Thaddäus-Troll-Preis 2014: Laudatio

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Stefanie Groß bei ihrer Laudatio auf Katrin Zipse (Foto: M. Seehoff)

Ein großer Wurf

Laudatio zur Verleihung des Thaddäus-Troll-Preises an Katrin Zipse

Von Stefanie Groß

Sehr verehrte Damen, sehr verehrte Herren,
liebe Preisträgerin Katrin Zipse,

Es ist für mich eine große Freude und Ehre, heute hier anlässlich dieser Preisverleihung über den Debütroman „Glücksdrachenzeit“ von Katrin Zipse und über die Autorin sprechen zu dürfen.

In diesem Jahr wird der Thaddäus-Troll-Preis erstmals an ein Jugendbuch-Debüt vergeben, an Katrin Zipses Roman Glücksdrachenzeit. Diese außerordentliche Entscheidung rechtfertigt einen tieferen Blick auf eine großartige und spannende Geschichte.

Ich möchte gleich zu Beginn sagen, dass mich persönlich in letzter Zeit kaum ein Buch so ergriffen hat, wie Katrin Zipses neu erschienener Jugendroman.

Er erzählt die Coming-Of-Age-Geschichte der 15-jährigen Nellie, die bei dem Versuch, ihren 18-jährigen Bruder Kolja wieder nach Hause zu holen, zu sich selbst findet und sich am Ende innerlich befreit ihrem eigenen Leben zuwenden kann.

Thematisch enthält er so ziemlich alles an zeitgemäß harten Dingen, die Jugendlichen heute zustoßen können, wie Drogenabhängigkeit, Dealerei, Verstrickung in Kriminalität, überforderte Eltern, die die Realität verdrängen und dies als Loslassen bezeichnen, aber auch den enormen Mut einer 15-jährigen, die mit ihrem Hund per Autostopp loszieht.

Doch das Ergreifende an dem Roman ist, dass dies alles eingebettet liegt in die Thematik einer tiefen Geschwisterliebe, und zwar gespiegelt durch zwei Parallelfälle:

Da sind einmal die Geschwister Kolja, Nellie und der kleine Bruder Jonas: sein Tod mit zwei Jahren ließ die Eltern in Trauer erstarren. Für Nellie wurde nach Jonas Tod Kolja der große Beschützer, der immer für Sie da war. Der ihr Zöpfe flocht, sie in den Kindergarten brachte und vor allem der Einzige, bei dem sie einschlafen konnte, wenn sie wieder ihre Alpträume plagten, eine dieser Grundsituationen, die leitmotivisch variiert in Nellies Gedanken immer wiederkehrt (und auch typografisch kursiv hervorgehoben ist).

Bei beiden Geschwistern verdichtet sich immer mehr das Gefühl, dass sie nicht die Kinder sind, die ihre Eltern eigentlich haben wollten und dass – im logischen Umkehrschluss – auch ihre Eltern für sie immer weniger wichtig sind.

Und das ist auch der Grund, warum Kolja eines frühen Morgens auf einmal aufgebrochen ist nach Avignon. Und während die Mutter mal wieder in Depression verfällt und bei der Freundin abtaucht und der Vater sich in einen Segeltrip flüchtet, beschließt Nellie, ihren geliebten großen Bruder zurückzuholen. Sie erpresst Koljas Kumpel Viktor, der sowieso an allem schuld ist: Er hatte Kolja im Ferienlager mit Drogen in Kontakt gebracht, wegen ihm war Kolja von der Schule geflogen. Nellie will von Viktor wissen, wohin Kolja verschwunden ist und ihn zurückholen. Sonst erzählt sie ihren Eltern, dass er sie betrunken gemacht und angegrabscht hat, damals auf der Party. Widerstrebend gibt Viktor preis, dass Kolja nach Avignon wollte. Und Nellie trampt los.

Doch das geht gar nicht so leicht mit dem Riesenhund Jackson. Die Studentin Sofia ist die erste, die anhält. Doch als Nellie wenig Verständnis für deren Modell der Fernbeziehung aufbringt, setzt diese sie am nächstbesten Rastplatz wieder ab. Um im nächsten Auto bei dem schmierigen Norbert zu landen, der bald aufdringlich wird. Nellie ergreift die Flucht und läuft in die Arme der exzentrischen Mrs. Wedlock, die sie fast bühnenreif in ihren Oldtimer – einen Morris Baujahr 61 – rettet.

