Zum Tod von Cornelius Retting

Von Maja Langsdorff,
der langjährigen Geschäftsführerin des Förderkreises

Viele Jahre haben wir auf die Ferne zusammengearbeitet – ohne Reibungsverluste –, er als gefragter Referent zu einem gefragten Thema, ich als Geschäftsführerin des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg, die Seminare plante.

Cornelius Retting, 1951 geboren, hat mit schöner Regelmäßigkeit, alle Jahre wieder, Schriftstellerinnen und Schriftsteller in spe in die Geheimnisse des Verlagswesens eingeweiht und ihnen entscheidende Informationen mit auf dem Weg in die Literatur(veröffentlichung) gegeben. Sein Seminar „Vom Autor zum Verlag“ war gewissermaßen „der“ Klassiker im Seminarprogramm des Förderkreises. Retting ging darin der Frage nach, die „jungen“ Autoren jeden Alters unter den Nägeln brennt: „Wie bringe ich mein Manuskript zur Veröffentlichung?“ Dabei zielte er als langjähriger Profi in Sachen Verlagsberatung weniger darauf ab, Autorinnen und Autoren mit Patentrezepten auszustatten (die es ohnehin nicht gibt), und ihnen handfeste Tipps zu vermitteln, wie ihr Werk garantiert unterzubringen sei. Er bemühte sich vielmehr, sie umfassend aufzuklären, sie vielleicht hier und da auch zurück auf den Boden zu holen, ihnen also zu einer realistischen Sicht der Dinge zu verhelfen.

In seinen eigentlich immer ausgebuchten Wochenend-Seminaren zeigte er vor allem auch nachvollziehbar und verständlich auf, wie der (Buch)-Markt funktioniert und sich entwickelt, nach welchen Kriterien entschieden wird, welche Veröffentlichungsmöglichkeiten überhaupt bestehen. Er versorgte seine Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Insider-und Hintergrundwissen, das sie nach einem inhaltlich höchst ertragreichen Wochenende quasi im Rucksack mit nach Hause nehmen konnten, ehe sie dann auf Basis des Erlernten wohlinformiert, möglicherweise desillusioniert, aber auch bestärkt ihre Fühler in Richtung Verlagslandschaft ausstrecken konnten. Auch in diesem Jahr wollte der Förderkreis seiner Klientel wieder dieses wichtige Seminar anbieten. Cornelius Retting plante, im Oktober 2005 in Hagnau am Bodensee sein Wissen an interessierte Autorinnen und Autoren weiterzugeben.

Dazu wird es nicht mehr kommen. Wochenlang galt er als vermisst, seit Mitte März 2005 ist klar: Cornelius Retting ist tot. Die Ergebnisse der gentechnischen Untersuchungen lassen keinen Zweifel zu.

Am 26. Dezember 2004 hielt sich Cornelius Retting im thailändischen Khao Lak in einem Bungalow des Greenbeach Hotels auf. An diesem Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags ereignete sich im Indischen Ozean ein Beben mit katastrophalen Folgen; eine Flutwelle von riesigem Ausmaß suchte die Küsten von Sumatra, Thailand, Sri-Lanka und Südindien heim und verwüstete sie. Hieß es in den ersten Meldungen, die uns in Deutschland erreichten, es werde mit „bis zu 80 Opfern“ gerechnet, wurden die Zahlen aus den Krisenregionen danach tagtäglich nach oben korrigiert und erreichten hohe sechsstellige Zahlen. Tausende von Menschen, darunter viele Urlauber, werden vermisst – zu ihnen gehörte auch Cornelius Retting.

Die Nachrichten aus den heimgesuchten Regionen lösten hierzulande große Betroffenheit aus. Doch erst über eine Mail, die mich am 17. Januar 2005 über Umwege erreichte, wurde mir der Unterschied bewusst zwischen diesem doch eher „anonymen“ Mitfühlen und lähmenden Entsetztsein und einem ganz konkreten Gefühl persönlicher Betroffenheit.

Der kurzen Mail waren zwei erschütternde Informationen zu entnehmen: Cornelius werde vermisst. Und: seine Begleiterin sei erst vor wenigen Tagen tot aufgefunden worden. Als ich dies las, richteten sich meine Gedanken fast augenblicklich auf die Angehörigen von Cornelius Retting, seine frühere Frau, die Stuttgarter Lyrikerin Carmen Kotarski, und ihre gemeinsame Tochter. Welch unermessliches seelisches Leid mögen die Hiobsbotschaften aus Thailand ihnen verursacht haben. Wochenlang mussten sie mit der quälenden Ungewissheit leben. „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Cornelius Rettings sterbliche Überreste wurden in Thailand am Dienstag nach Ostern 2005 in einer Feuerbestattungszeremonie eingeäschert. Beigesetzt wurde seine Urne am 7. April in seiner saarländischen Heimat.

