Thaddäus-Troll-Preis 2007: Laudatio

Höhlenfahrerin vor Farbe Blau

Von Dorothea Grünzweig

Die Reise hat uns als Wörter gesehen. Diese Zeile eines finnischen zeitgenössischen Dichters, eine rätselvolle Zeile, fiel mir ein, als ich Susanne Stephans Gedichte diesen Sommer und Herbst kennenlernte. Matka on meidät sanoina nähnyt. Die Reise hat uns als Wörter gesehen.

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Die Laudatorin Dorothea Grünzweig (Foto: Michael Jackisch)

Warum kommt mir dieser Vers Jorma Eronens in den Sinn? Weil ich, wenn ich alle Gedichte ihres Werks durchlese und wieder und wieder lese, und dann die Augen schließe, mir ein Gefühl bleibt, dass der Boden sich unter mir bewegt, dass ich am Rollen bin, am Gleiten durch Länder und Landschaften, durch Städte und Dörfer und Schlösser und Straßennetzwerke, durch Höhlen und Schächte und durch die ganze Geschichte der Menschheit. Ich, als Leserin reise mit und gleichzeitig bin ich Zeugin des Drangs, Reisebilder in Sprache umzusetzen.

Susanne Stephan zeigt ja in ihrer Biographie, wie sehr sie mit der Sprache lebt:

Ihr Studium der Germanistik und Romanistik, neben dem Fach Geschichte, ihre Praktika bei verschiedenen Verlagen und im Marbacher Literaturarchiv, ihre Tätigkeit als Lektoratsassistentin beim Belser Verlag und zahlreiche Veröffentlichungen von Gedichten, Essays und Prosa in Zeitschriften und Anthologien;

Als eigenständige Veröffentlichung: die Kurzprosa Schriftlings – und jetzt, im neuen Jahrtausend, die Tankstellengedichte bei Klöpfer und Meyer, das Bändchen Von Blumenmalern und Rosentauchern mit Fotos von Franz-Josef Kretz und das neue, das kommende Buch auch bei Klöpfer und Meyer.

Susanne Stephan gibt an, dass ihre Tante die Kinderbuchautorin- und illustratorin Margret Rettich ist. Das lässt annehmen, dass sie sich von ihr geprägt fühlt, einer Künstlerin, für die sich Bilder und Sprache eng verknüpfen. Und interessiert nimmt man wahr, dass die Nichte sich mit vielen bildenden Künstlern beschäftigt, so mit Giandomenico Tiepolo, zu dem sie Artikel schrieb.

Aber kehren wir zu den Gedichten zurück – zum Eindruck, dass die Reisebilder, und die auf der Reise gesehenen Kunst-Bilder und Kunstobjekte, eine neue Dimension dazugewinnen, wenn sie in Worte, in Gedichtworte, überführt sind. Hinter diesem Verwandlungstrieb, so meine ich, stehen letztendlich zwei Gedanken, die für Susanne Stephan sicherlich Bedeutung haben: dass das Wesen der Welt sich für uns Menschen als ein sprachliches darstellt. Und dass die Poesie der Urgrund allen Sprechens ist.

Das Manuskript, welches preisgekrönt wurde und das nun den Namen Gegenzauber trägt, ist noch nicht gedruckt. Das wird aber bald geschehen. Sie, liebe Zuhörer, kennen es zum großen Teil noch nicht. Das scheint ausgezeichnet zu einem seiner Themen zu passen: Eine Gruppe von Gedichten, die besonders ins Auge springt, sind die anfänglich von der Dichterin als Höhlengedichte bezeichneten. Texte, die ihren Anfang nahmen – entstanden – oder, wie die Finnen sagen, geboren wurden in berühmten und weniger bekannten Höhlen Süddeutschlands und Frankreichs.

Und Sie schauen jetzt, vor ihr versammelt, in die geheimnisvolle Höhle des Buchs hinein, in die Sie heute, wenn auch nicht in alle Säle und Nischen geführt werden. Aber Sie werden sich einen Begriff machen können von ihrer Besonderheit.

