Thaddäus-Troll-Preis 2003: Pressestimmen

Badische Neueste Nachrichten, Vorabbericht 22. Oktober 2003

Schönes Nachspiel zum „Nachtspiel“

Der Autor Martin Gülich erhält heute in Ettlingen den Thaddäus-Troll-Preis

Die Auswahl der Kritikerzitate ist opulent bis beeindruckend: „Ein Geheimtipp unter den deutschen Nachwuchsliteraten“, bemerkten die Nürnberger Nachrichten über Martin Gülich. „Lakonisch, ironisch aufgeladene Prosa“ bescheinigte die Stuttgarter Zeitung dem gebürtigen Karlsruher, Jahrgang 1963. „Es ist nachgerade die Schlichtheit der Figuren wie auch des Erzählens selbst, die fernab jeder Effekthascherei Beklemmung und Betroffenheit evoziert“, meint die Aargauer Zeitung über den Autor, der seit Anfang 2000 das Literaturbüro Freiburg leitet. Jetzt erfährt der so Gewürdigte eine erste öffentliche Ehrung: Heute wird Martin Gülich im Rittersaal des Ettlinger Schlosses der Thaddäus-Troll-Preis verliehen.

Die Auszeichnung ist nach dem schwäbischen Schriftsteller Hans Bayer (1914 bis 1980) benannt, der unter dem Pseudonym Thaddäus Troll Essays, Romane, Hörspiele und Satiren verfasste, darunter „Deutschland, deine Schwaben“ (1967) oder Fallobst (1975).

Troll war in zahlreichen Gremien vertreten, in den letzten Jahren vor seinem Tod sogar als Vizepräsident des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland. 1973 gründete er zusammen mit Gleichgesinnten den Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg, der die inzwischen mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung vergibt.

„Nachtspiel“ heißt eine kleine Erzählung Gülichs, die Anfang dieses Jahres in einer Anthologie des Förderkreises erschienen ist, und nun folgt, gleichsam als Nachspiel der Preis für einen Autor, der bereits mit zwei Romanen hervorgetreten ist: 1999 erschien „Vorsaison“, zwei Jahre später „Bellinzona, Nacht“. Neben mehreren Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Sammelbänden hat er jüngst unter dem Titel „Bagatellen“ Kurzprosa herausgebracht. „In ungewöhnlicher Weise verbinden sich bei dem vierzigjährigen Martin Gülich die großen und ewigen Themen der Literatur – Liebe, Tod und Schuld – mit einer meisterhaft unprätentiösen sprachlichen Darstellung“, heißt es in der Begründung der Jury.

Dieses Urteil dürfte auch beim heutigen Festakt eine Rolle spielen, bei dem neben Ursula Bernhardt vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, auch Ulrich Zimmermann als Vorsitzender des Förderkreises sprechen wird. Die Einstimmung in den Abend wird Gabriela Büssemaker besorgen, die mit der Begrüßung der Gäste eine ihrer ersten Amtshandlungen als neue Oberbürgermeisterin von Ettlingen vornehmen wird. Bevor der Preisträger zu Wort kommt, wird Uwe Pörksen die Laudatio halten. Der Freiburger Literaturwissenschaftler hat sich nicht zuletzt als Schriftsteller und als analytischer Beobachter heutiger Sprache einen Namen gemacht. Auf seinen Vortrag darf man gespannt sein. Sagt er doch: „Eine Rede ist niemals nur eine Präsentation. Wer redet, trifft eine Entscheidung, und sein Wort bewirkt etwas, es ist eine zukunftsoffene Tat.“

Michael Hübl

Badische Neueste Nachrichten, 24. Oktober 2003

Unprätentiös wie sein Werk

Troll-Preis für Martin Gülich

Wie erfreulich, es gibt tatsächlich Preisverleihungen, bei denen nicht salbungsvolle Reden geschwungen werden und doch die feierliche Stimmung stimmt, die aber auch nicht langweilig oder öde sind. Die Übergabe des Thaddäus-Troll-Preises an den Schriftsteller Martin Gülich im Ettlinger Schloss war eine so erfrischende Veranstaltung: Interessant und aufschlussreich, kurzweilig und humorvoll dazu eingerahmt von dem meisterhaft spielenden Akkordeon-Ensemble Bruchhausen.

