Thaddäus-Troll-Preis 2012: Grußwort

Dr. Renate Müller-Buck, Vorsitzende des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg

tp2012-rmb-sh
Dr. Renate Müller-Buck, die Vorsitzende des Förderkreises, überreicht den Preis an Sandra Hoffmann.

Liebe Gäste, meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie ganz herzlich zur diesjährigen Verleihung des Thaddäus-Troll-Preises an Sandra Hoffmann.

Besonders herzlich begrüße ich die Preisträgerin selbst, sowie die Malerin und Schriftstellerin Alissa Walser, die heute die Laudatio auf Sandra Hoffmann halten wird – und ich begrüße den Künstler und Musiker Thomas Maos, den Sie heute mit zwei Komposition hören werden, die er eigens für diesen Anlaß komponiert hat.

Preise sind wichtig, meine Damen und Herren, damit Literatur entstehen kann und Baden-Württemberg ist ein Land, dessen Literaturförderung sich sehen lassen kann. Der mit 10.000 Euro dotierte und inzwischen wieder jährlich vom Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg verliehene Troll-Preis – die Mittel hierfür stammen aus dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst, dem an dieser Stelle herzlich gedankt sei – der Troll-Preis wurde 1980, im Todesjahr von Thaddäus Troll, zu Ehren seines Namensgebers gestiftet, dem die Förderung des literarischen Nachwuchses im Land stets ein besonderes Anliegen gewesen ist. Der Preis versteht sich, ganz im Sinne seines Namensgebers, als Förderpreis, der zum Ziel hat, jüngere Autorinnen und Autoren des Landes zu fördern, sie zum Schreiben zu ermutigen, ihnen das Schreiben zu erleichtern. Er wird heute bereits zum 29. Mal verliehen und ist mittlerweile zu einer anerkannten und viel beachteten literarischen Auszeichnung geworden. Unter den Preisträgern befinden sich bedeutende Namen wie Rafik Schami, Arnold Stadler, Karl-Heinz Ott, Joachim Zelter, Angelika Overath, Annette Pehnt, José Oliver und zuletzt Martin von Arndt und Lisa Marie Dickreiter. Sie erinnern sich: sie war die erste Tübinger Stadtschreiberin und hat den Preis im vergangenen Jahr erhalten.

In diesem Jahr geht der Thaddäus-Troll-Preis an Sandra Hoffmann für ihren Roman Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist (Hanser Berlin, 2012). Es ist der vierte Roman der Autorin, deren Debütroman Schwimmen gegen Blond, 2002 erschienen ist. 2004 folgte Den Himmel zu Füßen, mit dem sie im selben Jahr auch in Klagenfurt angetreten ist und 2008 der Roman Liebesgut, für den sie ein Jahr später mit dem Mörike-Förderpreis der Stadt Fellbach ausgezeichnet worden ist.

Im Rahmen eines Projekts des Goethe-Institutes und der Literaturhäuser war Sandra Hoffmann im Jahr 2006 einen Monat lang Stadtschreiberin in Mumbai. In literarischen Kurzportraits und Tagebuchnotizen berichtete sie in einem Blog – das war die Bedingung, an die der Aufenthalt geknüpft war – über ihre Eindrücke und Erfahrungen in der indischen Megacity.

Seit 2003 organisiert und moderiert Sandra Hoffmann einmal pro Monat während des Semesters die Lesereihe Buch&Bühne im Landestheater Tübinger, wo sie gezielt für ein junges, vorwiegend studentisches Publikum namhafte Autoren eingeladen hat, darunter Autoren wie Annette Pehnt, Frank Goosen, Thomas Brussig oder Uwe Tellkamp.

Doch nun zu dem Roman, den die Juroren des Förderkreises in diesem Jahr ausgewählt haben: Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist. Es ist die Geschichte eines polnischen Zwangsarbeiters – Janek Bilinski –, der als Kind in seiner Heimat von deutschen Soldaten aufgegriffen und zur Zwangsarbeit auf einen Bauernhof nach Oberschwaben verschleppt wird. Er ist der einzige Überlebende seiner Familie, bis nach dem Krieg überraschend ein Onkel auftaucht im Schwäbischen und ihm eine Ausbildung ermöglicht. Janek studiert Architektur, heiratet, hat auch eine Tochter, aber er kehrt nicht mehr nach Polen zurück.

Mit diesem Roman und seinem literarisch bislang eher wenig beachteten Sujet hat der neugegründete Hanser Berlin Verlag in diesem Sommer sein belletristisches Programm eröffnet. Das war eine gute Entscheidung. Nicht nur des Themas wegen. Es sind vor allem die strenge Komposition und die lakonisch-klare Sprache, die den Roman auszeichnen. Der Roman spielt in den letzten Tagen von Bilinskis Leben, er liegt im Sterben. Die kleine Schwester – gemeint ist die Nachtschwester – ist die einzige weitere Person in diesem Kammerspiel zu zweit. Ihr erzählt er sein Leben oder vielmehr das, was kurz vor dem Ende davon ungeordnet aus dem Nebel der Erinnerung aufsteigt – Erinnerungsfetzen meist nur, in denen Gegenwart und Vergangenheit ineinander über gehen, sich vermischen. „Kopfkino“ nennt Bilinski das: Er schließt die Augen, wartet und befindet sich schon mitten drin in dem „so weit entfernt gewesenen Leben“. In lapidaren Sätzen tritt es ihm entgegen: „Das schlimme Leben rennt in einen hinein und rennt auch wieder heraus, weil das gute Leben auch hinein will“. So unpathetisch sieht das Bilinski. An anderer Stelle sagt er: „Als ich 19 war, war ich schon in meinem zweiten Leben“, und er bemerkt auch: „Nie spürt man die Stille besser, als nach dem mutwilligen Tod eines Tieres“.

Mindestens ebenso überzeugt wie von der Sprache waren die Juroren davon, wie gut es der Autorin gelungen ist, die vielfachen, komplexen Handlungsstränge und Zeitebenen miteinander zu verweben – aber ich will hier gar nicht weiter ausholen, sondern an dieser Stelle Alissa Walser das Wort erteilen, die nun in ihrer Laudatio Sandra Hoffmanns Roman ausführlicher und eingehender würdigen wird. Vielen Dank Alissa Walser, dass Sie heute hierhergekommen sind, wir freuen uns auf Ihre Ausführungen. Ihnen meine Damen und Herren vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.