Thaddäus-Troll-Preis 2012: Laudatio

Von Alissa Walser

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Sandra Hoffmanns Buch Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist ruht auf dem Muster, aus dem ursprünglich die Märchen gemacht sind. Das ist zwar ein Widerspruch dazu, dass die Märchen gut ausgehen, aber da diese vor allem vom Unterschied zwischen jenem Leben und dieser erzählten Geschichte sprechen, hebt der Widerspruch im Unterschied sich auf.

Im Buch Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist, für das Sandra Hoffmann heute mit dem Thaddäus-Troll-Preis ausgezeichnet wird, kommt einer am Ende des Lebens dort an, wo der Kreis einer Geschichte zum Anfang sich schließt, und er steht vor der Frage: Willst du ein zweites – ein Nocheinmalleben? Und er sagst: Ja, selbstverständlich. Und jener, der allanwesende „deutsche Meister“ der Selbstbefragung sagt: Nimm es, hier ist es, du kennst es, es ist identisch dem, das du hattest.

Da sagst du natürlich: So nicht, so war das nicht gedacht. Und er: Mit Denken hat das gar nichts zu tun. Zum Denken braucht es kein zweites Leben. Also, dies oder keines. Eins nach dem andern. Geh in dich.

Und siehe: Du gehst.

Und wenn du dann gehst wie Janek Belinski, der Held dieses Buches der Erinnerung, dann und nur dann hebt sich, wie gesagt, der Widerspruch zwischen Leben und erzählter Geschichte im Unterschied zwischen Tod und Leben auf.

Denn: eingebunden in eine deutlich palliativmedizinische Situation und am leicht widerspenstigen roten Faden der von seiner inneren Stimme sogenannten kleinen Schwester, der jungen Krankenschwester Marita, erzählt sich Belinski durch das Gefühlslabyrinth seiner Kindheit in Polen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, seiner Zeit als Zwangsarbeiter in Süddeutschland bis in die Jahre des westdeutschen Wirtschaftswunders, in denen er studiert und als Architekt arbeitet.

An was er gearbeitet, was er ge- oder erbaut hat, erfahren wir nicht. Jeder erzählte Raum verliert sich Zeile für Zeile, in einem Faltenwurf von Zeitraum. Das Labyrinth ist zwar der Weg durch das Labyrinth, das Ziel aber ist nicht der Ausweg, sondern das Zentrum; und Ariadne, die Enkelin des Zeus, entpuppt sich Name für Name als jene drei Frauen, die Belinskis zweites Leben begleiten. Das Leben Janek Belinskis in Deutschland, nachdem seine Familie die Greuel der deutschen Okkupation Polens nicht überlebt hat. Sie heißen Paula, Agota und Hannah. Und in dieser Drei-Wünsche-Gestalt spielen sie die Rollen von Mutter, Frau und Tochter. Die Erste ist die, über die er spricht, die Zweite die, mit der er spricht und die Dritte jene, von der er schweigt, bis endlich ihn die Gegenwart einholt.

Die Gegenwart ist körperlich. Sie ist emotional und nur selten aus der Fassung zu bringen. Sie heißt von Anfang bis Ende „Kleine Schwester Marita“. Ihre Jugend schmerzt und lindert die Schmerzen, sie erfüllt ihre begleitende Funktion und hat gleichzeitig ein Leben jenseits seines Sterbens. Wenn er, Belinski, meint, in ihrer Gegenwart sich dem viel beschworenen Schuldgefühl des Überlebenden den Toten gegenüber hingeben zu können, wird sie ihn prompt darauf verweisen, dass seine Gefühlsarmut den Lebenden gegenüber solcherart ziemlich paradox erscheint.

