Thaddäus-Troll-Preis 2010: Laudatio

Jürgen Lodemann

„Holt Hartmann vom Himmel!“
Was soll das, werden Sie fragen, eine Laudatio erwarten Sie hier auf Martin von Arndt, und wenn schon Himmel, dann hebt man Preisträger in den Himmel und holt sie nicht runter. Aber
nun geht es erst mal gar nicht um von Arndt, sondern um Hartmann, holt den vom Himmel!
Sie merken, ich hab mir vorgenommen, die Laudatio in etwa so anzulegen, wie von Arndt seine Texte macht, nämlich zunächst alles andere als auf Anhieb entschlüsselbar. Dieser Autor bringt es fertig, dass wir auch Prosa so lesen wie Gedichte, am besten dreimal oder
noch öfter, erst spät beginnt das Ergreifen, und darum nun noch mal: Holt Hartmann vom Himmel! Am Ende dieser Laudatio werden Sie wissen, wie zielgenau das mit Martin von Arndt zu tun hat und was das überhaupt soll, solch pathetischer Schrei, mit dreimaligem „H“
(holt Hartmann Himmel), Stabreim wie bei Germanen, Isländern und Wagner, womöglich Nazi-Schwulst, das passt ja wohl gar nicht zum Verfasser von „ego shooter“ und „Der Tod ist ein Postmann mit Hut“.
Doch, es passt. Scheinbar Unpassendes gehört zu den Methoden des hier und jetzt zu lobenden Autors. Der findet zwar die Welt mindestens so verkorkst wie der Laudator, zieht daraus aber fürs Schreiben andere Konsequenzen. Während ich mit letztem Gut-Menschen-Gehechel hinter Auswegen und Besserungen her bin, macht Martin von Arndt seinen beißenden Befund im „Ego-Shooter“ mit noch bissigeren Texten zum Säure-Bad, in dem ständig Neologismen querschießen, Ungetüme, fangen wir mal an mit was scheinbar Harmlosem, etwa mit einem Wort wie „permafrust“– permafrust – tja, der Autor ist unter anderem bewandert im eiskalten Osten und tief im Osten haben wir halbe Jahre lang im Boden Perma-Frost, und was erleben wir dann in unserem Westen? bei der Heimkehr? Die Antwort liefert der Blick auf unser aller kaputten Nordflügel. Stuttgarts geknickter Flügel verspricht nun für viele Jahre Dauer-Frust, eben „permafrust“.
Durch Arndts Prosa fetzen immerzu solche Wortgeschosse, da wird zum Beispiel mit tatsächlich nur zwei Wörtern erschöpfend mitgeteilt, was zu halten ist von bundesdeutscher Radiokultur. In seinem morgendlichen „permafrust“ schaltet der Ich-Erzähler das Gerät ein und hört „hirntoten top-ten-seim“. („Seim“ – letzter Buchstabe nicht Nordflügel, sondern Mappus). Nur zwei Wörter und sie melden Treffendes über die Zumutungen des öffentlichrechtlichen
Systems, das gleich zu Beginn im „ego shooter“ herfällt über das leidende erzählende Ich, zusätzlich zum Schnitt in die Handsehne, zur Tablettensucht, zum Alkoholismus, zur Hirnhautentzündung, zur kaputten Mutter, zum toten Vater, zum toten Freund und zum leeren und ebenfalls kaputten Kühlschrank in einer Stuttgarter Hinterhofwohnung.
