Thaddäus-Troll-Preis 2007: Ansprache

„Ein behutsamer Blick auf die nächsten Dinge und die Natur“

Von Dr. Renate Müller-Buck

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Susanne Stephan,

heute ist ein Festtag für Sie und ein Festtag für uns alle, die wir uns hier gemeinsam mit Ihnen freuen über den Preis, mit dem die Jury Förderkreises Ihr Manuskript „Die Sehnsucht des Schamanen“ ausgezeichnet hat. Und ich freue mich umso mehr, als ich Ihnen sagen kann, dass sich die Jury mit deutlicher Mehrheit für Ihr Manuskript ausgesprochen hat.

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Dr. Renate Müller-Buck (links) übergibt den Thaddäus-Troll-Preis an Susanne Stephan. (Foto: Michael Jackisch)

Der einzige Wermutstropfen am heutigen Abend: der Band liegt noch nicht vor, dabei würden wir ihn jetzt gerne in Händen halten, darin blättern, auf Entdeckungsreise gehen um ihn nachher mit nach hause tragen. Doch wir müssen uns noch gedulden. Erst zur Frühjahrsbuchmesse 2008 werden Ihre Gedichte im Tübinger Klöpfer & Meyer Verlag erscheinen, dann allerdings unter einem neuen Titel: „Gegenzauber“.

Es ist immer gut, wenn Lyriker – wenn Lyrikerinnen – Preise erhalten, denn Lyrik ist eine brotlose Kunst. Wer es wagt Gedichte zu schreiben, begibt sich auf sehr dünnes Eis. Gedichte haben es schwer in einer geschwätzigen, sprachinflationären Zeit. Sie sind das fragilste Medium der Kommunikation und stellen hohe Ansprüche an den Leser. Sie liefern keine Rezepte und schnellen Antworten, sondern wollen in ihrer Offenheit das Fragmentarische unserer Wirklichkeit spiegeln. Vieles verschweigen sie auch, setzen Leerstellen und Auslassungen als mahnende Zeichen. Sie bedienen sich der Verschlüsselungen, Verrätselungen, Verknappungen und entziehen sich oft bewusst dem Verstehen – als Widerstandsform gegenüber der glatt funktionierenden Sprache des Marktes und der politischen Parolen. Wir brauchen Gedichte, Gedichte wie die von Susanne Stephan, die uns einen staunenden Blick öffnen auf die schlichten Dinge des Alltags, um dann aber sogleich den Weg wieder zurück- oder besser hinab zu gehen, zu der ihnen auf tiefem Grund innewohnenden conditio humana. „Wo sind wir denn“ lautet die letzte Zeile in Ihrem Gedicht „Stromausfall“ – auch dies ein überaus prosaischer Titel – „Wo sind wir denn“ – eine Frage, die umso eindringlicher klingt, als sie ganz ohne Fragezeichen daherkommt. Und in der Tat handelt es sich hier wohl eher um einen Imperativ. An Ihren Gedichten, liebe Susanne Stephan spürt man, dass Dichten für Sie eine Lebensform ist. Ihr behutsamer Blick auf die nächsten Dinge und die Natur verwandelt diese, schafft unerwartete Bild- und Klangräume, verleiht so dem Flüchtigen Dauer und Glanz.

Wir brauchen Gedichte und deshalb brauchen wir Preise. Der Thaddäus-Troll-Preis versteht sich ausdrücklich als Förderpreis. Er will die Grundlage dafür schaffen, dass Neues entstehen kann. Die Satzung des Förderkreises bezeichnet den Thaddäus-Troll-Preis sogar ausdrücklich als Stipendium. Er zeichnet nicht nur ein Werk aus, sondern stellt die materiellen Mittel für das nächste bereit, für eine Weile Ruhe, um arbeiten, um dichten zu können. So wollte es Thaddäus Troll, der damalige Vorsitzende des Förderkreises, der im Januar 1980 auf einer Förderkreis-Sitzung die Einrichtung eines Förderpreises angeregt hat. Ein halbes Jahr später, am 5. Juli 1980, starb Thaddäus Troll in Stuttgart. In der ersten Vorstandssitzung nach seinem Tod wurde der von ihm angeregte Förderpreis eingerichtet und ihm zu Ehren benannt. Die erste Preisverleihung fand 1981 statt. Seither wurde er 23 Mal verliehen, unter anderem an Rafik Schami, Arnold Stadler und zuletzt an Angelika Overath. Nur wenige Lyriker und Lyrikerinnen waren bisher unter den Preisträgern. Eine von ihnen ist heute Abend anwesend: die Tübinger Lyrikerin Eva Christina Zeller, die Thaddäus-Troll-Preisträgerin des Jahres 1989, deren jüngster, soeben erschienener Gedichtband den schönen Titel „Liebe und andere Reisen“ trägt.

Susanne Stephan hat sich mit Gedichten aus ihrem heute ausgezeichneten Werk 2006 beim Förderkreis um ein Arbeitsstipendium beworben. Der Band Bodenkunde, Band 6, der von meinem Vorgänger Ulrich Zimmermann ins Leben gerufenen und herausgegebenen Anthologie des Förderkreises, enthält ihre damals eingereichten Arbeitsproben aus dem preisgekrönten Manuskript.

Damit Preise vergeben werden können genügt es jedoch nicht, dass Literaturbegeisterte sich zusammentun und einen Förderkreis gründen. Ein solcher Preis muss auch finanziert werden und dazu bedarf es der erforderlichen Mittel. Diese kommen aus dem Ministerium. Deshalb geht unser besonderer Dank an die Landesregierung, vertreten durch Frau Dr. Bernhardt, die heute leider nicht hier sein kann. In diesem Jahr sind wir ihr sogar zu einem ganz besonderen Dank verpflichtet, da sie die Zuwendungen für den Förderkreis in einem Umfang erhöht hat, der es uns ermöglicht, den Thaddäus-Troll-Preis in Zukunft wieder jährlich zu vergeben.

Danken möchte ich auch dem Leiter des Literaturhauses, Herrn Dr. Florian Höllerer, der uns die Räume für den heutigen Abend zur Verfügung gestellt hat, sowie Frau Bußmann, der Direktorin der Stadtbücherei, für ihre Grußworte.

Damit meine Damen und Herren komme ich zum Schluss und darf Ihnen noch die Laudatorin vorstellen. Es ist mir eine ganz besondere Freude und Ehre, die aus dem „Eisgebreit“, aus dem hohen finnischen Norden, kommende Dichterin Dorothea Grünzweig hier begrüßen zu dürfen. Ihre Wurzeln liegen ebenfalls im Schwäbischen, in Korntal, nicht weit von hier, doch seit vielen Jahren lebt sie in Helsinki. Ihre im Wallstein Verlag erschienenen Gedichtbände bezeugen die nordische Herkunft bereits im Titel: „Mittsommerschnitt“, der erste, „Vom Eisgebreit“, der nächste und „Glasstimmen“ (lasinäänet), der vorerst letzte. In diesen Gedichten gelingt es Dorothea Grünzweig den hohen Ton Hölderlins und die Stimmen nordischer Schneelandschaften so anzuverwandeln, dass daraus ein ganz eigener feierlicher Ton entsteht, der ihrem Traum vom Gedicht als eines „magischen Singens“ sehr nahe kommt. Wie schön, dass gerade diese Dichterin es nun hier für uns unternimmt, die Lyrik Susanne Stephans, der Thaddäus-Troll-Preisträgerin des Jahres 2007, in ihrem ganzen Reichtum zu würdigen.