Thaddäus-Troll-Preis 2005: Laudatio Irene Ferchl

Phantasie für die Wahrheit des Realen

oder: Von wahren Geschichten, Passagen und dem Roman einer Nacht

Von Irene Ferchl

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der Literatur, liebe Angelika,

den Thaddäus-Troll-Preis erhalten Schriftstellerinnen und Schriftsteller für Romane – wenige Ausnahmen unter den bisher 23 PreisträgerInnen bestätigen die Regel. Romane, auch schmale, sind offensichtlich preiswürdiger als zum Beispiel Essays oder Reportagen oder Porträts. Für derartige kleine, leicht abwertend „journalistisch“ genannte Formen, gibt es den Egon Erwin Kisch-Preis für literarische Reportage, mit dem Angelika Overath 1996 ausgezeichnet worden ist.

Seither sind von ihr drei Sammlungen mit so genannten „wahren Geschichten“, bzw. „Portraits und Passagen“ erschienen, außerdem in Buchform Essays über Toleranz (zu Lessings Ring-Parabel) und zum Familienglück oder kleine Spatzenweisheiten – den Troll-Preis hätte es dafür garantiert nicht gegeben. Nicht dass Sie denken, ich möchte hier literarische Genres gegeneinander aufrechnen, mich interessiert einfach die Frage, warum die Fiktion bei uns favorisiert wird, der Roman oder vielleicht noch die Novelle – die Lyrik lassen wir für heute abend einmal beiseite – das wertigere, preiswürdige Schreiben ist. Oder genauer, denn die Hierarchie soll uns gar nicht so sehr beschäftigen, wo die Grenze verläuft: die Grenze zwischen Beobachtung und Schilderung der Wirklichkeit, des Erlebten einerseits und der Erfindung andererseits.

Dazu wird es nötig sein, den Blick zwischen den verschiedenen Texten Angelika Overaths hin und her schweifen zu lassen – auch wenn der „Roman in einer Nacht“, wie ihr neues Buch „Nahe Tage“ in scheinbar paradoxer wie eingängiger Setzung lautet, im Zentrum stehen soll.

Ähnlich antagonistsch wie die Titelwahl von Tagen und der Nacht und ebenso anschaulich ist das Cover. Die Fotografie der Frau (wir schließen sicher nicht falsch auf die Mutter aus dem Hinweis, dass es aus dem Privatarchiv der Autorin stammt), das Foto der Mutter hat zu viel Licht bekommen und wird dadurch überstrahlt und unscharf.

Der Roman erzählt – freilich auf anrührende Art – eine uns allen bekannte Geschichte. Die Tochter kehrt vom Totenbett ihrer Mutter zurück, geht mit dem „Krankenhausplastiksack“, der Mutters Habseligkeiten enthält, in deren Wohnung, und wird, während dieser ganzen, in dieser Situation eigentlich absurden Verrichtungen wie dem Aufräumen und Waschen von Mutters Wäsche, die aber trotzdem nicht unterbleiben dürfen, von der Vergangenheit eingeholt. So sagt man das, aber es ist weniger ein Eingeholtwerden als ein Öffnen von Fenstern in die Kindheit.

Assoziativ kommen die Erinnerungen, angeregt durch den „blassen vertrauten Muttergeruch“ der Wäsche, durch die Umgebung mit ebenso altvertrauten Gegenständen wie dem „Wäschepuff“; dem Badezimmerspiegel, in dem sich das Mädchen früher mit der Mutter erblickte, die ihr „die sichere Frisur“, also eine für die Schulstunden haltbare Frisur von zwei Zöpfen flocht; der Küche mit der geblümten Wachstuchtischdecke und so weiter.

Diese Gegenstände sind untrennbar mit Erlebnissen, Stimmungen und Gefühlen verbunden und vor allem sind sie auf eine erschreckende Weise mit der Mutter verknüpft: „Sie verwandelte sich die Dinge an, dachte Johanna, sie verschmolz sie in eine Mutterlegierung.“

Schon diese wenigen zitierten Worte zeigen Angelika Overaths sprachliche Präzision, ihre Fähigkeit zur exakt treffenden Formulierung. Auch wenn man den Begriff „Wäschepuff“ oder „sichere Frisur“ hier zum ersten Mal liest, erschließen sie sich sofort.

