Thaddäus-Troll-Preis 2011

Preisträgerin: Lisa-Marie Dickreiter

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Lisa-Marie Dickreiter (Foto: Winfried Oelsner)

Der Thaddäus-Troll-Preis 2011 geht an Lisa-Marie Dickreiter für ihren Roman „Vom Atmen unter Wasser“, erschienen 2010 bei Bloomsbury Berlin. Das zunächst als Drehbuch konzipierte und 2008 verfilmte Buch handelt vom Trauern. Ein junges Mädchen ist vergewaltigt und ermordet worden. Mutter, Vater, Bruder müssen weiterleben.

Die Preisverleihung fand am 8. Dezember 2011 im Rahmen der Stuttgarter Buchwochen im Haus der Wirtschaft statt.

Mit großem psychologischen Feingefühl und dramaturgischem Geschick erzählt die 33-jährige Schriftstellerin von den großen Verwundungen, die eine Morduntersuchung bei den Hinterbliebenen mit sich bringt, und den kleinen alltäglichen, die entstehen, wenn auf einmal nichts mehr so ist, wie es noch bis vor kurzem war. Ihre Schilderungen entwickeln einen unwiderstehlichen Sog, der den Leser in die Schuldgefühle und Tagträume der drei Protagonisten hineinzieht und ihn teilhaben lässt an der Sensation, die der Geruch eines ungewaschenen Kleides hervorruft, oder dem Erschrecken, das die plötzlich in den Raum gestellte Frage, ob man das Kind mit oder ohne Kontaktlinsen beerdigt hat, bewirkt. Akribisch schildert sie das verzweifelte Sich-Anklammern an Erinnerungen aus der Zeit vor der grausamen Tat und das allmähliche Loslassen-Können, das ein Weiterleben ermöglicht.

Lisa-Marie Dickreiter ist ein großer Wurf gelungen. Wenn man diesen Roman zu lesen anfängt, kann man ihn nicht mehr aus der Hand legen. Er lässt den Leser nach der Lektüre sprachlos zurück, dem Kindergesicht im Busfenster nachblickend, das einen aus der letzten Seite heraus anschaut. „Vom Atmen unter Wasser“ ist ein Buch über das Überleben. Eines der genauen Beobachtung und der lebendigen realistischen Schilderungen. Psychologisch höchst raffiniert in seinen Symbolen und Bildern, ein Roman, der szenisch perfekt gebaut ist, mit größter erzählerischer und stilistischer Raffinesse geschrieben, aber dabei so gestaltet, daß er auch Wenigleser beeindrucken wird durch seinen Tiefensog, durch den Spannungsaufbau und die äußerst lebhafte Gestaltung seiner Charaktere, die, mit ihren ganzen Schwächen, dem Leser im Laufe der Geschichte immer mehr ans Herz wachse.

Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert und nach dem Mitbegründer des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg Thaddäus Troll (1914 –1980) benannt. Troll hat sich Zeit seines Lebens nachhaltig für die Förderung von Schriftstellerkolleginnen und –kollegen eingesetzt. Die öffentliche Preisverleihung findet am 08. Dezember auf den Stuttgarter Buchwochen statt.

Nähere Infos und Bilder zur Autorin: www.lisamariedickreiter.de

Laudatio: Markus Orths