Die ehemalige Schauspielerin und Sängerin will mit fünf Tüten, in denen 22 alte Damenschuhe sind – erst auf Seite 133 erfährt der Leser, dass die ihrer Mutter gehört haben – in den Süden ans Meer, hofft aber auch, bei den Festspielen in Avignon noch eine Rolle zu bekommen.

Was die alte Dame aus ihrem Leben erzählt, nimmt sich recht wunderlich aus. Sie erlebt offensichtlich eine Nähe zu ihrer toten Schwester Leni und lebt in der Wahnvorstellung, dass irgendwelche Fabelwesen, die sogenannten kleinen Leute, sie und ihre Schwester Leni schon seit Jahren verfolgen.

So herzensgut die alte Dame ist, so wird doch bald klar, dass sie nicht ganz richtig tickt: als Jackson an den Tüten, die hinten im Auto liegen, schnüffelt, baut Mrs. Wedlock aus Panik fast einen Unfall. Später erklärt sie, dass Jackson dadurch die kleinen Leute angelockt habe.

Einige Tage danach findet Nellie Aufzeichnungen, die ein Licht auf Mrs. Wedlocks Geschichte werfen.

Und hier befinden wir uns schon mitten in dem zweiten Strang, der den Topos der Geschwisterliebe spiegelt:

Leni ist Mrs. Wedlocks vier Jahre ältere Schwester, die, so wie ihre Mutter, 1944 bei einem Bombenangriff auf Berlin starb. Jetzt wissen wir Leser, was Mrs. Wedlock traumatisiert hat.

Während Nellies und Mrs. Wedlocks Reise passieren die komischsten und zum Schluss, in Avignon, auch die dramatischsten Ereignisse, aber vor allem trifft Nellie auf einer Raststätte den 17-jährigen Tramper Elias. Auch er will in den Süden. Sie trinken Bier, hören gemeinsam Musik, und Nellie bewundert das Drachentattoo auf seinem Arm. Und sie spürt plötzlich: es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem sie jetzt lieber wäre.

In Avignon überschlagen sich dann die Ereignisse derart, dass sie keinen Wunsch junger Leser nach Spannung und Dramatik offen lassen. Nellie, beziehungsweise Jackson, findet zwar Kolja, doch der ist überhaupt nicht erbaut von Nellies plötzlichem Auftauchen und will sie zurückschicken. Er hat sich – unwissentlich – in Drogengeschäfte hineinziehen lassen und wird nun von der Dealerbande verfolgt, weil er ein Kilo Heroin unterschlagen und versteckt hat. Erst versuchen Nellie und Kolja mit Mrs. Wedlocks geklautem Morris zu entfliehen, wobei es zu einer Vertrauenskrise zwischen Nellie und Elias bzw zwischen Nellie und Kolja kommt, als sie die Geschichte mit dem Heroin erfährt. Sowohl Nellie als auch Kolja werden getrennt von der Bande als Geiseln genommen und verschleppt. Nellie kann sich befreien, und beide werden bei der Übergabe des Heroins von Elias und dem Bühnentechniker Ben sowie dessen Mitarbeitern gerettet.

Das ist alles wirklich spannend, aber das Besondere an dem Roman ist die Einbettung der kruden Wirklichkeit in märchenhafte Phantastik und die Autorenhaltung der Überwindung der Krisen durch die Empathie und Solidarität der Figuren zueinander.

Der Roman ist aus der Ich-Perspektive der Heldin geschrieben und spiegelt humorvoll und einfühlsam zugleich die Gedanken und Gefühle einer überforderten Teenagerin, die sich nicht vorstellen kann, den geliebten großen Bruder für immer gehen zu lassen. Dabei deutet sich bald an, dass es sich hier nicht nur um die gewöhnliche Anhänglichkeit einer jüngeren Schwester handelt, sondern dass Kolja für Nellie von klein auf eine existenzielle Rolle gespielt hat, wenn ihre Eltern wieder und wieder in Depressionen verfielen.

Am Ende wird in einem Schlüsseldialog zwischen Kolja und Nellie das Geheimnis gelüftet: der Tod des schwerkranken jüngeren Bruders Jonas, eine Tragödie, die die Familie nie verkraftet hat, und an der sie nun endgültig zu zerbrechen droht.

Nellie wird von Schuldgefühlen verfolgt, weil sie den Eltern damals nicht gesagt hatte, dass es dem kleinen Bruder schlechter ging, und wird seit Jonas‘ Tod von Alpträumen gequält.