Umso erstaunter war ich über die Anfangssätze des Buchs, die bei der ersten Lektüre ungenau wirken, fast verschwommen:

Sie atmet doch. Sie erschrak. Ihre Mutter war zurechtgemacht, gekämmt und gewaschen und lag ruhig da.

Und sie hörte, wie sie atmete.

Sie atmet doch, wollte sie rufen, verbat es sich aber.

Wer ist „sie“? Müsste es nicht grammatikalisch und erzähllogisch richtiger heißen: „Die Mutter atmet doch. Johanna erschrak. Ihre Mutter war zurechtgemacht, gekämmt und gewaschen und lag ruhig da. Und Johanna hörte, wie die Mutter atmete.“

Die Umformulierung zeigt deutlich, was die Autorin beabsichtigte: mit der Häufung des Personalpronomens zwingt sie die Leser zu besonderer Aufmerksamkeit und erreicht darüber hinaus eine der Situation angemessene Dramatik: eine Atemlosigkeit, gerade da, wo sie den Atemstillstand thematisiert.

Die Schilderung dieser Minuten, in der langsam das Wissen um den Tod der Mutter ins Bewusstsein der Tochter einsinkt, ihre bisher nie vorgestellte, nicht vorstellbare Sterblichkeit begreift, während sie immer noch das Atmen zu hören glaubt, für dessen Erhalt sie Tage und Wochen am Krankenbett zubrachte, ist ein beeindruckender Romananfang, beklemmend und in seiner Stringenz eine Essenz des ganzen Buches.

Auf der dritten Seite, erst nachdem sie die tote Mutter verlassen hat, kann die Geschichte der Tochter beginnen, und in diesem Moment erhält sie auch ihren eigenen Namen: Johanna.

Während der folgenden 150 Seiten, in 16 Kapitel eingeteilt, entwirft Angelika Overath ein Familienbild der bundesdeutschen Nachkriegszeit. Im Vordergrund steht die dominierende Mutter, flankiert von dem früh verstorbenen Großvater – von ihm hören wir nachher in der Lesung – und der Großmutter, mit der das Mädchen ein „Zimmerle“ und ein Vertrauen teilt. Ganz hinten gibt es auch einen Vater, von dem die Mutter bei der ersten Begegnung nicht erkannt hatte, dass er schwach war – und daraus erwächst dieses „verwunschene Unglück“ (Andrea Köhler hat so ihre sehr schöne Rezension in der NZZ überschrieben).

Natürlich ist „Nahe Tage“ ein trauriges Buch, das kann bei dem „Roman in einer Nacht“, der ja eine Art erzählter Totenwache darstellt, nicht anders sein, und dies kennzeichnet auch das Genre; denken Sie an Peter Handkes „Wunschloses Unglück“, an Elfriede Jelineks „Klavierspielerin“, an Zsuzsanna Gahses „Nichts ist wie“ und andere Mutter-Kinder-Bücher. Sie werden, meist autobiographisch grundiert, aus zu bewältigenden Problemen formuliert, aus Schmerzen und Traumata und Versäumnissen, welcher Art auch immer.

Angelika Overath gelingt es – und sie schreibt sich damit in die Literaturgeschichte ein – ein Familienpanorama zu entfalten, in dem Schrecken und Komik nah beieinander liegen. Wenn die Mutter etwa auf der Formulierung besteht, das Kind sei bei der Geburt aus ihr herausgekrochen, so ist das signifikant für diese gleichermaßen intime wie distanzierte Beziehung. Und eine grausame, das Kind auf ein kriechendes Wesen reduzierende Wortwahl.

Später in der Nacht kommt dann eine Pizza-Botin als Gast einer fremden Welt und erhält am Küchentisch eine andere Version der Geschichte erzählt. Die Protagonistin Johanna testet damit etwas aus, womit sie viele Jahre zuvor gescheitert war – und dies ist eine Schlüsselszene: Das Mädchen hatte in der Schule einen Aufsatz über den 1. Mai schreiben müssen und einen „lebhaften Bericht von einem Wanderausflug mit einer Nachbarsfamilie geschrieben, mit Vesperbroten und geschnitzten Wanderstöcken und Jägersitz und Limonade beim Einkehren und so“. Der Aufsatz war so gut geworden, dass Johanna ihn in der Klasse laut vorlesen durfte – worauf das Nachbarsmädchen, das beobachtet hatte, wie an jenem Feiertag der Vater nach einem Selbstmordversuch mit einem Notarztwagen ins Irrenhaus gebracht worden war, kreischte: „Das stimmt ja alles gar nicht. Das stimmt ja alles gar nicht.“

Johanna wusste also instinktiv, was Angelika Overath immer wieder formuliert: „Erzählen heißt erfinden“.

