Thaddäus-Troll-Preis 2003: Laudatio

von Prof. Dr. Uwe Pörksen, Freiburg

Es passiert natürlich immer wieder, nicht nur, daß einer etwas intensiv erlebt, sondern daß er sich danach abseits stellt und mehr, sehr viel mehr Zeit aufwendet, das Erlebte aufzuzeichnen,

daß dabei das Erlebte an Intensität gewinnt und andere Dimensionen annimmt, so daß er sich zunehmend zu fragen anfängt: Was ist eigentlich passiert,

daß er zu träumen beginnt, was er hätte erleben, was überhaupt hätte geschehen können,

und daß er nun aus den Elementen, die das Leben ihm hingelegt hat und die jetzt eine besondere Gewalt bekommen haben, eine Geschichte erfindet und zusammenbaut, die ihm das Rätsel verdeutlicht: Was war es, was da war.

Wenn daraus ein Roman entsteht und etwas darin an den Autor, an seinen Personenkreis und seine Umgebung erinnert, dann wird die Umgebung, sein Heimatort zum Beispiel, vermuten, der Autor habe darin vor allem über sich und seine Nächsten geschrieben. Stimmt auch nur etwas überein, und sei es die Automarke, dann stellt sich die Vorstellung ein, auch der Rest sei autobiographisch.

Die Vermutung ist, glaube ich, so richtig wie falsch. Alles, was in einem solchen erfundenen Werk steht, ist eine Selbstdarstellung des Autors, ein Spiegel – aber nicht der Person. Der Spiegel, in dem wir ihn sehen, hat einen eigenen Rahmen, der seine Spielregeln setzt und seinen Urheber nicht vor dem spiegelnden Glas, sondern dahinter hat.

Martin Gülich ist in Freiburg kein Unbekannter. Als sein Buch Vorsaison erschien, erzählten mir Studentinnen von ihm, lachend, begeistert, dieser Erstling hatte eine gewisse Sprengkraft und schien fast so etwas wie ein Szenebuch zu sein. Als Bellinzona, Nacht herauskam, hingen blaue Plakate an den Litfassäulen, und die Badische Zeitung schrieb: „Präzise und packend erzählt, Ahnungen und Andeutungen mehr vertrauend als dem Ein-Mal-Eins der Fakten!“ Und als Gülich sein drittes Buch vorlegte, Bagatellen, Kurzprosa, manchmal nur drei, manchmal dreißig Zeilen lang, pointiert gesehene Wirklichkeitsausschnitte, konnte man noch einmal eine neue und sehr genaue Art der Spracharbeit beobachten. Martin Gülich hat bisher drei Bücher vorgelegt, die jeweils eine eigene Grundform haben und zugleich seine Handschrift tragen. Er erhält den Thaddäus-Troll-Preis für sein zweites Buch Bellinzona, Nacht, und ich bitte diejenigen, die das Buch gut kennen, um Nachsicht, wenn ich näher auf den Inhalt eingehe. Ich möchte nachweisen, daß es sich hier um ein raffiniertes Kunststück handelt.

Ein schöner Titel. Zum Südwort ‚Bellinzona‘ paßt die wohlige, blaue ‚Nacht‘. Die Klangverbindung stimmt, das Wort umreißt zugleich Ort und Zeit des Geschehens. Dies Geschehen ist nicht gerade wohlig, es konterkariert den Wohlklang des Titels. Ist das Buch ein Krimi? Am Anfang haben wir vielleicht eine Leiche, zumindest einen schweren Unfall. Und was folgt, ist der Versuch, Stück um Stück die Ursache zu finden, den Grund. Die Geschichte hat etwas von Tatort, auch etwas von der Normalwelt des Kriminalromans mit seiner Alltagsödnis. Die wenigen Sekunden vor dem schicksalhaften Aufprall werden immer wieder umkreist, aber es gibt keine dingfest zu machende Ursache. Der Grund der Begebenheit ist bodenlos.

Ein erster Abschnitt erzählt, was geschieht, wenn man ein Kaninchen erschießt. Die Überschrift dieses Kurzprologs lautet Peng.

Ein zweiter, überschrieben Bellinzona, berichtet von jenem Unfall am Ende des Gotthard-Tunnels – das Licht der südlichen Landschaft, am Tunnelausgang, hat den Fahrer vielleicht schon geblendet? Er, der mutmaßlich Schuldige, heißt Dreibaum. Dreibaum wird schroff, fast brutal verhört, nur er kommt als Verursacher in Frage, so scheint es – und er weiß nichts Erklärendes zu sagen. Seine Frau, Erika, liegt mit einem Gehirntrauma auf der Intensivstation, vielleicht im Koma. – An dieser Stelle verbindet sich, wie wir das von manchen Autoren des 20. Jahrhunderts, von Graham Green, von Dürrenmatt kennen, der Kriminalfall mit einem heiklen, schwierigen Thema: dem subtilen Rätsel der Fremdheit, Untreue und Schuld, Blindheit, der zerstörenden Wirkung eines einzigen Wortes, das mißverstanden wurde.

