Thaddäus-Troll-Preis 2009: Laudatio

Von Ilija Trojanow

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Ilija Trojanow (links) und José F.A. Oliver bei der Laudatio (Fotos: Klüting)

Lieber José,
werte Versammelte,

geht man hinaus, auf eine Terrasse, um José Oliver auf eine Zigarette Gesellschaft zu leisten, und spricht man ihn mit einem scherzhaft beiläufigen compañero an, erhält man Antwort in gleicher Münze, um dann, einige Augenblicke später, nach einer Pause für Gedanken, die sich nicht hetzen lassen – bei José gehört der Anlauf zum ästhetischen Programm des Sprungs – das Nachgedachte zu vernehmen, unaufdringlich, fast aus dem Off: „Ist es nicht ein schönes Wort: compañero, jener, mit dem du das Brot teilst.“ José lächelt ein wenig scheu, als müßte er sich für die Erklärung entschuldigen. Während man in den Sprühregen starrt, zieht man das zuvor unbedacht verwendete compañero auseinander, wie ein Bandoneon, und bestaunt die Bedeutungsklänge. Zigarettenpausen mit José lohnen sich, auch wenn man seit Jahren mit dem Rauchen aufzuhören versucht. Heute abend möchte ich das Wort mit meinem Compañero José teilen, die Krume von seinem Wort, die Rinde von seiner Krume, die Krume von seinem Mund, das Brot von seinem Schreibtisch. Weil es mir seit vielen Jahren so ergeht, wie es den Freunden und Lesern José Olivers ergeht: Klopft man bei ihm an, erhält man wahrhaftig Antwort.

José Francisco Agüera Oliver wurde Anfang der 60er Jahre in Hausach im Schwarzwald geboren. Die Eltern stammen aus Andalucia. Somit ist José, in dem Jargon der Migrationsverwalter, ein Kind der 2. Generation – ein Begriff, der eine neue Zuchtsorte konnotiert, aufgezogen und herangezüchtet in Deutschland, eine Mischsorte, die ihre Qualität, ihre Beständigkeit, noch zu erweisen hat. José ist aufgewachsen und flügge geworden in Hausach, er lebt heute noch in Hausach. Das ist eine Seltenheit in der gegenwärtigen deutschsprachigen Literatur, die Flucht aus der Provinz gehört zu den normierten Schritten in der biografischen Choreographie. José ist dohoim bliibe, gerade weil ihm diese Heimat nicht geschenkt wurde, sondern er sie sich erobern mußte. In der Schule war er das einzige Arbeiterkind und zudem auch noch Gastarbeiterkind. Was suchst du hier? schallte ihm entgegen. Und auch zu Hause wurde der Schulbesuch in Frage gestellt: Was hast du dort verloren? Er ist ein Heimatdichter geworden, gerade weil er aus eigener Erfahrung um den Treibsand auf der schiefen Ebene der Heimat weiß. „An meiner Wiege zwei Welten, in mir zwei Welten“, schreibt er in dem frühen Gedichtband „HEIMATT und andere FOSSILE TRÄUME“, und buchstabiert „Heimatt“ mit doppeltem „T“, als wollte er schon früh das zweifache Kreuz, das er zu tragen hat, verdeutlichen. „Hinzu kommt, daß ich nicht nur irgendwo geboren wurde, sondern gerade dort, wo die Sprachlosigkeit doch nicht so sprachlos geworden war […]: in jenem Schwarzwaldstädtchen, „wo d’ Buure ihre Matte maie ………… ondersch schwätzsch.“ Das ist die eine Wiegensprache, seine alemannische Gassen- und Feldsprache; die andere ist weniger Muttersprache als Mutterlied, so wie es für ihn kein Vaterland, aber eine Vaterblume gibt. Es sind viele Mütter in den Gedichten Josés, viele sichtbare Muttermale, Mütter, die ungebrochen reden, die ungewohnt betonen, in einem Haus verschiedenen Betonungen, wo das Radio der Kindheit mehrere Sender empfing, die von einer unsichtbaren Hand gewechselt wurden und der Empfang mal rauschte und mal glasklar war.

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– Gedicht: DIE MUTTER („Auf-Bruch“)
– Gedicht: DIE VATERBLUME („fernlautmetz“)

 

Schon der erste Gedichtband trägt den Titel „Auf-Bruch“. Vielsinnig, natürlich, aber auch wortwörtlich gemeint.