Die Gedichte, die auf Höhlen Bezug nehmen oder auf die in ihnen gefundenen ersten Werkzeuge und Kunstgegenstände, die ja immer auch Kultgegenstände waren, sind unter dem Kapiteltitel Die Sehnsucht des Schamanen versammelt. Es ist das Einstiegskapitel des circa 85 Seiten umfassenden Manuskripts. Wir tauchen dort in immer neue faszinierende Höhlen ein und wenden uns wieder heraus ins Schwellen-gelände oder vertiefen uns in Funde aus Höhlen und denken uns unwillkürlich den Herkunftsraum mit. Und reisen weiter.

Wir begleiten oft ein lyrisches Ich, das ganz dicht bei der Schriftstellerin ist, aber es findet sich auch die Ich-Stimme des Jägers und Malers – also des Schamanen – und auch die seines Lehrlings oder die einer in ihre Höhle lockenden Stammesfrau. Stimmen, mit denen wir in andere Bewusstseinswelten gezogen werden.

Die Höhle ist konkreter, geologischer, von prähistorischer Zeit kündender Ort, aber wird im Verlauf des Manuskripts immer mehr eine aus dem Dunkel schimmernde und in die Tiefe ziehende Metapher. In den anderen Kapiteln gibt es sie ebenfalls. Immer wieder leuchtet oder dunkelt sie auf und ebenso dort auch die konkrete Höhle. Endet doch das Manuskript am heute durch frische Entdeckungen immer wieder neu lockenden Blautopf mit seinem unterirdischen Höhlensystem – der Boden der um ihn gescharten Besucher ist brüchig, ja ist ein doppelter. Es endet vor dem zumindest im Namen des Gewässers schwebenden sehnsuchtsvollen Blau.

Die Metapher ist die des Tauchens in Blumenmeere, in Erinnerungen an die Kindheit, in den Traum, also in die Tiefe des Unterbewusstseins, in die Geborgenheit des Ur- sprungsschoßes. Aber – das blitzt ebenfalls auf: auch zu den Wunden und Vereisungen der eigenen Lebensgeschichte.

Es ist auch die Metapher des Stehens mit dem Rücken zum Schutzraum, zum sichereren Hinterland mit felsgerahmtem, aber ausschwärmendem Blick aufs unergründliche weite Meer bei den Gedichten zu Caspar David Friedrichs Gemälden. Und auch das Tauchen in den unbekannten lockenden Norden mit dem Norwegenzyklus Nordische Kombinationen – der mich im Zusammenhang seiner Nachbarschaft mit den Höhlen gar nicht überrascht. Denn im Wort Norden ist dieser Gedanke schon enthalten. Etymologisch geht es auf die indogermanische Wurzel ner zurück, die unten bedeutete, die untere Region. Wie im Finnischen‚ wo, entsprechend, pohja – der Norden und pohja – der Boden, der Grund, die tiefere Gegend ein und dasselbe sind.

Das alles ruft Hans Blumenbergs Höhlenausgänge auf, sein 1997 posthum erschienenes letztes Buch – eine umfassende Studie der Höhlenmetapher in der abend-ländischen Kulturgeschichte, wo er die Vorstellung der Höhle als bergenden Ort, als Geburtshöhle der Menschheit – Schoß der Erdmutter, aus der wir unwiderruflich herausgestürzt sind und in die wir wehmütig oder neugierig oder vielleicht auch verstört zurückschauen, in ihren vielen Facetten skizziert. Die Höhle, so setzt er gleich, ist der Entstehungsort des ruhigen Schlafs, der Einbildungskraft, die Geburtsstätte der Kunst.

Susanne Stephans Gedichte scheinen wie eine poetische Antwort auf die Blumenbergschen Erkenntnisse. Sie lässt die Dimensionen der wirklichen und der bildlichen Höhle aneinanderrühren, bis sie sich ineinanderschieben und sich immer neue Räume eröffnen.