Dass die Autorin freilich nicht alles erfunden hat, leugnet sie gar nicht, und es gibt in dem eingangs erwähnten Band „Portraits und Passagen“ als Epilog einen Text mit dem Titel „Zuhaus. Spurensuche an der Zwittau im böhmisch-mährischen Sudetenland“, der sich zur vergleichenden Lektüre anbietet, auch weil er eine Positionierung vornimmt:

Ich bin Europäerin, Jahrgang 57. Eine Jugend in Karlsruhe hieß Abende in Straßburg oder Colmar. [etc.]

Ich bin die Tochter einer Mutter, die keine Europäerin war. Sie hatte ein Zuhaus. Ich bin die Enkelin einer Großmutter, die mit Mann und Kind aus diesem Zuhaus vertrieben worden ist.

Und ein weiteres Bändchen möchte ich Ihnen ans Herz legen, die ebenfalls in diesem Herbst erschienenen „Generationen-Bilder“ mit dem Untertitel „Erkundungen zum Familienglück“. Das ist wirklich Overath in Bestform: Amüsante Anekdoten aus dem Tübinger Alltag mit drei Kindern und wechselnden Haustieren addieren sich mit Reflexionen zum Familien- und Generationenbegriff auf der Basis von Bibel und Sozialwissenschaft zu einem so klugen wie lesbaren Essay.

Die Familie bildet deutlich einen roten Faden im Schreiben von Angelika Overath, erdet sie bei ihren Reisen in die große weite Welt und ist ihr auch als fremde Familie immer wieder Thema.

Wenn sie zum Beispiel eine Würdigung zum Geburtstag von Hans Magnus Enzensberger schreibt, wählt sie die ungewöhnliche Form eines sich aus Facetten zusammenfügenden Porträts, die sie den Brüdern Ulrich und Christian, der Mutter und dem Jubilar selbst ablauscht: „Die guten bösen Buben“ heißt dieser aufschlussreiche Text, der das sympathische Familienporträt der Gebrüder Enzensberger zeichnet.

Enzensbergers Zeitschrift Transatlantik war – nach dem Schwäbischen Tagblatt – übrigens ihr erstes Forum.

Lesen konnte, respektive kann man Angelika Overaths Artikel, Essays, Reportagen (neben und vor der Buchform) in so renommierten Organen wie der Neuen Zürcher Zeitung und dem Folio-Magazin der NZZ oder dem inzwischen leider nicht mehr existierenden Zeit-Magazin, für das sie ihre preisgekrönte Geschichte über eine Knochenmarkspende („Bis ins Mark“) oder ihre Reportage „Händler der verlorenen Farben“ über einen Drogisten aus dem Allgäu verfasst hat, der ganz wörtlich und weltweit mit Farbpigmenten handelt, die zur Restaurierung alter Gemälde benötigt werden. Also ein ehrenwerter Beruf und so wunderbar poetisch, dass er dem ersten Band der „Wahren Geschichten“ den hübschen Titel gab. Wer diesen Text liest, merkt, dass Angelika Overath eine starke Affinität zu Farben hat – und sie kann sie besonders gut beschreiben! Ob sie das schon wusste oder erst erfahren hat, als sie zum Abschluss ihres Studiums (Germanistik, Geschichte, Italianistik und Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen) ihre Promotion „Zur Poetik einer Farbe im modernen Gedicht – Das andere Blau“ schrieb?

Jedenfalls ist es keine trockene Dissertation, sondern eine sehr lesenswerte Abhandlung, in der auf der Grundlage von Beschreibungen der Blau-Symbolik um 1800 (Goethe, Schiller, Novalis) und 1900 (Mallarmé, Rimbaud, George, Rilke) das Blau in der Tradition der Moderne (Trakl, Lasker-Schüler, Benn, Celan) interpretiert wird.