José bricht auf, geht auf Wanderschaft. Nach Jerusalem und Venedig, zwischen Sylt und Isla Negra (dem Refugium Nerudas), zur Boston Back Bay, nach Sydney, Zagbreb, Montréal und Leuk. Am Malecón in Havanna vermißt er die Liebe als Abstand zwischen den Paaren, als Bannmeile der Zärtlichkeiten entlang wispernder Wellen. In Südamerika wird er als wohlhabender Deutscher wahrgenommen, als Nachfahre spanischer Kolonialisten. An den vielen Fremdorten setzt sich José, der vorübergehende Nomade, überraschenden Spiegelbildern aus. Mit Bindungen ins Heimische, die sich als sehr elastisch erweisen: „Ich bin einfach nur derjenige, der immer wieder in diese Landschaft und ihren Ort zurückkehrt, ohne wirklich wegzugehen, jemals weggegangen zu sein. […] Aufgestaunt und eins mit einer Gegend, die mich immer wieder wortgebiert.“

Am tag an dem der PAPST perú besuchte („HEIMATT“ Seite 55-57)

Ja, wortgebiert und dann entzündet. Josés Sprache unternimmt Reisen in Gefilde, die uns nicht vertraut sind, sie scheucht das Wild auf in entwurzelten Wäldern, voller Zuversicht sitzen wir Aug in Wort im Unterstand und bestaunen den Flug der Luftpferde, die Sprünge der Engelschatten, denn diesem Dichter geht das Jägerlatein und Sammlerdeutsch niemals aus.

„In Bewegung: Ich. Dazwischen; Bewußtes.“

José Oliver ist ein nomadischer Heimatdichter; er bestellt das Dazwischen. Und fragte man ihn, wieso bist du ein Reisender, antwortete er: Weil ich nur aus Erinnerungen bestehe.

Aus Erinnerungen an bestimmte Gesten, an gewisse Haltungen. Tener duende, das gewisse Etwas haben, die besondere Inspiration. Leidenschaft und ebenso das Gefäß, in das sie gegossen wird. Duende – la pasión del flamenco.

Da waren bisweilen die Tage/Notkunft aus Zigeunerbrot und Zuckerwatte … (in allen 3 Sprachen)

In dem Gedichtband „Duende“, 1997 erschienen, stehen die drei Sprachen nebeneinander, Mitstreiter mit eigenständigen Identitäten. Später werden sie zusammenfließen, das Deutsch drüber, das Spanisch drunter, das Alemannische als Takt- und Tongeber. Sie werden zusammenfließen, weil die Erinnerungen weiter geflossen sind, weil Andalucia von Al-Andalus abstammt, jenem Reich der Vielfaltigkeit, im Westen Europas, im Süden Europas, im Herzen Europas, zerstört vor fünfhundert Jahren von den Schwertscharen der Monokultur, die Glut in alle Ostrichtungen verstreut, nach Sarajewo, nach Rustschuk, nach Istanbul, nach Alexandria und nach Kairo, wo José innehält, das Ohr an die Alkovenmuscheln gelegt, sich an die Siegreiche herantastet, im Gebetsruf des Muezzin Vertrautes hört, ein Hohelied, ein cante jondo, bis zwischen dem Nilfischer mit seiner Vogelstimme und dem Austernfischer mit seiner Vogelfrau nur eine Meerin und eine Brise liegen und unzählige Kielspuren der Erinnerung. Andalucia (ihre Flagge trägt heute noch die Grüntöne von Al-Islam), sommerschläfrig, wachgeküßt von einem weit hergereisten Prinzen namens Modernismo, in Gestalt Rubén Daríos, Kreole aus Mittelamerika (die Rückkehr der Karavellen), und in Form einer Besinnung auf das Erbe von Al-Andalus, das in den großen, von José verehrten Dichtern Federico García Lorca, Rafael Alberti und Juan Ramón Jiménez, allesamt Andalusier, wiederauflebte. Wie auch der Flamenco, der cante jondo. Diese in sich gerichtete und zugleich wahrhaft kosmopolitische Poesie, der conditio humana eben so sehr verpflichtet wie den lokalen Traditionen, deren Nachkomme in deutscher Sprache José Oliver ist.