In den Blicken, die sie auf Höhlen und deren Gegenstände wirft, liegt etwas Einfühlsames, Sehnsuchtvolles, auch in gewisser Weise Anempfundenes, das anrührt.

Gepaart damit ist der Wunsch nach nahezu nüchtern-bewusstem Ergründen und Fassen der Dinge. Doch tritt die Liebe zu ihnen klar zu Tage – die Haltung, wie es in einem Gedicht heißt‚ des glühenden Zeugen. Ziel ist, sich mit Behutsamkeit und Ehrerbietung zu nähern, grelles Licht zu meiden. So schmelzen die Konturen des Gesehenen ins Dunkel und verlieren sich.

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Foto: Günter Guben
Im Gedicht Nachtlager findet sich der programmatische Satz:

will mich tasten ins Geheime,
erfahren, was glatt ist
und was rauh

Die Zeilen in Spuren, die in die umgekehrte Richtung weisen, gehören dazu:

hinaus ins Bekannte: gepackt,
verschluckt vom taghellen Leben

Aber genauso Verse des Gedichts Ihr Tag aus den Nordischen Kombinationen – symbolische Verse. Sie schildern eine blinde Sportlerin, nach innen gekehrt, mit anderen Wahrnehmungen erfüllt als die Sehenden. Als der Vertreter der Medien, der vom Wetter plaudert. Das mündet in die Zeilen:

(die Langläuferin)
drehte den Kopf und lachte
in die andere Richtung

Man wird hellhörig: die letzten Worte des Blautopf-Gedichts tauchen auf, wo das Ich gewissermaßen die Welt abschließend grüßt mit: Ich lache. Neben den Anspielungen auf die Sage der Lau und der Freude am Stehen auf doppeltem Boden ist ein Faden auch zu diesen Zeilen gesponnen.

Aber Dunkles und Helles sollen im Idealfall so gewichtet werden: Frühe Prägung, eines der letzten Gedichte des Manuskripts, benennt den Jugendwunsch, der sicher immer noch lebendig ist, nach der

Begegnung, die blind macht und sehend

Im Dunkeln, im Unzerredeten, liegt das Geheimnis, dem Susanne Stephan nachspürt. und das sie sehend macht. Das betont, sie auch außerhalb ihrer Gedichte, z.B. in ihrer Lobrede für den Dichter Ulrich Koch zur Verleihung des Förderpreises des Stuttgarter Schriftstellerhauses.

Das Geheimnis, das wir eigentlich nur erahnen und in uns aufblitzen sehen und das wir nicht ausplaudern dürfen, ist – samt der verbergenden und grenzsprengenden Nacht und dem Phänomen der Dynamik schenkenden Sehnsucht, tragender Wert jener vielschichtigen Epoche, die die Dichterin zu einem ihrer Bezugs-Gründe macht. Die Romantik – voran Novalis. Seine Vorstellung vom Geheimniszustand gibt auch einer anderen Schriftstellerin Orientierung. Sie wird im Buch namentlich genannt: Die Dänin Inger Christensen, zusammen mit dem ersten Satz von deren Langgedicht Alfabet. Dieser kommt dem lyrischen Ich beim Obstkauf in den Sinn: Die Aprikosenbäume gibt es … Unsere Neugier auf die Welt beflügelnd und uns mitreißend, führt auch Susanne Stephan auf:

Die Vogelherd-Höhle im Lonetal gibt es und die Geißenklösterle-Höhle – und die Grotte de Lascaux. Es gibt den norwegischen Gletscher, seine Majestät, und die Lavendelfelsen und die vielen Legenden und die Schneeäste und die Taglilien und –

Aber bleiben wir noch bei den Höhlen, deren Bilder sich im flackernden Lichtschein bewegen. Bilder, die die Geburt der Malerei, der Kunst bezeugen, und deren Kraft zu bekunden, sich Susanne Stephan zur Aufgabe macht – Bilder mit dem Amt wahrzunehmen und zu staunen, zu bannen und zu beschwören, zu bewahren und zu verehren, Jagdfieber sinnfällig zu machen, Jagdglück zu sichern, was kein Widerspruch sein muss zur engen Verwandtschaft mit den Tieren.