Doch während Nellie immer noch daran glaubt, dass die Familie geheilt und wieder zusammengefügt werden kann, wenn dem totgeschwiegenen Jonas endlich der Platz eingeräumt wird, der ihm zusteht, fühlt Kolja sich seit jeher in seiner Familie ohne Platz, weshalb er sich nun lossagen will.

Auf einer tieferen emotionalen Ebene geht es also letzten Endes um das Thema Loslassen.

Nellie muss lernen zu verstehen, dass nicht alle Wunden geheilt werden können und dass auch sie loslassen muss, um ihre eigene Zukunft zu finden. Und so wird ihr am Ende ihrer Reise, als sie zum ersten Mal ohne Idealisierung mit ihrem Bruder konfrontiert wird, klar, dass sie wegen des Verlusts des einen Bruders dem anderen eine zu große Rolle in ihrem Leben eingeräumt hat – die dieser nicht mehr ausfüllen kann.

Indem am Ende zum ersten Mal nicht mehr er sie, sondern sie ihn »rettet«, wird Nellies innerer Entwicklungsprozess auch auf der äußeren Handlungsebene gespiegelt: Nellie braucht Kolja nicht mehr, sondern Kolja braucht Nellie. Ihre »Hero‘s Journey«, bei der Nellie ganz auf sich allein gestellt war, hat sie reif und unabhängig werden lassen. Und so kann sie am Ende auch von Jonas Abschied nehmen: dem Bruder, der als Baby sterben musste, aber der sie trotzdem nicht daran hindern darf, ihr eigenes, glückliches Leben zu finden.

Eine große Rolle für Nellies Entwicklung spielen ihre beiden Reisebegleiter, die ihrerseits vor ihren eigenen, tragischen Familiengeschichten auf der Flucht sind.

»Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich«, heißt ein berühmtes Zitat von Lev Tolstoi, der erste Satz des Romans Anna Karenina.

Wie Mrs. Wedlock und Elias mit ihrem Schmerz umgehen, ist für Nellie die eigentliche, große innere Erfahrung dieser Reise: Sie erlebt, wie Mrs. Wedlock es endlich schafft, ihre tote Schwester Leni positiv in ihr Leben zu integrieren, und sie erfährt die tragische Familiengeschichte von Elias, dessen Eltern ihn nach ihrer Trennung beide nicht mehr wollten, der sich selbst verletzte, in die Psychiatrie kam und dann die Ritzspuren mit dem Glücksdrachen überdeckt hat.

Nellie spürt, wie die Funken des Glücksdrachen auf sie überspringen. Und so ist die Schlussperspektive für Nellie und Elias der gemeinsame Rest des ganzen Lebens: »Der Rest ist das ganze Leben, das vor uns liegt. Vor dir und vor mir und vor uns gemeinsam.« (S.270)

Nellie hat die für ihr Alter völlig natürliche Auffassung, dass Liebe auch Zusammensein bedeutet.

Beim Trampen hatte sie nicht verstanden, dass die Studentin Sofia ein ganzes Jahr ihren Freund nicht gesehen hatte und das völlig in Ordnung fand. Und dass Elias mit einem Mädchen zusammen war, das er nicht liebte, hatte sie auch nicht verstanden.

Die Erzähl-, beziehungsweise Schreibweise (in diesem Falle auch im buchstäblichen Sinne) erfüllt alle Ansprüche, die erwachsene – und auch von Berufs wegen kritische – Leser an einen modernen Roman stellen können, ohne dass das wiederum jungendliche Leser langweilen oder irritieren dürfte: Nellie ist Ich-Erzählerin und erzählt aus ihrem Erleben und ihrer Perspektive in der ihr gemäßen Jugendsprache, durchsetzt von Ausdrücken wie »cool«, »megacool«, »echter Hammer«, »fettes Problem«, »Megagau« etc. und bedient sich auch zeitgenössischer Medientechnik, indem sie neun Textpassagen auf den Soundrekorder ihres Handys spricht, die dadurch einen weniger persönlichen Charakter haben.

Sie erzählt beziehungsweise schreibt für das Du, das sie anspricht: »Ich will, dass Du mich verstehst. Damit ich selber begreife. Und damit Du mir verzeihst. Und dafür musst Du mir zuhören.« (S.9) usw.

