Amts, ein druckfrisches Exemplar meines ersten Buchs der Nach-Förderkreis-Ära vorbeibrachte, schaute er mich mit großen Augen über den Rand seiner Lesebrille an und meinte nur in knappen Worten, wie sehr ihn das freue.

Wie bei so vielen Kolleginnen und Kollegen, die in den letzten Jahren erst ihrer Gesundheit, dann ihres Lebens beraubt wurden, war unser Kontakt am Ende fast abgebrochen. Er bestand in Gedanken an den lebens- und schaffensfrohen Wegbegleiter von einst, und aus Vorsätzen, ihn endlich wieder einmal im Altenheim anzurufen – längst hatte er seine Wohnung in der Herweghstraße an der Pauluskirche aufgeben müssen und war auf immer mehr Betreuung angewiesen. Die an den Fingern einer Hand zu zählenden Telefonate mit ihm waren anstrengend und deprimierend gewesen, die Gesprächspausen quälend lang, seine Artikulation schien mir schwerfällig. Sein einst ungestümes Temperament konnte sich keinen Weg mehr bahnen über die weite Distanz von 700 Kilometern, die ich per Telefon zu überbrücken versuchte. Helmut war ein Mensch, der im Leben aus dem Vollen geschöpft hatte, Alter und Krankheit versagten ihm dies zum Schluss, er mochte wohl nicht mehr. Ich weiß nicht, was seine letzten Worte waren, aber es würde mich nicht wundern, hätte er sich wiederholt: „Danke! Schö Gwä. Oinaweg nemme.“