Wenn Dürrenmatt sagt, eine Geschichte wird dann gut, wenn sie ihr schlimmstmögliches Ende findet, so knöpft von Arndt sich gleich die Anfänge vor. Im „ego shooter“ verwahrlost unterm „hirntoten top-ten-seim“ nicht nur ein digitaler Bohemien, sondern auch, um ihn herum, das Dasein, nämlich das uns allen gemeine und zugleich das konkret persönliche dessen, der da erzählt. Wenn von dessen Vergangenheit etwas klar werden soll, dann bringt der Autor es fertig, das, was schreibende Kollegen zum Siebenhundert-Seiten-Familien-
Roman auswalzen würden, auf eine halbe Zeile zu reduzieren, auf einen fast flapsigen Querschläger, ein kleines Satz-Monster, mitten im Elend-Alltag dieses ich-verrannten Egos;
dieser Satz endet: „ – konnte er diesmal nicht.“ Punkt. Erst mal nichts Besonderes, nur eine weitere Impotenz. Aber die erste Hälfte geht so: „Durchs Schilf davon kommen wie nach dem  Aufstand 56 – “, und dann schon dieser Schluss: „ – konnte er diesmal nicht.“ Da sitzen wir Leser vor solchen Satz-Hälften und grübeln und fragen uns, was denn in des Stuttgarter Ego-Shooter-Junkie-Abseits ein Wort soll wie „Schilf“. Der Kerl gibt keine Hilfe, ist einfach kein
Gutmensch, bietet nirgends lesepädagogische Handreichung, wir müssen also auch diese beiden Halbsätze mehrmals lesen und ahnen allmählich das Siebenhundert-Seiten-Epos, das sich hinter den wenigen Wörtern autobiographisch verbirgt: Man weiß ja, der Kerl kam oder kommt aus Ungarn, und 56 kam es dort zum Freiheitsversuch gegen Russlands Panzer, ähnlich wie bei uns am 17. Juni 53. Und als staatlich geprüfter Geograph weiß ich zum Glück,
dass dieses flache Ungarland große Flach-Seen hat, „Plattensee“, und nichts anderes dürfte deren Ufer begleiten als eben Schilf, breite Schilfgürtel, in denen sich nicht nur Vögel verbergen, sondern auch, bei Lebensgefahr, Flüchtlinge, auch 56 – nein, nicht auf 700 Seiten,
sondern in allerknappstem Halbsatz kriegen wir solche Geschosse vor die Füße, auch dieser dürfte zu all den viel zu rasch gelesenen und überlesenen gehören. „Durchs Schilf davonkommen wie nach dem Aufstand 56, konnte er diesmal nicht.“ Punkt.
Es lohnt sich, Arndts Romane wiederholt zu lesen, da findet sich im akuten Stuttgart-Ungarn-Aluminium-Klärschlamm Brillantes. Und auch ich fand darin endlich Antwort auf die Frage, die sich mir seit den 60er Jahren gestellt hatte, wann immer ich in Bahnhöfen zu
warten hatte, keine Sorge, nun kommt nichts von S oder K21, sondern ein Reise-Alltag vor 40 oder 50 Jahren, im Ruhrgebiet, in Baden, Hamburg, Berlin oder Stuttgart, überall gibt es ja bekanntlich Bahnhofsbuchhandlungen und in jenen Jahren stand da in jedem Schaufenster dieser Buchtitel, vorn ein markiges Gesicht, deutscher Flieger-Offizier, kühn aufwärts blickend, und hinten, am Himmel, ein Jagdflugzeug im entscheidenden, im lebensrettenden Schwenk oder Looping, und darüber in dicken Buchstaben eben dieser Befehl: „Holt
Hartmann vom Himmel!“ Jahrzehnte lang wusste ich nicht, was das sollte, wollte auf keinen Fall einen Landser-Schinken kaufen. Hatte das Kapieren längst aufgegeben und die Erinnerung daran weggeschoben. Aber nun, seit ich Arndt lese, weiß ich Bescheid. Und Sie hier können im Saal bleiben, wir preisen im Namen des wunderbaren Thaddäus Troll keineswegs einen Landser-Schinken, sondern weiterhin von Arndts geschliffene Prosa,
geprägt durch Ungarn, Ruhrgebiet und Stuttgart und andere härtende Erfahrungen.
Thaddäus wäre begeistert von dieser Prosa, da bin ich sicher, denn der Troll geistert ganz wo anders herum als dort, wohin ihn die damalige Stuttgarter Edelpresse gern gehabt hätte, ihn und mit ihm gleich auch den Schriftsteller-Verband VS, der unter Doktor Troll aufs Degoutanteste in Richtung Gewerkschaft steuerte, wonach es immer schwerer wurde, den Troll weiterhin darzustellen als drolligen Gemütlichkeitshuber auf Schwabens Ofenbänken, ach, hätten wir doch gerade jetzt unseren glanzvollen Kollegen Thaddäus, jetzt, wo tief unterm Talkessel Milliarden teure Nadelöhre vergraben werden sollen. Troll wüsste sie, die nun dringend notwendigen saugenauen Halbsätze und Beißwörter, da bin ich sicher, und sicher bin ich schon deswegen, weil ich erst jetzt weiß, dass er es war, der vor nun 35 Jahren mich in den PEN-Club empfahl und zwar wegen meiner kaputten Ruhr-Prosa „Drögemöller“, also wegen ramponierter Grammatik, übelstem Deutsch. Das damalige Stuttgarter Feuilleton
hatte ja so was von recht, der Schwabe Troll schwärmte fürs Sprechgehacke von Stahl-Arbeitern, und so einer leitete den Dichterclub? Das war zu rügen. In den verwildernden
68ern war halt vieles zu rügen und da wäre damals gewiss auch das artistisch-autistische Ego-Deutsch eines hergereisten Ungarn gescholten worden, streng gescholten. Denn dessen Themen und Methoden sind unsere akute und rätselhafte Widerwärtigkeit. Dieser Autor nimmt uns nicht sanft an die Hand, jedenfalls nicht fürsorglich, höchstens in finsterer Absicht.