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fremdw:ort

das so leicht nicht sag-
bar ist und wird

aus den angeln
gehobene nähe

Im Internat, das ich besuchte, gab es einen Mitschüler, der alles zerlegte, was ihm in die Hände kam: Transistorradios, Luftpistolen, Taschenlampen. Manchmal baute er die Objekte wieder zusammen, manchmal ließ er die einzelnen Teile auf dem zerkratzten Tisch herumliegen. So wurden komplizierte Gegenstände für ihn faßbar. Es hätte mir gefallen, wenn er die Teile eigenwillig wieder zusammengesetzt hätte, derart, daß die Pistole Nachrichten schießt und das Radio Licht spendet. Das aber bleibt José Oliver vorbehalten. In seinem Werkzeugkasten findet sich der Doppelpunkt, mit dem er die Wörter aufschraubt. So zerlegt er „gestern“ und findet im ge:stern das Licht eines schon vergangenen Himmelskörpers, in der m:enge das Klaustrophobische der Masse und im f:lüge:l die unerträgliche Leichtigkeit der Lüge. Sein Schraubenzieher zieht das Unsichtbare ins Offensichtliche, verdeutlicht, das W:ort fällt nicht weit vom Stamm. Die Präfixe hingegen benutzt José zur Justierung. Eines Dichters noble Aufgabe ist seit jeher nicht nur die Schönheit der Sprache abzustauben, sondern ihre Ungenauigkeiten aufzuspüren und fallweise zu beseitigen. Also dreht José am Rad der Präfixe und verändert die Linse. Aus „geflohen“ wir „beflohen“, aus „Erinnerung“ „Verinnerung“, aus „Beerdigung“ „Enterdigung“, aus „vertrauen“ „wahrtrauen“. Und manchmal beflüstert er ein Unterwort. Und schärft mit dem sprachlich Unkonventionellen unsere Sinne.

José ist ein Heiler. Wäre ich ein Wort, ein Halbsatz, ein Satz, ein Absatz, und würde ich kränkeln, sagen wir an der Grippe der Sprache, der gemeinen Abgegriffenheit, ich würde mich von José behandeln lassen, so behutsam, zart und präzise geht er um mit jeder Silbe. Und er ist ein Schamane. Es ist kein Trug und kein Betrug, daß die Sinne und der Verstand des Lesers nur einen Teil der Bilder ausleuchten können, die José heraufbeschwört. Der Sinn dieser Gedichte ist mit einem Auswerfen des Netzes nicht einzuholen. Sie sind leichter zu verstehen, wenn man sie nicht zu begreifen versucht, sie zergehen auf den Augen, wenn man sie innerlich mitsingt, sie kommen einem entgegen, wenn man ihnen ihren eigenen Wirkraum gewährt, ihren eigenen Trott oder Taumel. Von Anfang an war seinen Gedichten das Gebet eingeschrieben, als Beschwörung, als Ermahnung, als Zauberreim, heiligte er Dichtung mit seiner ihm eigenen, freifühlenden Pietät. Seine Suche nach dem würdevollen Wort entspricht einer Wallfahrt.

altjahrneujahrgleiche

liegen zwölf jünger vor mir
am traubenbedeckten hochzeitstisch

koste mit den füßen
arme: beine: lenden-
stückchen/ auch das WORT koste

dem häutigen hunger ergeben
liegen zwölf jünger vor mir

monde anbegehren wiederkehr

Ich muß gestehen, bis vor kurzem wußte ich nicht, wer Thaddäus Troll war (inzwischen habe ich mich schlaugegoogelt: er gründete in Stuttgart die satirische Zeitschrift Das Wespennest, ein schöner Titel, der auch auf einer österreichischen Zeitschrift prangt, in der vor kurzem Josés zauberhafte Liebeserklärung an Friederike Mayröcker erschien), ich bin mir aber sicher, daß ihm alle Ehre erwiesen wird, wenn heute der Dichter José Oliver in seinem Namen gepriesen wird. Mit seinen neun Gedichtbänden, ein jeder mit eigener Stimme, und seinem Essayband mit dem geradezu konfessionellen Titel „Mein andalusisches Schwarzwalddorf“ hat uns José Oliver eine sprachschürferische und welthaltige Poesie beschert, die not tut und uns unermeßlich bereichert.

und dann ist ver
söhnung plötzlich
ein kindermund
der sagt. Ich be
greife aus der
armlänge eines
lächelns heraus
wo trauer liegt
und später an
kommt längst
aus jedem lächeln
entlassen und