In der Danksagung taucht ein verräterischer Satz auf (nein, nicht der zu ihrer damals geborenen Tochter und dem kundigen Gefährten Manfred Koch) sondern: dass sie bei ihren Analysen immer wieder auf die Verbindung des Blau mit Phänomenen der Erinnerung und Sprachfindung stieß. Verräterisch, besser: typisch insofern, als sie selbst in einer fachwissenschaftlichen Arbeit nie den Blick auf die anderen Bereiche des Lebens verliert. Und die sind vielfältig.

In der Schweizer Monatszeitschrift du hat sie einen meiner Lieblingstexte publiziert, eine Reportage über die Zimmermädchen eines Berner Luxushotels, das sie von einer uns allen völlig unbekannten Seite beschreibt; die normalerweise beleuchteten Menschen im Hotel, die Gäste, sind völlig ausgeblendet; es gibt ein Leben ohne sie, wenn auch für sie – das ist verblüffend.

Für GEO hat sie so unterschiedliche Reportagen wie die über „Reine Aussteigerinnen“, nämlich in einem provencalischen Schweigekloster lebende Ordensfrauen verfasst oder eine Geschichte über Feticheusen im Osten der Elfenbeinküste; sie führt uns in den Alltag und die Rituale ein, mit einem Verständnis für diese höchst unterschiedlichen Frauen in der Provence und in Afrika, das wohl charakteristisch ist für Angelika Overaths Umgang mit Menschen generell: Sie ist neugierig, das muss sie ja sein, sonst würde sie nichts erfahren, aber sie ist es auf eine so respektvolle, diskrete Art, dass sich ihr gegenüber jeder zu öffnen scheint. Und während sie zuhört und fragt, wirklich kommuniziert, notiert sie noch die kleinsten Details, die dann in ihrer Addition das stimmige Gesamtbild ergeben. Wie sie das macht, ob mit Stenogramm oder fotografischem Gedächtnis, weiß ich nicht, aber es ist bewundernswert gut.

Sie hält sich mit Einschätzungen und Wertungen zurück, was nicht heißt, dass sie nicht beteiligt ist. Wenn sie für die Frankfurter Rundschau auf den Spuren Walter Benjamins nach Port Bou an der französisch-spanischen Grenze reist, wird daraus mehr als eine berichtende Hommage; sie folgt seinen und anderen Wegen, geht der Frage von natürlichem oder Freitod nach und sie hat beim Besteigen der Berge einen Blick für die dort sommers blühenden Immortellen.

Angelika Overath jettet durch die Welt, auf eigene Faust oder von Redaktionen geschickt, führt uns an exotische Schauplätze, beschreibt Lebensformen, sei es im Tessin oder Elsass, auf Bali oder Tahiti – wo sie für mare notiert, dass dort „der Übergang von Land zu Wasser nicht erheblich“ ist.

Für merian und andere hat sie mehrfach über Griechenland geschrieben, wo die Familie ein paar Jahre in Thessaloniki lebte. Aber sie findet ihre Themen auch in nächster Nähe – Hölderlin im Tübinger Turm –, und sie besitzt, wie ein Kollege formulierte, „den Sinn für die Sensation des Unauffälligen“; das kann auch mal der Teppichboden sein oder eine Petitesse wie das Orangenpapierchen und dessen kuriose Sammlung. Diese Geschichte ist ein kleines Meisterwerk. An der Sammelleidenschaft für Orangenpapierchen wird eine Historie des Orangenanbaus und Handels aufgehängt, eine Kulturgeschichte des Druckens auf 20g Papier, und am Schluss gibt es eine kleine Episode, die den Text geradezu adelt: der Sammler, der weltweit am meisten Orangenpapierchen besitzt und nach 25 000 Exemplaren mit dem Zählen aufgehört hat, erzählt von einem köstlichen und streng verbotenen Kinderspiel: diese Papierchen zusammenzudrehen und anzuzünden. „Würde er sie doch behalten haben, diese schönen alten Papierchen, die er als Kind so verschwenderisch verbrannte, mit ihren goldenen Sonnen drauf und den herrlich ovalen Schriftzügen. So spricht der Sammler. Und dann lächelt er über die Lupe hinweg, als hänge er heimlich dem Sekundenglück brennender Papierchen nach und dem sahnigen Duft milder Orangen im Winter.“ „Das Sekundenglück brennender Papierchen“ wurde der einprägsam-lyrische Titel ihres zweiten Bandes mit wahren Geschichten.

