Thaddäus-Troll-Preis 2009: Ansprache

Dr. Renate Müller-Buck

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Dr. Renate Müller-Buck (Foto: Klüting)

Sehr geehrter Herr Minister,
lieber José Oliver, liebe Familie Oliver,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Wöhrle aus Hausach,
lieber Ilija Trojanow,
liebe Frau Bussmann,
liebe Schülerinnen und Schüler der Realschule Ostheim,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie alle sehr herzlich zur Verleihung des Thaddäus-Troll-Preises, der in diesem Jahr an den andalusisch-alemannischen Lyriker und Essayisten José Oliver verliehen wird. Ganz besonders freut es mich, Herrn Minister Helmut Rau hier begrüßen zu dürfen, denn durch Ihre Anwesenheit, sehr geehrter Herr Minister, bezeugen Sie nicht nur eine besondere Wertschätzung unseres Preisträgers, sie ehrt zugleich den Thaddäus-Troll-Preis, den der Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg alljährlich im Auftrag des Kunstministeriums vergibt.

Dass diesmal so viele Schülerinnen und Schüler hier sind, verdanken wir indirekt auch Ihnen, Herr Minister, und Ihrem Engagement für eine lebendige Literaturvermittlung in unseren Schulen, denn das, was José Oliver über die Dauer eines ganzen Schuljahrs hinweg mit den Schülerinnen und Schülern der Realschule Ostheim praktiziert hat, geht zwar auf eine Initiative des Stuttgarter Literaturhauses zurück, wird aber von Ihnen als Kultusminister unterstützt und gefördert. José Oliver hat seine Arbeit an dieser Schule als „Wortarbeit ins Neue“ bezeichnet, eine Wortarbeit, die darauf abzielt, die eigene Sprache der Schüler und damit ihre Selbstwahrnehmung bewusster zu machen und zu verfeinern.

Doch dies steht heute nicht im Vordergrund, denn für diese überaus wichtige Aufgabe sowie für seine vielfältigen anderen Beiträge zum kulturellen Leben in Baden-Württemberg, wie etwa das von ihm ins Leben gerufene Literaturfest LeseLenz in seinem Heimatort Hausach und sein beeindruckendes lyrisches Werk, ist José Oliver bereits vor zwei Jahren mit dem großen Kulturpreis der Landesstiftung Baden-Württemberg ausgezeichnet worden.

Heute, lieber José, sollst du mit dem Thaddäus-Troll-Preis für ein Einzelwerk geehrt werden, für den Essayband Mein andalusisches Schwarzwalddorf. Dieser Preis ist ebenfalls ein Landespreis aus dem Ministerium für Kunst und Wissenschaft – stellvertretend sei hier Frau Ministerialrätin Dr. Bernhardt herzlich gedankt, die uns die Mittel hierfür zur Verfügung stellt – und er darf nur an Landeskinder verliehen werden. Der Thaddäus-Troll-Preis versteht sich als Förderpreis und wird bevorzugt an jüngere, noch wenig bekannte Autoren vergeben. Die Wahl unseres diesjährigen Preisträgers sollte trotzdem keine zu große Verwunderung auslösen, denn angesichts des Ranges des Werks von José Oliver wird man sich berechtigt fühlen, zu dem Schluss zu kommen: es ist viel zu wenig bekannt – zu wenig angesichts seiner außerordentlichen Qualitäten. Der vom Förderkreis ausgezeichnete Essayband Mein andalusisches Schwarzwalddorf ist in mehrfacher Hinsicht ein herausragendes Werk.

An erster Stelle sei die Sprache genannt: Oliver schafft Sprache neu. Er ist ein Meister der Sprachschöpfung – bisweilen versucht er auch die Sprache auf den Kopf zu stellen, dann entstehen so sonderbare Wörter wie „’achHaus!’“ und „’waldSchwarz!’“. In dem Essay Mein Hausach schreibt Oliver: „Sprachgetrieben [sei sein] „Ort versöhnend. Eine Art Kontemplation“.