Nein, ich will die Geschichte nicht einmal auf dieser Ebene nacherzählen, möchte allerdings kurz auf ein paar wenige, wie Gelenke erscheinende Textpassagen hinweisen, die mir über die handelnden Personen hinaus etwas Allgemeines, hier zwar an die verhinderte Vaterfigur Belinskis Gebundenes, aber wahrscheinlich direkt der Erfahrung der Autorin Entsprechendes mitteilen. Zuerst ein Satz, der, sicher nicht ohne Grund, die absolute Mitte des Textes bildet: „Wenn alles erzählt sein wird, ist mein Leben vorbei.“

Ich weiß natürlich, dass, wenn ich nichts mehr zu erzählen habe, nicht mein Leben als Mensch vorbei ist, sondern mein Leben als Schriftstellerin. Sofern ich aber mein Erzählen als Identität betrachte, als Bedingung – will sagen: ich lebe nicht, um zu schreiben, sondern schreibe um zu leben –, unterscheidet mich nichts mehr von Belinski. Und ich ahne, dass es diesbezüglich auch keinen Unterschied zwischen Janek Belinski und Sandra Hoffmann gibt. Beispiele dieser Art könnte ich nun von jeder Seite des Buches abrufen. Beispiele dafür also, dass es die Selbsterfahrung der Autorin war, die ihr diese Geschichte diktierte. Denn wenn in „Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist“ alles darauf hinausläuft, dass ihm, Janek Belinski, obwohl er es konkret nicht ausspricht, die fehlende Tochter fehlt, dann seien sie sicher, dass das Antonym des Unausgesprochenen der fehlende Vater ist.

Es geht also weniger um das, was Belinski erzählt – denn das ist kein weißer Fleck unserer deutschen Literaturgeschichte –, sondern erstens darum, dass er erzählt und zweitens, wie er erzählt. Der Allgemeinplatz, dass die Literatur keine neuen Geschichten erfindet, aber neue, persönlichste Perspektiven aus der Geschichte heraus diese überhaupt erst zu unserer Geschichte machen, ist deshalb hier nicht zu diskutieren.

Weder Belinski noch Hoffmann lassen sich auf über äußere Situationen hinausgehende Frage-und-Antwort-Spiele ein. Die Transmitter der Erinnerung, die Sinneswahrnehmungen, funktionieren ja weitaus diffiziler: Sie ordnen die Zeit nicht, sie vermischen die Zeiten. Und für mich ist es die hohe Leistung von Literatur, wenn sie ihr ureigenes, ordnendes Prinzip dem berauschenden Cocktail der Selbsterfindung öffnet. Dass Sandra Hoffmann dies in der Figur Janek Belinskis gelungen ist, liegt auch daran, dass sie die Zeit nicht angehalten, keinem historischen Ansatz nachgegeben hat. Und wenn die Zeit in Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist doch hin und wieder innehält, in höchster Not förmlich stillsteht, dann beginnt sie sofort zu zählen. Der Knabe Janek zählt, der Mann Belinski zählt, der Greis Janek Belinski zählt, immer wenn es eng wird zählen sie sich vorwärts. Wie der Sekundenzeiger der Uhr, wie die Viertelstundenglocken des Kirchturms in unserer Mitte. Bis an das Ende, das Nichts, die unvorstellbar hohe Zahl „Unendlich“.

Und Belinski denkt: „Aber wie geht das Nichts? Im Schlaf gibt es immerhin den Traum.“

Einerseits ist uns die mehr als Vermutung geläufig, Sinn des Träumens sei es, das Ungeordnete wie den Fang im Schleppnetz an Deck zu ziehen, um es den überlebenswichtigen Schubladen zuzuordnen. Und zusätzlich ist es natürlich das Ungeordnete aller Zeiten eines Lebens, das sich in den Träumen wiederfindet. Andererseits könnte ich mir das Nichts vorstellen wie einen – wovon auch immer – vollen, übervollen, gar überfüllten Raum, nachdem etwas zu Ende erzählt worden ist; und das absolute Nichts geht, wie wenn erst die wenigen leeren Seiten am Ende eines Buches ein Buch zu Ende schreiben. Aber es muss selbstverständlich ein Buch sein, das so fein vom Erzählen erzählt wie das Sandra Hoffmanns. Ihre Art das Zeitgeschehen ordnend zu vermischen, gerade indem sie auf räumlich Atmosphärisches verzichtet, gerade weil sie die Geschichten in der Geschichte nicht mit der Peitsche der Aufklärung über ihre jeweiligen Ziellinien treibt, stellt Sandra Hoffmanns große und hier zu preisende Leistung dar.

Ich bin froh, dass das Buch Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist in meinem Bücherregal nicht fehlt, und Sandra Hoffmann wünsche ich viele, viele genau lesende Leserinnen und Leser und andauernden, weit, weit über dieses Buch hinausreichenden Erfolg.