Dem brutalen Verhör in Bellinzona, das den Fahrer Dreibaum belasten will, folgt – aus seiner Perspektive – eine Rückblende. Die gemeinsame Hochzeitsreise mit Erika vor elf Jahren, überschrieben Honeymoon.

Sie sagte:

„Was wäre schlimmer für dich, wenn ich zuerst sterbe oder du?“

Sie ließ den Kopf zur Seite fallen und schaute ihn an.

Ihre Hand griff nach seinem Arm und klammerte sich um sein Handgelenk.

„Hör endlich auf damit. Ich mag nicht mehr weiterspielen.“

„Aber das ist kein Spiel. Das ist eine wichtige Frage. Vielleicht ist es die wichtigste Frage überhaupt.“

„Aber ich will nicht. Es macht keinen Sinn, über den Tod zu reden, wenn man frisch verheiratet ist.“

Sie lockerte ihren Griff und begann seinen Arm zu streicheln. […]

„Also gut. Mir wäre es lieber, wenn ich zuerst sterbe.“

„So selbstlos?“

„Gar nicht selbstlos. Ich könnte nur nicht ertragen, dich sterben zu sehen, das ist alles.“

Sie lachte.

„Na da sind wir uns ja ausnahmsweise mal einig. Mir wäre es so herum auch lieber.“

„Du zuerst?“

„Nein, du, du zuerst. Ich will nämlich uralt werden. Mindestens hundert. Wenn du mitmachen willst, bist du natürlich herzlich eingeladen.“

Er spürte, wie sich ihre Worte wie Stacheln in seine Haut einbohrten. Es stimmte: Er wollte sie nicht sterben sehen. Wenn sie länger leben wollte als er, einverstanden. Trotzdem kamen ihm ihre Worte herzlos vor. Er versuchte, sich in seinen sterbenden Körper hineinzudenken, aber in den Bildern, die in ihm aufstiegen, starb nicht er, sondern sie. Unter der Zudecke ihres Krankenbettes krabbelte bereits Ungeziefer aus ihrem faulenden Bauch. Beißender Geruch breitete sich im Zimmer aus. Die Kurven aus den angeschlossenen Monitoren wurden minütlich flacher. Trotz ihrer Schmerzen lächelte sie ihn an.

„Bist du jetzt beleidigt?“

Ihre Hand griff nach seiner Wange und drehte seinen Kopf mit sanftem Druck zur Seite. Sie schaute ihn an. Er sah das Weiß ihrer Augen und das ihrer Zähne. Sie lächelte wirklich. Alles war im Wandel, natürlich. Aber irgendwo war auch der Kern, das Wesentliche, das Unveränderbare. Er schüttelte den Kopf. Dann richtete er den Oberkörper auf und zog ihre Decke nach unten. Mit drei gezielten Verbeugungen küßte er die Sterne des Orion.

Ich habe diesen rätselhaften Dialog mit Bewunderung gelesen. Zu seiner Kunst gehört, daß die Spannung zwischen den Personen sich den Gegenständen im Raum mitteilt, sich geradezu in die Gegenstandswelt fortsetzt und ihr anhaftet. Zwei Szenen, das Hochzeitsbett im Honeymoon und das fantasierte Krankenbett in Bellinzona, sind verschränkt, und das unterschwellige Thema stellt sich heraus: „Aber die Frau!“, ruft der bucklige Apotheker Alfonso Gieshübler in Fontanes Roman Effi Briest aus, „aber die Frau!“ Der Verlag hat eine schattenhafte dunkelblaue weibliche Person, in die das Sternbild des Orions eingetragen ist, auf den Umschlag gesetzt: Selten trifft ein Umschlag so genau das Thema.

Erika kommt in dem Buch direkt nur an einer Stelle, mit einem Augenaufschlag und einem allerdings entwaffnenden Satz zu Wort. Der Erleber ist Dreibaum, eine hypochondrische Natur und hochdramatische Begabung. Die Erzählung ist aus seiner Perspektive gestaltet: zugleich ist sie allerdings dreistämmig, dreibäumig. Drei Erzählstücke sind ineinander geschoben, in denen zuerst Dreibaum und die Frau das Thema sind.