Als zweites zeichnen wir mit dem Thaddäus-Troll-Preis den Dichter zweier Kulturen aus, der in zwei Sprachen oder, wie er sagen würde, „zwischen“ zwei Sprachen beheimatet ist, dem Andalusischen und dem Alemannischen, und der gerade aus diesem „Doppeltsein“ seinen neuen, sensiblen und poetischen Blick gewinnt. Es ist immer die Außenperspektive, die den Blick schärft, und José Oliver genießt dieses Privileg gleich doppelt: Auf seine andalusische Herkunft, die im Grunde eine maurische ist – man denke nur an die Alhambra in Granada oder die Mesquita in Cordoba, der selbst die barbarische Verunstaltung durch eine christliche Kathedrale in ihrem Innern nichts anhaben konnte, – auf diese andalusische Herkunft blickt er als Hausacher – auf seine alemannische Heimat hingegen mit maurischer Ruhe und Gelassenheit, vielleicht ein wenig verstärkt durch die Macht des Duende. Die maurische Kultur Andalusiens verbindet sich bei Oliver – ähnlich der orientalischen Kultur des persischen Dichters Hafis bei Goethe – zu einem gesteigerten und doppelten Neuen. Symbol dieses Doppelsinns ist in Goethes West-östlichem Divan das Blatt des Gingko-Biloba, jenes Blatt, bei dem man nicht genau weiß ob es eines ist oder aus zweien sich zusammensetzt und das deshalb Goethe in seinem gleichnamigem Gedicht Anlass ist zu der Frage: „Fühlst du nicht an meinen Liedern, dass ich eins und doppelt bin“.

Wir fühlten es, lieber José, an deinen Liedern und Texten, und haben dir gerade hierfür den diesjährigen Thaddäus-Troll-Preis verliehen.

Lassen Sie mich zum Schluss, meine Damen und Herren, noch ein Wort zum Laudator sagen: Wer anders könnte geeigneter sein, die Rede auf diesen „zwischensprachlich“ erzogenen und „kulturmehrfach“ herangewachsenen Autor und Dichter zu halten als der Wanderer zwischen den Welten, oder, um es mit dem Titel eines seiner Bücher zu sagen, der „Weltensammler“ Ilija Trojanow, ein in vielen Kulturen beheimateter, der wie wohl kaum ein anderer sich in diese mehrfachkulturelle Identität einfühlen kann. Nicht zuletzt deshalb ist Ilija Trojanow schon seit längerem am Hausacher LeseLenz mitbeteiligt, wo er vor allem die Stimmen Afrikas zu Gehör bringt. Seit wenigen Tagen ist in den Kinos die Verfilmung seines Debütromans zu sehen Die Welt ist groß und Rettung lauert überall – auch dies eine Ost-West-Geschichte, wenngleich kein einladender Divan, sondern eine heutige Geschichte von Heimatlosigkeit und Exil – eine sehr poetische allerdings.

Wir freuen uns sehr, lieber Ilija Trojanow, Sie heute Abend hier als Laudator begrüßen zu dürfen. Bevor ich Sie nun gleich ans Mikrofon bitten darf, möchte ich noch Dank sagen Andreas Krennerich, den Sie eben schon am Saxophon gehört haben und der den Abend musikalisch begleiten wird. Andreas Krennerich ist ein Freund des Preisträgers, und hat schon mehrere Gedichte von ihm vertont. Gerade arbeiten sie an einer gemeinsamen CD.

Ganz zum Schluss bleibt mir noch ein herzlicher Dank an die Direktorin der Stadtbücherei Stuttgart, Frau Ingrid Bussmann, für ihre einleitenden Worte und die Gastfreundschaft heute Abend in ihrem Haus.

Ihnen allen meine Damen und Herren danke ich fürs Kommen und übergebe jetzt das Wort an den Laudator.