Auf magisch realistische Weise agiert er als versteckter Straßenschreck oder Wohnküchenschock. Aus seinem Postmann-Roman zitiere ich mal eines seiner Selbstbilder:
„Immer wenn ich mich bemühe, nett oder charmant auszusehen, dann beginnen Kinder zu weinen und alte Damen klammern sich an ihre Handtauschen.“
Schon hier ist ablesbar, dass im Opus 2 weniger die scharfen Kürzel daherschießen als ordnungsgemäße ganze Sätze, prompt will den Lesenden schon gleich beim ersten Lesen das
Wohlgefühl beschleichen, man begreife alles auf Anhieb, was die Verwirrungen um so stärker werden lässt, denn dieses zweite oder gar reifere Werk lässt nicht weniger Fragen offen, sondern eher mehr. Vor allem die Hauptfrage, wer denn dem Ich-Erzähler monatlich leere Blätter schickt in Einschreiben ohne Absender. Das bleibt bis zum Schluss verrätselt, wie unser Dasein. Ach, da geht es schließlich um unseren Tod. Schließlich wissen ja nur Religionsbeamte, warum wir alle irgendwann verschwinden werden, vollkommen verschwinden. Darüber kann so ein studierter Religionswissenschaftler wie Martin von Arndt ein wundersames Einschreibmärchen spinnen, auch hier in großer Troll-Nähe, da spielt sogar Dialekt mit, nicht schwäbisch und kaum Borbecker oder Duisburg-Deutsch, aber überraschend authentisch tirolisches Gemaule, beim Postmann selbst oder beim Detektiv Koloman, bei Lesungen wird da Innsbruck-Deutsch zum Zugabe-Genuss, auch, dass man den Detektiv-Namen Koloman gern wie Golo Mann versteht, so dass ich zwischenzeitlich den Koloman verdächtigte, er, der Detektiv selber schicke die unbeschriebenen Blätter für teures
Geld.
Logischer wäre freilich, der tote Vater wäre der Auftraggeber gewesen, der vor seinem Selbstmord die monatlichen Briefe als Dauerauftrag startete, gut schon deshalb, weil die
Großkritiker in Klagenfurt nicht annähernd auf diese sinnreiche Lösung kamen. Vor Überraschungen hat man bei Arndt auf der Hut zu sein, sozusagen auf der Hut, auch in den ganzen Sätzen dieses Werkes vom Hut.
Kulturell extrem bedenklich jedoch bleiben in beiden Arndt-Büchern die kaputten Mütter, hier wie dort hat der Erzähler Raucherinnen als Mütter, kaputt nicht nur in den Lungen. Deren Gerassel hört man selten so hautnah, das quietscht wie ein „rostiger bollerwagen, den man ihr durch die lunge zieht“, „Bollerwagen“, da grüßt dann doch wieder das Ruhrgebiet. Und das Rostige hält den Sohn nicht davon ab, gleichfalls zu rauchen, „eine nach der anderen, bis mir
schlecht wurde“. Wie beklemmend dann der Abschied solcher Mütter: „auf dem absatz drehte sie sich noch einmal & fragte mechanisch: ‚du kommst klar?‘“ Der Sohn kommt natürlich alles andere als klar, nicht mit den Müttern und mit der Welt
schon gar nicht. Verwahrloste Mütter und verwahrloste Welten gibt es ja zum Glück in unser aller Talkessel so gut wie gar nicht, in diesem Kessel wird gern gar gekocht, selbst Regisseure wie Peymann oder Heyme und leider auch Troll. Und wäre in diesem Kessel schon damals der „ego shooter“ zu lesen gewesen, hätte auch der sehen müssen, wo er blieb. Denn dieser religionswissenschaftliche Clown, ohne dass wir’s sofort begreifen, der erklärt uns ganz nebenher nichts weniger als den Lauf unseres Daseins. Oder wie sonst ist zu verstehen, wenn da der Ich-Erzähler nachts, vom schwärenden Abszess gequält, die Wunde am Schädel abtastet und mitteilt: „ganz schönes bakteriengedränge … bakterien, älteste lebensformen auf
diesem planeten. auf der weltzeituhr hatten sie die stunden bis viertel vor neun vollständig für sich allein. weshalb sollten sie sich nicht zurückholen, was ihnen schon immer gehört hat?