Im Mittelteil, dem Hauptstück, kommt ein Junge hinzu, der noch ein Kind ist. Er ist nicht das Kind des Paars. Dieser Hauptteil heißt Cat. In ihm wechseln Abschnitte, in denen Dreibaum das Krankenhaus aufsucht, die an Schnüren hängende Frau sieht, mit einem Freund zu telephonieren versucht, durch Bellinzona irrt, verzweifelnd in seiner Erinnerung gräbt, seiner Eifersucht nachhängt auf einen gewissen Haiko, Fluchtabsichten und Selbstmordfantasien heraufruft – diese Partien wechseln mit solchen, in denen jener Junge eine Katze pflegt und die zerrissene Ehe seiner Eltern beobachtet.

Dieser Junge ist eine Wucht. Ein lebendiges Kind. Wie Martin Gülich diesen kleinen Mann schildert, seine Geschichte mit dem Kätzchen, das er – um die Mutter vor dem Vater zu schützen – versehentlich vergiftet, wie er sein Geld in seinen Plastiktresor wirft, Autoquartett spielt, unter Telegraphendrähten zuhört, seine Eltern wahrnimmt, das Stöhnen aus dem Schlafzimmer, den Geruch der kranken Mama, das ist konkret, unsentimental, gekonnt.

Die Aufklärung des Kriminalfalls geht in diesem Hauptstück an den Jungen über. Er ist der Kommissar, der beobachtet und sich das Verhältnis der Eltern zurechtlegt. Dabei verwendet Gülich den Kunstgriff, daß er den jungen Detektiv lauter falsche Schlüsse ziehen läßt, die, wie der erwachsene Leser lächelnd bemerkt, alle einen wahren Kern haben. Er ahnt das Richtige.

Er beobachtet die Auflösung und Zerstörung einer Ehe – der Vater hat die Mama in der Tat gequält und krank gemacht. Der Gedanke liegt nahe, daß dieser Junge die Kindheitserfahrung Dreibaums mit seinen Eltern wiedergibt, daß also Dreibaums Kindheitsfantasien hier erinnert werden. Wir werden auf diese Spur geführt, doch Gülich lehnt es ab, uns auf eine eindeutige Schiene zu setzen. Das Erleben des Jungen ist eine Szenenfolge, in der sich das Rätsel der Erzählung verdichtet, spiegelt und ahnungsweise verdeutlicht. Die Verzweiflung des Jungen beim Tod der Katze hat direkte Parallelen in der panischen Reaktion Dreibaums beim Unfall wie auch in einer Szene, die das Rätsel des Buches zu lösen scheint.

Der Autor verwendet in Bellinzona, Nacht die Technik der Szenenreihung und der Szenenverschränkung, um eine Urszene zu finden. Er verwendet also das Verfahren der Psychoanalyse, aber, wie man sagen kann, auf eine ganz und gar literarische Weise, die auch ganz unabhängig von Freud zustandegekommen sein kann. Nicht nur Motive, auch Szenen wiederholen sich ähnlich, beleuchten den Kernmoment, an Knotenpunkten verschränken sich auseinanderliegende Geschehnisse und Erfahrungen. Dem dreistufigen Anfang antwortet nach dem Mittelteil ein dreistufiger Ausklang, die Abschnitte Nachtschatten, Dreisprung und Orion.

Der Abschnitt Nachtschatten ist es, der das Rätsel, das im parallelsymmetrischen Kapitel Honeymoon erkennbar wurde, in ein neues Licht taucht. Spät in der Nacht sucht Dreibaum eine Bar auf, im Gespräch mit der Animierdame auf dem Kanapee – eine heikle Szene vor dem Hintergrund des Hirntraumas von Erika – fällt ihm das Wort ein, das Erika unmittelbar vor dem Unfall gesprochen hat. Ausgerechnet die Verführerin, Ricky, sagt Erikas Satz:

Sie [Ricky] stand auf, tippte hell mit dem Fingernagel gegen den Rand ihres Cocktail-Glases, lächelte.

„Und warte auf mich. Ich muß dir noch was sagen.“

Dreibaum sah sie in einer Lichtsäule verschwinden. Die Bar rings um ihn herum geriet ins Schleudern. Ich muß dir noch was sagen. Genau das, genau das!