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit den Liedern, den Liedtexten aus der mündlichen Tradition der Wogulen – ein finnisch-ugrisches Volk, das hinter dem Ural wohnt und heute, als Ureinwohner, um seine Kultur bangt. Zaubersprüche, Schamanenlieder, Bärengesänge, welche ich dank vieler Hilfestellungen ins Deutsche übertrage.

Im Zentrum ihrer Kunst stehen die Bärenlieder. Der Bär ist ihr Totemtier und die Lieder gehören zum mehrtägigen Bärenfest nach gelungener Jagd. Sie sind aber auch Wiedergutmachungslieder.

Mit den Höhlenbildern, so meine ich aus manchen Zeilen zu hören, könnte neben allem anderen, auch dies gemeint sein.

Die Höhlen und ihre Kunstwerke, welche Susanne Stephan als Inspirationsquelle dienen, wurden vom frühen Homo Sapiens verfertigt, vom Steinzeitmenschen – vor 30.000-25.000 Jahren die frühesten. Sie haben aber bei ihren Gedichten, die einmal erzählenden Charakter haben, einmal sorgfältig ausgearbeitete Miniaturen sind, nicht nur Sammlerwert, sondern werden in einen riesigen Rahmen gebettet. Das Haupt-Ich des Buchs ist ja Gegenwartsmensch, der Gegenwartsmensch und allmählich schreiten wir auf ihn zu. Und so kommen die beiden Pole der Menschheitsgeschichte ins Bild:

Wir sind die oberste Schicht,
neu angeschnittenes Jahrtausend

beginnt das Gedicht Am Vogelherd und ein anderes gibt Kunde von einer Zwischenschicht mit dem Alter von 5000 Jahren.

Damit wird ins aufgeblähte hochmütige Selbstverständnis der heutigen Menschheit gestoßen, die, von Gegenwartsmanie besessen, den jetzigen historischen Zeitpunkt für absolut nimmt. Dieses Selbstverständnis kommt hier zum Platzen. Wir, so wird suggeriert, sind nur ein Staubkörnchen im Schichtenstapel der Geschichte.

Wie die Mammute, kann der Leser kombinieren, die auf der Schwelle zum Untergang auf dem Fels festgehalten wurden und denen Susanne Stephan mehrere Gedichte widmet, im warmen Klima, dessen üppiger Vegetation, nicht mehr zurechtkommen und hilflos in den neuen Wäldern herumirren, ist für den heutigen Menschen eine zukünftige Umwelt fürchtbar, die ihn in der Erdgeschichte zum auslaufenden Modell macht. Das ist, wie wir alle wissen, eine aktuelle Vorstellung.

Wenn wir von der Dichterin zum Schamanen der Steinzeit geführt werden, seinem Ziel, die treffenden magischen Formen und Farben zu finden, und selber von ihnen im Schöpfungsmoment überwältigt zu werden, dann sind auch die Ursprünge der Poesie zum Greifen nahe:

Schauen wir für einen Augenblick zum Frühverwandten des Steinzeitmenschen, zum Neanderthaler, stoßen wir auf die Thesen eines britischen Prähistorikers, der seinem 2005 erschienenen Buch den Namen The singing Neanderthals gab. Durch Studien des Kehlkopfs zum Beispiel gelangt er zur Schlussfolgerung dass sich dieser Frühmensch mit seinen Stammesgenossen durch rhythmisches, singendes Sprechen verständigte: Laute, Wörter und wie er sagt wholistic phrases. Für Mithen zweiffellos eine Frühform von Gesang und Poesie. Der Höhepunkt dieses Singsangs waren rituelle Zusammenkünfte in den caves, den holes, den Höhlen.