Eröffnet wurde der Festakt von Gabriela Büssemaker, der neuen Oberbürgermeisterin von Ettlingen (erst 25 Stunden im Amt), die damit ihre „erste offizielle Amtshandlung mit Außenwirkung“ bestritt. „Richtig erkannt und zu Recht gefördert“, das Lob von Ursula Bernhardt vom Landesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst galt nicht nur Gülich, sondern auch Ulrich Zimmermann, Vorsitzender des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg.

„Wenn die Nullen etwas gelten wollen, müssen sie rechts stehen.“ Zimmermann machte mit einem Zitat von Troll auf das beachtliche Preisgeld von 10 000 Euro aufmerksam, das so wichtig für die jüngeren, qualifizierten, aber noch wenig bekannten Autoren ist. Der emeritierte Professor, Literatur- und Sprachwissenschaftler Uwe Pörksen verhehlte als Laudator seine Begeisterung über Gülichs Buch „Bellinzona, Nacht“ nicht. Am Anfang steht ein Unfall im Gotthardtunnel: Dreibaums Frau liegt auf der Intensivstation, er selbst hat Angst, am möglichen Tod seiner Frau schuld zu sein und weiß auch nicht mehr, wie es überhaupt zu dem Unfall gekommen ist. Dann die Erinnerung an die Flitterwochen in Italien, und die dritte Szene handelt von einem kleinen Jungen, der sich verantwortlich fühlt für die plötzliche Krankheit der Mutter. „Die drei Szenen reihen sich aneinander, verschränken, verknoten und wiederholen sich und die Spannung der Personen. Es ist der Versuch, Stück- für Stück die Ursache des Unfalls zu finden und in gewissem Sinne ist das Buch eine Psychoanalyse und ein Krininalfall.“ Pörksen lobt auch Gülichs Kunstgriff, den Jungen falsche Schlüsse ziehen und von ihm auf Dreibaums Kindheit schließen zu lassen. „Konkret und sinnlich beschrieben, liebevoll beobachtet, dabei unsentimental und gekonnt. Gülich legt das Rätsel eines menschlichen Falls offen und lässt ihn auch offen.“ Für Pörksen ist „Bellinzona, Nacht“ kein Roman, sondern eine „meisterhafte Novelle mit einem symbolischen Leitmotiv, einer dramatischen Anlage und einer dramaturgischen Geschlossenheit“.

So viel Lob und Anerkennung machten Gülich „etwas betreten“, aber er sei ja nicht mehr so jung, dass es ihm zu Kopfe steigen könnte, so der gebürtige Karlsruher, Jahrgang 1963. Nach kurzem Dank las er Ausschnitte aus „Bellinzona, Nacht“ und „Bagatellen“ und sprach von den Zweifeln, „ohne die gar nichts geht“, von dem Kampf mit dem weißen Blatt, und dass so eine Auszeichnung „die Zweifel ein klein wenig kleiner macht“ – in allem so unprätentiös wie seine Bücher.

Susanne Marschall

Amtsblatt Ettlingen, Nummer 44, Donnerstag, 30. Oktober 2003

„Thaddäus Troll Preis“ im Schloss verliehen

Texte wie ein Haus: solide Architektur von zeitloser Eleganz

Am Mittwoch vergangener Woche erhielt der in Karlsruhe geborene Schriftsteller Martin Gülich im Rittersaal des Ettlinger Schlosses den mit 10 000 Euro dotierten „Thaddäus Troll Preis“ des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden Württemberg e.V. Preisgekrönt wurde Gülichs zweites Werk, „Bellinzona, Nacht“, das 2001 im zu Klampen Verlag Lüneburg erschienen ist.

„Der Thaddäus Troll Preis ist ein Solitär, denn er fördert, was als Talent sichtbar wird, nicht das Lebenswerk eines Schriftstellers“, so der Vorsitzende des Förderkreises, Ulrich Zimmermann, der Gülich Urkunde und Scheck überreichte. Zimmermann richtete seinen Dank an die unabhängige, sach- und fachkundige Jury, deren Mitglieder alljährlich etwa 60 bis 70 Förderanträge zu bearbeiten haben. Zimmermann hob auch die psychologische Bedeutung eines solchen Preises für einen Autor hervor, sei die Auszeichnung doch ein Beweis dafür, dass sich das Schreiben, auf eigenes Risiko begonnen, als nutzbringende Tätigkeit erweisen könne. Insgesamt 21 Autoren sind seit der Stiftung des Preises im Todesjahr von Thaddäus Troll geehrt worden, darunter Rafik Schami oder Harald Hurst.