Erst die kursiv gesetzte Stelle auf Seite 183 sagt eindeutig, dass es sich bei dem Adressaten um den als kleines Kind gestorbenen Bruder Jonas handelt.1

Gleichzeitig enthält das auch die Fiktion, dass die erlebende Erzählerin Nellie nach ihrer glücklichen Rettung und Heimkehr das Buch geschrieben hat, und zwar als 270 Seiten langen Brief an einen Toten, der ihn nicht lesen kann, deshalb wird »Du« auch immer groß geschrieben. Der Sinn des Schreibens ist, sich Jonas zu vergegenwärtigen: »Seit ich Dir schreibe, frage ich mich das: wo Du jetzt bist. Ob Du mich sehen kannst. Solange ich Dir schreibe, bist Du da. Aber wenn ich den Stift weglege, verschwindest du wieder. Wohin?« (S.246) Und schließlich heißt es: »Das Haus ist aus Glas. Es hat nicht standgehalten. Die Stillen Lügen haben es gesprengt. Und jetzt sitzen wir in den Glassplittern. Aber inzwischen habe ich Dich gefunden.« (S.253)

Werden jugendliche Leser hier überfordert? Ich glaube nicht, denn junge Menschen sind ja – sofern sie überhaupt lesen – sehr einfühlsame Leser.

Dass die Autorin Dramaturgin und Redakteurin bei SWR 2 ist, Radiofeatures und Hörspiele schreibt – was sie übrigens mit Thaddäus Troll verbindet – merkt man an den Passagen, die den Charakter von Regieanmerkungen haben (z.B. S. 46). Außerdem gibt es Passagen in anderen Drucktypen als dem Haupttext, die offensichtlich gedachte Ereignisse oder Reaktionen von anderen Menschen in Nellies Phantasie darstellen.2

Der ganze Text von 270 Seiten ist – sehr leserfreundlich – in 149 kurze Abschnitte gegliedert (von denen einige wenige nur aus wenigen Worten, beziehungsweise nur aus einem bestehen), zum Beispiel Abschnitt 77 (»Leider«, S.160), Abschnitt 81 (»mehr erfährst du nicht«, S.173) nebst Prolog und Epilog.

Die Autorin Katrin Zipse ist ein Landeskind. Sie wurde 1964 in Stutttgart als Tochter eines Diplomingenieurs und einer Lehrerin geboren, hat zwei ältere Geschwister und einen Zwillingsbruder. Sie wuchs in Grünstadt (Rheinland Pfalz) und in Bad Dürrheim (Schwarzwald Baar Kreis) auf und besuchte in Villingen-Schwenningen das Deutenberg Gymnasium. Nach dem Abitur 1983 ging sie nach Berlin und studierte unter anderem Theaterwissenschaften und Deutsche Philologie.

Während und nach dem Studium arbeitete sie am Renaissance-Theater Berlin als Dramaturgieassistentin, später als Dramaturgin für die Studiobühne und verschiedene Off-Theater sowie als Regieassistentin.

1993 heiratete sie, ist Mutter von zwei Kindern, denen sie ihren ersten Roman gewidmet hat, und arbeitet seit 1997 als Dramaturgin und Autorin in der Hörspielabteilung des SWF, bzw 1998 im SWR. Sie lebt mit ihrer Familie in Baden-Baden.

Typisch für Katrin Zipse ist eine solide Recherche. Aus gut informierter, aber geheimer Quelle habe ich erfahren, dass während der ganzen Zeit ihres Schreibens an dem Roman ein Buch über Morris Oldtimer in ihrem Zimmer lag. Dem Besitzer des Buches gehörte auch ein grüner Morris, mit dem sie dann eine Probefahrt machte, um zu sehen, wie so ein Ding denn läuft und was im Falle einer Panne kaputt gehen kann.

Gemeinsam mit ihrem Mann Uwe Meyer fuhr sie dann im letzten Herbst 2013 über die Landstraße von Genf nach Avignon die Route nach, die die Autocrew benutzt haben könnte. In Avignon suchten sie dann die kleinen Theater … von denen es gefühlt 217 gibt …

Und woher nimmt die Autorin ihre Inspirationen?

Ich hege die Vermutung, dass es für eine Figur, nämlich für den großen, haarigen Hund Jackson – übrigens einer meiner persönlichen Lieblingscharaktere – ein Vorbild in der Wirklichkeit gibt, das zwar nicht ganz so groß und haarig ist, aber ebenso gerne am Bauch gekrault wird, wie Jackson …

Liebe Katrin, dein ein erster Jugendroman Glücksdrachenzeit ist ein großer Wurf, dem man viele Leser wünscht, jüngere und ältere, und der den Thaddäus-Troll-Preis wahrlich verdient hat!


1 ebenso die Abschnitte 105-107, 115, besonders 149

2 z.B. S.79, S.83ff, S.119, S.141, S.225)