Zum Tod von Anne Birk

Anne Birk

Ein Nachruf

Von Regine Kress-Fricke

Anne Birk ist tot. Wenige Tage vor ihrem 67. Geburtstag, am 29. Juli 09, starb sie in Esslingen, fünf Tage nachdem ihr Mann Dr. Gerold Tietz seiner schweren Krankheit erlegen war. Die beiden verband eine enge, produktive Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Mit seinem Tod hatten Anne Birk alle Kräfte verlassen.

Autorenseite Anne Birk
Autorenseite Gerold Tietz

Sie und ihr Mann waren beide Pädagogen aus Überzeugung, beide auch Autoren und sich gegenseitig strenge Kritiker. Zuerst hatte Anne Birk zur Feder gegriffen und sich nach zahlreichen Buchpublikationen mit ihrer dreibändigen Familiensaga im Europa Verlag einen respektablen Erfolg erschrieben. Das Debüt ihres Mannes erfolgte 1989 mit dem Prosaband „Satiralien – Berichte aus Beerdita“, weitere historisch fundierte Romane und Erzählungen schlossen sich an und bescherten ihm in den letzten Jahren Preise und die Übersetzung seiner Arbeiten ins Tschechische.

Es fällt schwer, das Unfassbare anzunehmen. Über dreißig Jahre verband Anne Birk (mit bürgerlichem Namen Rosemarie Tietz) und mich die Zusammenarbeit in Sachen Literatur und eine feste Freundschaft, in die auch ihr Mann Gerold mit einbezogen war. Wir teilten den Zorn über die Benachteiligung von Frauen, die Empörung über gesellschaftliche Mißstände, Militarismus, die sanktionierte Habgier und die bedenkenlose Ausbeutung der Natur mit Hinnahme gesundheitlicher Risiken für die Allgemeinheit. Ihr 1984 im Karlsruher Theater „Die Insel“ uraufgeführtes Stück „Nestbeschmutzung“ hatte letzteres zum Thema.

Wenn ich an Ro, wie wir sie vertraut nannten, denke, fällt mir sofort auch die Initiative „Schreibende Frauen in Baden-Württemberg“ ein. Die Initiative war unser Kind. Die Verärgerung über den damals männlich dominierten Literaturbetrieb hatte uns frühzeitig ein Bündnis schließen lassen. Nach dem Knaller beim mittelalterlich inspirierten „Sängerfest der Literatur“, bei dem Schinken und Käseräder zu gewinnen waren, traten wir mit unserem Bündnis aus der Hinterstube an die Öffentlichkeit.

Hintergrund war die „tapfer männliche“ Preisverleihung einer ausschließlich aus Kollegen bestehenden Jury, die von sechzehn Preisen gnädig Nummer 16 an die damals bekannte Eva Vargas verlieh. Immerhin gab es auch 1981 einige männliche Zweifler, denen die Entscheidungen der Preisvergeber unliebsam auffielen.

Mit dem Erfolg der Initiative sind auch Namen wie Vera Zingsem, die projektbezogen an der Vorbereitung der Litera-Tour und der Herausgabe der 2000 erschienenen Anthologie „Beifall für Lilith“ mitarbeitete und Birgit Heiderich verbunden. Birgit Heiderich engagierte sich maßgeblich viele Jahre für das Bündnis. Sie, Anne Birk und ich waren ein eingespieltes Trio und deshalb erfolgreich, weil wir uns alle drei freundschaftlich zugetan waren und auch die gelegentlichen Marotten der Freundinnen ertragen konnten.

Mit der Arbeit der Initiative hat sich Anne Birk identifiziert, die war ihr wichtig. In einem ihrer Bücher „Der Ministerpräsident“ listet sie die Aktionen der Initiative bis 1988 auf: u.a. die Verleihung des mit 5000 DM dotierten Marlen-Haushofer-Preises und die über 90 Veranstaltungen im Rekordjahr 1988.

Frauen, ihre Lebensbedingungen, standen im Mittelpunkt von Anne Birks literarischen Arbeiten („Zumutungen. Frauen und ein Paragraph“). Noch 2007, bei unserem letzten großen Gemeinschaftsprojekt, der Herausgabe der zweisprachigen Anthologie „Die halbe Herrlichkeit den Frauen“ mit Beiträgen mexikanischer und deutscher Autorinnen, schrieb sie über Schwangerschaft als Karrierehindernis. Das Thema ließ sie nicht los, nachzulesen auch in ihrer Familiensaga z.B. in dem Roman „Astern im Frost“ (1999), der vor dem 1. Weltkrieg ansetzt. Darin schildert sie Frauen, die die Konsequenzen männlicher Entscheidungen zu tragen haben: Krieg, Hunger, Enge, Festlegung auf weibliches Rollenverhalten. Geboren in der baden-württembergischen Kleinstadt Trossingen kannte sie einige Verhaltensweisen aus näherer Anschauung. Sie hatte selbst noch in der Familie die Zustimmung zum Germanistik- und Anglistikstudium erkämpfen müssen.

Neben dem spezifischen Engagement für Frauen stand sie auch für Aufgaben in der Literaturförderung in und außerhalb des Literaturbetriebs zur Verfügung. Sie scheute sich nicht, sich die Arbeit eines Jurymitglieds des Förderkreises deutscher Schriftsteller und der Kunststiftung Baden-Württemberg (1981 – 1984) aufzubürden. Dem Förderkreis, deren 1. Vorsitzende heute Dr. Renate Müller-Buck ist, stand sie von 1978 – 1985 nicht nur als Mitglied der Jury, sondern auch des Vorstands zur Seite. Ihre Kompetenz im Umgang mit und der Beurteilung von Literatur wurde von allen geschätzt. Wie sie alle diese Aufgaben neben ihrem Beruf als Pädagogin, den von ihr außerhalb des Schulbetriebs betreuten Theater AG’s und der Schriftstellerei bewältigte, bleibt ihr Geheimnis. Gewiß trug zu ihrer Belastbarkeit auch die Entlastung durch ihren Ehemann Gerold Tietz bei. Er übernahm einen Teil der Arbeitslast im Haushalt und der Aufgaben des täglichen Dschungelkampfes.

Gut zwei Jahre waren den Beiden nach Ausbruch der bösartigen Krankheit ihres Mannes noch vergönnt. Sie haben diese Zeit intensiv genutzt, mit Ausflügen in die Natur, Theaterbesuchen und dem Schreiben. Die literarische Arbeit war ihnen Herausforderung und Erfüllung zugleich. Beide setzten noch den Schlußpunkt unter ein fertiges Buchmanuskript. Dass es der endgültige sein würde, ahnte niemand. Der Kampf gegen die schwere Krankheit ihres Mannes forderte auch Anne Birks ganze Kraft. Zuletzt blickten sie nur noch auf die Zeiger einer großen Uhr, aber den Wettlauf gegen die Zeit konnten sie nicht gewinnen. Nicht Gerold Tietz, nicht Anne Birk. Adieu. Macht’s gut.