Und er geht davon aus, dass alle unsere frühen Vorfahren uns ein musikalisches Grundgefühl, auch für die Sprache und das magische Sprechen mitgegeben haben. Und wer weiß, ob die Höhlen, von denen heute Abend die Rede ist, vollhängen von ersten Tönen der Poesie, – neben denen der ersten Instrumente – die nur unsere Ohren nicht vernehmen können.

Ein kurzes eindrückliches Höhlengedicht Susanne Stephans will ich ganz vorlesen. Ein Handnegativ erscheint vor unsren Augen. Dieses Motiv wurde oft, viel öfter als die Handpositive, die einen direkten Farbabdruck der Hand darstellen, unter den Höhlenbildern Frankreichs und Spaniens gefunden.

Handnegativ

Die rot umflammte Hand

eine Hand abgehalten
auf Armlänge,
auf Augenhöhe,

dass einer sprühen kann
präzise mit dem Mund
gut gebundene Erde
um Spitzen und Täler der Finger,

eine Hand: abwesend,
leuchtend nah.

Das Gedicht strahlt mit seiner roten Farbe, der archaischen Symbolsprache für Blut und Leben, besonders heraus aus dem Höhlenwerk – die mundgeblasenen Konturen von Handteller und Fingern und innen die freibleibende ausgesparte Fläche, hell -grell. Das ist das Macht-Mal des Schamanen, die Bekräftigung der Gleichzeitigkeit von materieller und spiritueller, von sichtbarer und unsichtbarer Welt – die Bekräftigung der Unsterblichkeit der Hand und deren Werk.

Und es ist dichteste Bündelung der eigentümlichen Verwandtschaft von Mund und Hand. Im Hirn liegen ja über dem Tastsinn Mund- und Handbereich eng beieinan-der. Ein Mensch, der seinen Arm verlor, spürt, wenn man seinen Mund berührt, phantomhaft seine Hand. – Mund, Hand.

Auch Celans Äußerung fällt ein in Briefen an Hans Bender und Nelly Sachs, wo er im Bezug auf Gedichte schreibt: das ist die Sache der Hände.

So ist es, wenn wir bereit sind zu verwandeln, möglich zu sagen:

Die Höhlenhand ist auch der Macht-Spruch des Schamanen, das aufleuchtende magische Wort, Gegenzauber aus Worten. Und fügen wir hinzu: Ist ein Gedicht mit seinen anfänglichen Aufgaben, die den vorhin zu den Bildern aufgezählten gleichkommen. Ist die Gegenwart eines Gedichts, das gehört wird und verlischt, aber sich einkerbt, einbrennt ins Gedächtnis.

Susanne Stephan setzt sich mit dem in der Lyrik lange skeptisch beäugten Phänomen der Sprachmagie neu auseinander, schenkt ihm Raum und legt davon Zeugnis ab. Bei ihrer Auseinandersetzung mit den Anfängen der Kunst und ihrer Verwurzelung in der Epoche der Romantik, zumindest mit einem Teil ihrer Wurzeln, ist dies auch schlüssig – und mir persönlich nahe.

Haiku an Houston – ein Haiku aus dem All, Gegenort zur Höhle – rührt an Eichendorffs Wünschelrute – allerdings mit größerer existenzieller Brisanz:

Loch im Raumanzug:
Was soll ich tun und flüstern
welchen Zauberspruch.

Novalis, nennt den Poeten den transzendentalen Arzt und ist in diesem Sinne angezogen vom Schamanismus. Auch schicken Zeilen seines Gedichts Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren ihr Echo durch Susanne Stephans Texte: Wenn man in Märchen und Gedichten / erkennt die ewgen Weltgeschichten, / dann fliegt vor einem geheimen Wort / das ganze verkehrte Wesen fort.

In der finnischen Kulturgeschichte übrigens spielt Wortmagie eine zentrale Rolle. Das Volksepos Kalewala ist voll davon – z.B. vom Zaubern und Singen der Widersacher und Störenfriede in Grund und Boden. Es gibt dort über 100 unterschiedliche Wörter zur Magie. Bis heute wird aufs Kalewala in der finnischen Kultur gerne Bezug genommen.