„Du, Bo, ich muß dir noch was sagen.“

Erikas Worte. Im Tunnel. Kurz vor der Ausfahrt. Ihr Blick, ihr Heiko-Blick! Die gleichen Worte, genau die gleichen Worte wie damals. Weich, sanft, schuldbewußt. Als wollte sie ihn schon mit den ersten Worten entwaffnen für das, was kam. Dieses ganze Gesülze, dieses ganze Herumeiern um das Wesentliche, das Entscheidende. Erikas Werben um Verständnis, um Einfühlung, um Wärme. Schließlich sogar ihr Wunsch, in den Arm genommen und fest, ganz, ganz fest gedrückt zu werden. Dreibaum sah diesen ganzen Film noch einmal vor sich. Er zitterte. Diese Angst, diese gottverdammte Angst. Du, Bo! Die gleichen Worte, die gleiche Stimme, das gleiche Gesicht. Nur mit Brille dieses Mal, ein einziges Detail ihrer Inszenierung, das sie verändert hatte. Und er? Ein zersplitternder Schlag mit der Ebenholzfigur auf die Platte des Eßtisches. Wie Holz auf Holz. Der Blick zur Seite, der Blick nach vorne, die hundert Lichter des Gegenverkehrs. Ein Mercedes, ein Fiat, ein VW. Ein einziger kurzer Schlenker mit dem Lenkrad, und die Welt stand still. Peng! Ein einziger Knall, und dann die alles in sich aufnehmende Stille. Er und sie, Hand in Hand; keine Worte, keine Heikos, keine Angst. Dreibaum lächelte. War das die Ewigkeit? Er und sie, lustwandelnd auf den blühenden Wiesen des Paradieses. Zu zweit im Gras, die Augen geschlossen, die wärmende Sonne auf der nackten Haut. Dreibaum nickte. War es nicht das, was er letztlich suchte? Das vollkommene, das endgültige Eintauchen in eine Welt aus Kitsch. Eine Welt, die gleichsam schmerzlos wie unzerstörbar war. Das wollte Erika im Grunde doch auch. Sie hing an ihm, das hatte sie doch gesagt. Sie war doch seine Frau.

„So, weiter geht’s. Was ich dir sagen wollte…“

Dreibaum schrak auf. Ricky beugte sich, ihr Cocktail-Glas in der Hand, über ihn. Sie lächelte, grinste.

Der Hochspannung des Erlebers und Erinnerers folgt in der nächsten Szene, am Morgen in der Intensivstation, ein erstes kurzes Wiedersehen des Paars. Sie wacht für einen Augenblick auf, sieht ihn am Fußende des Bettes stehen, sein übernächtigtes Gesicht mit der geschienten Nase, die zerrissene Hose, lächelt und holt ihn herunter von seinem Hochseil durch den natürlichsten Satz von der Welt: „Bo, wie siehst du denn aus?“, schließt die Augen und träumt weiter.

Letzte Szene: Er steht am Fenster und wartet.

Es kommt immer wieder vor, daß jemand, der sich auf das Schreiben einläßt, wenn dies eine spezifische Intensität erreicht hat, irgendwann das Gefühl hat, daß ein Finger auf ihn deutet und – wie es in Hamsuns Hunger so unvergeßlich heißt – ein Loch in seinem Nervengewebe hinterläßt. Ein Loch, mit dessen Gefädel er es nun vielleicht sein Leben lang zu tun haben wird. Und er weiß nicht, wessen Finger das war, der auf ihn deutete, und er fragt sich: Bin ich’s? Thomas Mann scheint sich dessen erst mit siebzig Jahren sicher gewesen zu sein.

Bellinzona, Nacht ist übrigens kein Roman, wie der Verlag ankündigt, sondern eine Novelle. Alles deutet auf eine geradezu musterhafte Novelle. Da gibt es die unerhörte Begebenheit – den unerklärlichen Unfall. Es gibt das symbolische Leitmotiv, den sogenannten Falken, bei Gülich ist es das tote Karnickel und das tote Kätzchen, der Falke ist immer ein wenig in Gefahr, allzu bedeutsam zu werden.

Es gibt die dramatische Anlage und die dramaturgische Geschlossenheit des Ganzen. Die Bemerkung eines Kritikers, Gülich habe für 125 Seiten ein zu großes Thema angeschlagen, trifft nicht zu, die Novelle soll nicht ausbreiten, darf fragmentarisch sein.

Martin Gülich verhält sich von A bis Z bewußt bei der Komposition. Ein dreistufiger Anfang, der Knoten, das entfaltende Mittelstück, ein dreistufiger Ausklang mit der angedeuteten Auflösung.

Er versteht sich auf Rätseldialoge, deren Spannung sich in der Umgebung einnistet.

Er versteht ein Kind zu zeichnen.

Er schafft überhaupt Figuren, mit denen sich der Leser identifiziert, baut Spannung auf und entspannt durch Humor und durch Ernüchterung.

Eine konkrete, sinnliche, und, wenn es das gibt, szenische Sprache.

Er verflicht in Bellinzona, Nacht drei Stränge. Er komponiert eine Szenenfolge, die, durch Entsprechung, Ähnlichkeiten, Erinnerungsmomente, einer Urszene näher kommt und das Rätsel eines äußerst gefährdeten menschlichen Falls offenlegt und offenläßt. Ich beglückwünsche die Jury zu ihrer Entscheidung und wünsche Martin Gülich weiterhin eine glückliche Hand.

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Der Förderkreis dankt dem Laudator für die Erlaubnis, den Text zu veröffentlichen.