Äußerst differenzierte Porträts über Gestalten der Literatur stammen von ihr, über verstorbene Dichterinnen wie Annemarie Schwarzenbach, Franziska Gräfin zu Reventlow, Christine Lavant, über lebende Schriftstellerinnen wie Lenka Reinerova aus Prag oder die rumänischen Ana Blandiana und Herta Müller Sie hat die Verlegerin Katharina Wagenbach in Berlin besucht, Hanne Lenz in München und den Antiquar Herbert Tenschert in der Bibermühle.

Was auch immer sie betrachtet, sie behält ihren subjektiven Blick, kleistert keine Widersprüche zu, sondern benennt sie mit Verständnis, zumindest mit Offenheit und Hochachtung auch vor seltsamem Fremden. Ein Journalist hat dies wörtlich zum „Luxus für Leser“ erklärt, der zur Versöhnung mit der Welt beitrage. Übrigens auch mit der Geistesgeschichte, denn sie hat einen immensen Bildungshintergrund, doch das Wissen wird nie zum Selbstzweck, sondern nur im passenden Augenblick hervorgeholt und eingesetzt.

Ein Beispiel. Wenn sie in einem Text über die modernen Komunikationsmittel, E-Mail, Fax, Anrufbeantworter schreibt und den „Luxus, nicht erreichbar zu sein“, dann bringt sie im Kontext des Zeitsparens, Zeitmessens ganz selbstverständlich ein Zitat von Augustinus ein, der erklärt habe, wenn man ihn nicht frage, was die Zeit sei, wisse er es, wenn er es aber erklären solle, so wisse er es nicht. Sie hat Benjamins Baudelaire-Interpretation – der Einzelne muss sich vor der Fülle der in der großstädtischen Menschenmasse auf ihn einströmenden Reizen schützen – ebenso parat wie die Thesen des Soziologen Erving Goffman und verliert doch nie die Bodenhaftung zu ihrer eigenen Erfahrung, dem täglichen Warten auf den Briefträger, dem beklemmenden Gefühl beim Piepston des Anrufbeantworters und den Statements der Freunde beim abendlichen Gespräch am Küchentisch. Und die Essenz lautet etwa so: Zuhören kann man nicht schneller – und das ist dann gleich ein Plädoyer auf das genaue sich Einlassen.

Die beiden für mich erhellendsten Texte im neuen Band der „Portraits und Passagen“ handeln wohl nicht zufällig von gewissermaßen geistesverwandten Kollegen, von Bruce Chatwin und von Marie-Luise Scherer.

Über die befreundete Journalistin Scherer schreibt Angelika Overath kein Porträt im eigentlichen Sinne, sondern sie schält anhand einer exakten Analyse von Sprache und Stil heraus, was die Qualität ihrer Reportagen ausmacht: Das Objekt des Sezierens ist eine zweiteilige Spiegel-Geschichte über einen Pariser Frauenmörder. Angelika Overath zeichnet das kunstvolle Vorgehen der bewunderten Kollegin nach, erzählt nebenbei den Kriminalfall, damit wir Leser informiert und unterhalten werden, fragt sich und uns: „Was macht die Autorin mit uns? Die Personen, von denen sie erzählt, sind historisch verbürgt, aber Marie-Luise Scherer stellt sie gerade so vor, als seien sie erfunden. Der Text suggeriert, dass er – bis ins winzigste Detail – prinzipiell nachprüfbar ist, aber er entzieht sich eigenartig der Neugier, überprüft zu werden. Wie funktioniert das?“

Wir können dieser Frage hier nicht ausführlich nachgehen und ich werde mich hüten, die differenzierte Beantwortung nach der Technik durch eine verknappte Wiedergabe zu verfälschen, nur soviel: dahinter steckt die Kunst, anhand von Reflexen, Spiegelungen, Echos ein Gewebe zu schaffen, das wie Wirklichkeit aussieht. Das Titel gebende „halbe Brot der Vögel“ ist auch ein solches Zeichen, ein Motiv, das weit über sich hinaus weist und der bessere Titel auch für Scherers Reportage gewesen wäre als das reißerische „Die Bestie von Paris“. Aber so blieb die schöne Formulierung für Angelika Overaths Text übrig.