Ulrich Zimmermann bat mich als „alte“ Geschäftsführerin, diese Zeilen zu seinem Gedenken zu verfassen. Ich muss zugeben, es fiel mir schwer, etwas über Cornelius Retting zu schreiben. Nicht, weil ich ihn so gut kannte. Sondern weil ich ihn eben gerade nicht so gut kannte. Und weil mir das erst jetzt, wo es zu spät scheint, auffällt. Obwohl wir mehr als ein Dutzend Jahre regelmäßig Kontakt hatten.

Zum ersten Mal begegnet ist mir Cornelius Retting am 14. März 1989, einem Dienstag, in der Außenstelle Cannstatt der Stadtbücherei Stuttgart. Willy Leygraf, damals Vorsitzender des Förderkreises, bat zur Mitgliederversammlung, und es standen Vorstandswahlen auf der Tagesordnung. 15 von 39 Mitgliedern waren erschienen und wählten Martin Blümcke zum neuen Vorsitzenden. Cornelius Retting und Gerhard Manthey wurden seine Stellvertreter. Ich, eben erst in den Verein eingetreten, löste die zuvor jahrelang ehrenamtlich tätig gewesene Eleonore Lindenberg als neue, und nun auf Honorarbasis arbeitende Geschäftsführerin ab.

Da ich mit dem Ende meiner Amtszeit beim Förderkreis das Archiv des Vereins in andere Hände übergeben habe, fehlen mir Akten, in denen ich blättern und mein Gedächtnis auffrischen könnte. Wenn mich die Erinnerung nicht trügt, war Cornelius Retting auch mehrere Jahre als Vertreter des Vorstands in der Jury des Förderkreises aktiv. Und: vom Lektorat des Ravensburger Verlags kommend, galt er schon damals, Anfang der neunziger Jahre, als ausgewiesener Experte für Veröffentlichungen und Verlagskontakte. Bevor er sich mit der Verlagsberatung Retting Consulting in München niederließ, zeichnete er beim Ravensburger Verlag als Programmleiter für die Sachbuchredaktionen verantwortlich.

Ich denke und vermute, sein starkes berufliches Engagement war es, das ihn dazu bewegte, sich von seinen Ämtern im Förderkreis zu trennen und nach einigen Jahren den Status des „Nur-Mitglieds“ zu wählen. Uns, dem Förderkreis, blieb er glücklicherweise dennoch als Referent erhalten, auch nach seinem Umzug vom Oberschwäbischen ins Bayerische. Seine Seminare „Vom Autor zum Verlag“ waren Selbstläufer, was leider nicht auf alle Fortbildungs-Angebote des Förderkreises zutrifft und zutraf. Nie musste ich mit netten Einladungsbriefchen um die Gunst potentieller Teilnehmerinnen und Teilnehmer buhlen; man empfahl sich unter schreibenden Kollegen das Seminar weiter, und manchmal mussten wir vom Förderkreis sogar eine Nachrückerliste anlegen. Im Lauf der Jahre hat der studierte Germanist Retting, der 1976 in Stuttgart einen Verlag gründete, Ende der siebziger die Gegenbuchmesse in Frankfurt organisierte, erst frei, später festangestellt Bücher lektorierte und mehrere Bände als Herausgeber publizierte, einer großen Zahl baden-württembergischer Autorinnen und Autoren auf die Sprünge geholfen. Ihnen, die ganz am Anfang ihrer schriftstellerischen Laufbahn standen, hat er eine wichtige Starthilfe für ihr literarisches Wirken in der Öffentlichkeit gegeben. Cornelius Rettings Ausführungen in Imre Töröks 1999 erschienenem „VS-Handbuch“ haben nichts an Aktualität verloren. Er fasst hier schriftlich zusammen, was er jungen Autoren in unseren Seminaren an Informationen vermittelte, und er macht ihnen vor allem Mut. Sein langer Beitrag endet mit den Worten: „Sie können und sollen nach den Sternen greifen, aber konzentrieren Sie sich auf diejenigen, die nicht zu weit weg sind. […] Sie werden für Ihr Schreiben lernen, werden sich langsam einen Namen machen, und Sie werden Öffentlichkeit erfahren. All das ist ein langer Prozess. Aber gute Qualität setzt sich durch und findet ihre Liebhaber. Auch wenn Ihre Bücher nicht auf den Bestsellerlisten und in jeder Buchhandlung zu finden sind.“

Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller unseres Landes verlieren in Cornelius Retting einen profunden Kenner der Branche und der Materie, der es verstand, ihnen Chancen, Möglichkeiten und Nischen aufzuzeigen – obwohl oder weil er manche ernüchternde Fakten und Faktoren klar benannte.