Thaddäus-Troll-Preis 2007

Preisträgerin: Susanne Stephan, Stuttgart

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Susanne Stephan bedankt sich mit einer Lesung. (Foto: Günter Guben)

Die Lyrikerin Susanne Stephan erhält den Thaddäus Troll-Preis 2007. Die Jury des Förderkreises Deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e.V. hat ihr den mit 10.000 € dotierten Preis für das Manuskript „Die Sehnsucht des Schamanen. Gedichte“ zuerkannt. Der Gedichtband wird 2008 im Verlag Klöpfer & Meyer in Tübingen erscheinen.

Preisverleihung: Sonntag, 11. November 2007,  Literaturhaus Stuttgart
Laudatorin: Dorothea Grünzweig

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Ann-Sophie Stephan, Nichte der Preisträgerin, begleitete die Veranstaltung mit zeitgenössischen Kompositionen auf der Tenorblockflöte. (Foto: Günter Guben)

Die Begründung der Jury

Nach Auffassung der Jury zeugen die Gedichte Susanne Stephans – von den Höhlengedichten bis zu den „Nordischen Kombinationen“ – von einem beeindruckenden sprachlichen Reichtum. Die Lyrikerin protzt nicht mit den Möglichkeiten der Sprache, die bei ihr archaisch oder alltäglich sein kann und in ihrer Schlichtheit manchmal fast feierlich. Da ist keine Pose dabei, keine Eitelkeit – Ehrgeiz ja, es mit den Wörter aufzunehmen und ihrer Kraft, ihrem Können. Stephan beherrscht die ruhigen Bewegungen, aber auch die spielerischen, tänzerischen und die kleinen feinen, kaum sichtbaren Flügelschläge.

Die Dinge, Tiere und Menschen in diesen Gedichten kennen wir – wir sehen sie durch das poetische Licht, das sie leuchten lässt. In den Höhlengedichten ist dies ein archaisches Licht, ein Fackellicht, das andere Farben, Konturen, Schatten zeigt als unser Kunstlicht. Vor dem Hintergrund der Vorzeit erhalten die alltäglichen Gegenstände eine Magie, erscheinen wie aufgeladen mit archaischer Macht.

Gedichte wie aus einer großen Grabung, tiefe Schichten, ungeheure Zeitspannen, darüber – eine lächerlich kurze Spanne – die dünne Haut der Zivilisation, der „jämmerliche Überwurf“, wie es in einem Gedicht heißt. „Wo sind die Kerzen“ – fragen wir uns erschrocken, bei Stromausfall. Die Höhle ist die aller Menschen und also der Kinder auch, die „Kindheitshöhle“. Und wir haben alle Angst, auch im Wald. Die Sehnsucht des Schamanen ist, die Kunst zu finden, welche die Angst bannt und beruhigt. Aber es ist ein Wagnis. Weil man sich der Angst nähern muss. Und die Aufgabe des Schamanen ist auch, das Geheimnis zu bewahren. Das bewahrte Geheimnis leuchtet weiter. Wie diese Gedichte es tun: „Stille: nur der Wind, der durchs gefrorene Schilfrohr zieht.“

Susanne Stephan hat Germanistik, Geschichte und Romanistik in Tübingen, Konstanz, Hamburg und Paris studiert. Sie hat als Verlagslektorin gearbeitet, zuletzt in einem Stuttgarter Kunstbuchverlag und ist jetzt freie Autorin. Zu ihrem Band Tankstellengedichte (Klöpfer & Meyer 2003 schrieb Robert Gernhardt:

Ja, das sollen gute Gedichte leisten: Welt sichtbar machen oder fassbar; Möglichkeiten dessen zeigen, was Wirklichkeit genannt wird; Worte für das finden, was sich scheinbar von selbst versteht.

Pressestimmen

Die Stuttgarter Zeitung fand am 13 November in Susanne Stephans Gedichten eine „schockierende Verdichtung, aber auf die ganz sanfte Art“. Sie schreibe Verse, „hinter deren Zartheit knochentrockene, grausame Analyse steht. In ihrem neuen Lyrikband führt sie den Leser an Supermarktkühlregalen entlang, in denen alles eingeschweißt ist, nur nicht die Schulter des Kunden, der in dieser eisigen Warenwelt friert“.

Die Stuttgarter Nachrichten schrieben am gleichen Tag: „Die 44-jährige Wahl-Stuttgarterin ertastet Landschaft mit der Sprache, wirft mit neuen Wort- und Satzkonstellationen auf alltägliche Ereignisse einen neuen Blick.“ Die Berichterstatterin Eva Maria Schlosser befand: „Stephans präzise Alltagsbeobachtungen zeichnen sich […] durch Schlichtheit und subtilen Humor aus.“

Ansprache: Dr. Renate Müller-Buck
Laudatio: Dorothea Grünzweig