Wenn man in Märchen und Gedichten / erkennt die ewgen Weltgeschichten: Märchen, auch mit ihrer Liebe zum Grotesken, zum Schwank und Schelmentum, zu wundersamen Schicksalswendungen sind Susanne Stephan Geschwister der Poesie. Das betont auch eines ihrer beiden Motti für das Buch.

Aber das Vertrauen in die Worte ist bei ihr, dem heutigen Bewusstsein entsprechend, natürlich ein anderes. Ja, sie sollen aufbrechen, austreiben, bannen, aber der Gegenzauber liegt auf Messers Schneide, bleibt eine Sehnsucht. Es gibt anderes, das mächtiger ist als wir, analog der Zeile im Gedicht Die Sehnsucht des Schamanen, wo es heißt: Die Tiere sind die Herrscher. Der Begriff Gegenzauber enthält den Aspekt vom tapferen Widerstand.

Viel könnte man nun noch sagen zu dem, wie im ersten Gedichtband manches schon angelegt ist, keimt und aufgeht im zweiten. Das ist ja etwas Spannendes, solch eine Motiv- und Wortentwicklung, die parallel zur Pflanzenwelt verläuft, der sich Susanne Stephan übrigens auch verbunden weiß, samt der Metapher der Gärtnertätigkeit fürs künstlerische Schaffen. Blumen, Rosen z.B. haben sie zu sehr schönen Gedichten animiert.

Aber ich will hier nur noch einmal von dem Motiv der Höhle und der Tiefe sprechen, das – fast überliest man’s – auch schon in den Tankstellengedichten existiert: die Höhle der Straßenschächte, der Metrotunnels, und vor allem aber die Höhle, zu der die Mutter sich hingezogen fühlt: In der Kindheit des Ich sitzt sie bei heißem Wetter im Keller als dessen Hüterin – was sie, nebenbei bemerkt, in einem Gedicht von Gegenzauber auch noch ist. Sie verschlingt dort selbstvergessen Bücher. Und taucht hoch, können wir dazudenken, taumelig, mit gedehntem Bewusstsein, in die jetzt wohl neu und fremd schillernde Welt des Alltags.

Das sind die Vorzeichen und Wegbereitungen für diejenige, die später Höhlen erkundet, in innere Räume reist, zurückkehrt, sich zurückmeldet mit

Lebenszeichen

Wie ich vom Dunkel ins Helle trete,
springen die Punkte mir nach,
rot und schwarz, aufflammend
in diesem leichten Sommertag

und Botschaften in jedem Fall
einer innerirdischen Intelligenz,

sind noch da, als ich die Früchte in Beutel sammle,
der Mann, der weiter weg nach den Pasteten sucht,
in die Endlosmusik ruft: Wo bist du?

und ich höre ich ein. Hier!
durchgesagt in einem offenen Körper.

Die Reise hat uns als Wörter gesehen, das ist es, was der zu Beginn zitierte Jorma Eronen eigentlich mit dieser Zeile meint: Ein Zustand der Verwandlung bei der Reise in ein uns fremdes Universum. Und wir kommen zurück und führen mit uns die uns zugelaufenen, uns überschirmenden, aufgeladenen Wörter.

Und hier bei unserem Gedicht? – Das Poröswerden der Ichgrenzen da im Supermarkt, nach der Reise in die Tiefe. In den Bauch der Erde. Zur innerirdischen Intelligenz.

Denn es gibt ein Bewusstsein, das weit über unser individuelles hinausgeht. Beste Bedingungen, füge ich hinzu, für die Entstehung, die Geburt von Kunst – von Gedichten.

Wir gratulieren Susanne Stephan, der Höhlenfahrerin vor Farbe Blau, heute von Herzen zum Thaddäus Troll Preis.

© Dorothea Grünzweig 2007
Der Förderkreis dankt für die Erlaubnis, den Text zu veröffentlichen.