Nebenbei formuliert sie eine Poetik der Reportage, das macht sie gerne mal, so en passant eine kleine Poetik in die Geschichte einfügen, und zwar derart geschickt, dass es den Ablauf der Handlung respektive Beschreibung nicht stört, aber doch ein kleiner Stolperstein für nachdenkliche Leser ist. In diesem Artikel, übrigens 1993 im Merkur erstabgedruckt, kommt sie mehrmals darauf zu sprechen, und man vermutet sicher zu Recht, dass hier eine bewusste Autorin sich auch lernend selbst erfährt, an der fremden Arbeit entlang das eigene Vorgehen befragt – damals war sie ja selbst noch ziemlich am Anfang.

Und sie schreibt eine Passage über Scherers Reportage, die man gut und gerne auf ihre eigenen Geschichten münzen könnte:

Ein solcher Text ist mit einer Imagination geschrieben, die an die Aussagefähigkeit der Realität glaubt und sich an sie halten will. Goethe nannte das die „Phantasie für die Wahrheit des Realen“. Und wie jede Literatur, die in einem symbolischen Gehalt des Geschauten gründet, ist sie eine gefährliche Gratwanderung. Wer hier frei erfindet, stürzt ab. Die Moral einer solchen Ästhetik liegt darin, eine nie dagewesene Sprachwelt zu schaffen, nur um zu zeigen, wie es ‚wirklich gewesen‘ ist. […] Gute Beobachter und gute Zuhörer haben oft Glück, und es fügen sich Details zu Motiven. In diesem Fall spräche die Evidenz der Stimmigkeit auch einen klassischen Reporter frei.

In dieser kurzen Passage erfährt man viel über Angelika Overaths eigene Poetik. Und ihre Zielsetzung, Reales, Erlebtes ernst zu nehmen und mit adäquaten Mitteln – der Phantasie, Imagination, manchmal einem bisschen Findeglück – ein sprachliches Werk zu schaffen, das wiederum über die Realität mehr und Richtigeres aussagt. Das ist meiner Meinung nach der Anspruch, Literatur zu schreiben, egal ob in Form von Porträts, Reportagen, Essays oder Romanen.

Wir sind fast, aber noch nicht ganz am Ende, nur noch ein paar Bemerkungen zu dem Text über Bruce Chatwin, der zunächst ein Radioessay war und nun den „Portraits und Passagen“-Band eröffnet, den wir im Literaturblatt in gekürzter Form abdrucken durften und der dort einer der meist gelobten wurde.

Er trägt den überraschenden Titel „Weit über die Grenzen der Fiktion hinaus“; genauso, nicht etwa über die Grenzen der wirklichen Welt mittels Erfindungsgabe soll es hinausgehen, sondern über die Grenzen der Fiktion. Hans Magnus Enzensberger hat in seinem Nachruf 1991 diese scheinbar paradoxe Formulierung geprägt: „Man wird sich an Chatwin als an einen Geschichtenerzähler erinnern […], der weit über die Grenzen der Fiktion hinausgeht.“

Chatwin selbst wird von Angelika Overath unter anderem mit folgendem Satz zitiert – es geht um die Zusammenstellung und Überarbeitung einer Sammlung von Texten, an denen er Veränderungen vorgenommen hat: „Das Wort ‚Geschichte‘ soll den Leser darauf aufmerksam machen, daß, wie sehr die Erzählung auch den Tatsachen entsprechen mag, ein Prozeß der freien Erfindung stattgefunden hat.“

In dieser Spanne zwischen Tatsache und Erfindung liegt nicht nur Bruce Chatwins spezifische (nebenbei außerordentlich beliebte und erfolgreiche) literarische Form, sondern auch Angelika Overaths meisterliche Fähigkeit.

Darum sollte bei ihr, aber auch generell, die Schranke zwischen dem wertvollem Schreiben eines Romans und dem abwertend als journalistische Brotarbeit bezeichneten Verfassen von Reportagen oder anderen Geschichten etwas niedriger gehängt werden. Den Thaddäus-Troll-Preis hat sie für ihr gesamtes bisheriges Werk, das ich rundum literarisch nennen möchte, verdient. Ich freue mich auf alle ihre nächsten Texte und gratuliere ganz herzlich.

© Irene Ferchl, 9. November 2005
Der Förderkreis dankt für die Erlaubnis, den Text zu veröffentlichen.