Thaddäus Troll, hinter diesem Pseudonym verbirgt sich der Schwäbische Schriftsteller Hans Bayer (1914 bis 1980), veröffentlichte zahlreiche Essays, Romane, Hörspiele und Satiren; er war Vizepräsident des PEN-Zentrums Deutschland und 1973 einer der Gründer des Förderkreises deutscher Schriftsteller Baden-Württemberg.

Inzwischen, so Zimmermann, vergebe der Förderkreis den Troll Preis im zweijährigen Turnus, um den Jungautoren auch weiterhin eine ansehnliche Summe überreichen zu können.

Zuvor hatte Oberbürgermeisterin Gabriela Büssemaker bei ihrer „ersten Amtshandlung mit Außenwirkung“ Autor und Gäste im Rittersaal willkommen geheißen. Die Kulturarbeit in der Stadt verleihe Ettlingen Profil, so Büssemaker, dabei werde besonderer Wert auf die Förderung des künstlerischen Nachwuchses gelegt, sei es durch den internationalen Pianistenwettbewerb, das Forum junger Choreographen oder den Kunstpreis der Museumsgesellschaft.

Büssemaker hob die Bedeutung des Förderkreises für Nachwuchsautoren hervor, der mit Literaturwerkstätten, Seminaren und anderem den angehenden Schriftstellern eine wichtige Plattform biete, „die Stadt arbeitet gerne mit Ihnen zusammen“, so die Oberbürgermeisterin zu Ulrich Zimmermann gewandt. Einen Dank sprach Gabriela Büssemaker Kulturamtsleiter Dr. Robert Determann und seinem Team für die Organisation der Preisverleihung aus.

Von einer überregional bedeutsamen Auszeichnung sprach Dr. Ursula Bernhardt vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden Württemberg. Sie dankte auch der Stadt für ihre Unterstützung, dies sei in Zeiten leerer Kassen nicht selbstverständlich. Gülich, der für sein literarisches Schaffen bereits zwei Stipendien des Förderkreises erhalten habe, sei als Talent erkannt worden; seine Texte seien wie Häuser: solide Architektur, von guter Statik und zeitloser Eleganz.

Die Laudatio für Martin Gülich hielt der emeritierte Freiburger Literatur- und Sprachwissenschaftler Professor Uwe Pörksen. Martin Gülich, so Pörksen, habe bislang drei Bücher vorgelegt, die jeweils eine eigene Grundform hätten und zugleich seine Handschrift trügen. „Bellinzona, Nacht“ sei mehr Novelle als Roman. Da sei die unerhörte Begebenheit am Anfang, das symbolische Leitmotiv, die dramatische Anlage und die dramaturgische Geschlossenheit des Ganzen, auch das Fragmentarische, das eine Novelle auszeichnen dürfe. Martin Gülich verstehe sich auf Rätseldialoge, deren Spannung sich in der Umgebung einniste. Er schaffe Figuren, mit denen sich der Leser identifiziere, baue Spannung auf und entspanne durch Humor und durch Ernüchterung. Verwende eine konkrete, sinnliche, „und, wenn es das gibt, szenische Sprache“, hob der Literaturwissenschaftler hervor, der Martin Gülich weiterhin eine glückliche Hand wünschte.

„Ich freue mich über den Preis“, antwortete Martin Gülich in seiner Dankrede; er sei ihm ebenso Anerkennung wie Aufmunterung und Ansporn. Viele Momente des Zweifelns habe er erlebt, er danke allen, die ihn mit Wärme begleiteten. „Zweifel treibt den Schreibenden voran, ohne Zweifel kann keine Kunst, keine Literatur entstehen“, so der Autor. Dennoch sei die Bestätigung in Form eines Preises sehr wichtig: „Sie macht den Zweifel milder!“, so Gülich, der anschließend aus „Bellinzona, Nacht“ und aus seinem jüngsten Werk, „Bagatellen“, las.

Für die passende musikalische Umrahmung sorgte das Akkordeon-Ensemble Bruchhausen unter der Leitung von Bernhard Steitel, dessen musikalische Kleinodien vom Publikum mit viel Beifall bedacht wurden.

Stefanie Heck

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