auch ich würde zusehen, dass sich unerwünschter besuch noch vor 12 Uhr wieder verdrückt.“
Furios, wie das unser aller Theologie aufs Schnodderigste umstülpt. Würden die Äonen, in denen unser Kosmos schon existiert, auf einen einzigen Tag reduziert, dann hätten wir sie, die Weltzeituhr, und bis Viertel vor neun hätten dann Bakterien das Sagen gehabt und der
Erzähler würde sehr gut verstehen, wenn sich da ein aufdringlicher, ein unangemeldeter Besuch, also der Mensch, doch bitte noch vor 12 wieder verdrücken würde. Einfach mal nebenbei so was. Worüber es Bücher gibt, die Frau Bussmanns neue tolle Stuttgarter
Bibliothek sofort überfüllen würden. Bei von Arndt aber nur vier Zeilen.
Über dessen Büchern scheint als Motto die Frage zu schweben, die jene berühmte Herrentorte aus Mülheim an der Ruhr in einem lichten Moment einwarf, also Helge Schneider: Wo, bitte, bleibt hier die Sinngebung! Und da ist es gar kein Wunder, wenn dieser
Autor endlich auch mir wie beiläufig meine alte unanswered question beantwortet, in Sachen Hartmann. Der Titel „ego shooter“ ist, wie alles in diesen Texten, nicht bloß Metapher, sondern zugleich ganz konkret. Ego-Shooting ist eine besondere Methode bei Computer-
Spielen, die alles dem Ego lässt – Perspektiven, Regeln, Bild-Ausschnitte und Aktionen – da siegt total das Ich. Und in der rüdesten Version ist Ego-Shooting gegenseitiges Abschießen im
Luftkampf, streng nach den technischen Verfahren des zweiten Weltkriegs. Absolutes Wegräumen und Wegträumen in Gegen-Welten, so radikal und egozentrisch wie noch nie in bisheriger Literatur.
Der Ich-Erzähler, statt sein Studium der Frühgeschichte zu beenden, rutscht nachts ab in dieses real virtuelle Fighting, exakt so wie weiland wir gegen Engelland. Mit Ego-Shooting, wenn man’s beherrscht, ist sogar Geld zu verdienen im Internet, je nachdem, in welche Heldenrolle man schlüpft und wie clever, ob als Udet oder neuer Richthofen oder eben als Hartmann. Ja, da fand ich nun plötzlich Antwort, fand bei Arndt Wendungen wie „jagt bubi
hartmann“, Hartmann sei „vom Himmel zu holen“, und nun in korrekter Rekonstruktion dessen, was an Abschlächterei an Europas Himmeln vor kurzer Zeit noch üblich war, weswegen man den Bakterien die Rückeroberung dieses Planeten von Grund auf gönnen
sollte. „Holt Hartmann vom Himmel“ ist eine Hartmann-Biographie von englischen Autoren, im Deutschen inzwischen in mehr als 60 Auflagen. Und dieser Hartmann war, so drückt man das ja wohl aus, von sämtlichen Luftkämpfern der allererfolgreichste. Der erzielte sage und schreibe und erstarre 352 Abschüsse. So heißt das halt im Militärdeutsch, also das, was der Gegner nicht zu überleben pflegt, wie in „High Noon“, entweder er oder ich. 352 mal der
andere. Über diesen „erfolgreichsten Jagdflieger aller Zeiten“ fand ich freilich auch folgendes.
Erich Hartmann antwortete 1992, ein Jahr vor seinem Tod, auf die Frage, wie er denn heute den Krieg sehe: „Krieg ist staatlich sanktionierter Mord“.
Ja, so ist das. Und wenn irgendein Stoff zielgenau passt zu den Waghalsigkeiten des hier und heute auszuzeichnenden Schriftstellers, dann gerade eine Figur wie Hartmann und sein fürchterliches Treiben an unser aller Himmel, dann gehört dieses Grauen essentiell zu dem, wie dieser Schriftsteller seine Schrift stellt, nämlich nach der Maxime, die mitten im Postmann-Roman mitgeteilt wird: „Ein Mensch ist psychisch immer nur so krank, wie er sich
auszudrücken weiß.“
Weiß der Teufel, er weiß sich auszudrücken! Als treffsicherer Ich-Schütze treibt er’s angesichts unseres mörderischen Himmels und der Erden magisch bizarr, mit Komik bis zur Demenz, mit bissigen Konkret-Metaphern. Respekt dem mutigen Verlag Klöpfer & Meyer.
Dem Verlag wie uns allen gratuliere ich zu diesem Wort-Virtuosen. Gratuliere herzlich
Martin von Arndt.