Thaddäus-Troll-Preis 2003: Dankesrede von Martin Gülich

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Freunde,
liebe Familie,

wenn man einen Preis verliehen bekommt, hält man eine Dankesrede. Das möchte auch ich tun. Aber wie, so habe ich mich im Vorfeld dieser Preisverleihung gefragt, beginnt man eine solche Rede?

Am besten, dachte ich mir nach längerem Überlegen, ich fange mit einem Zitat an. Am besten mit einem klugen. Mit etwas Klugem anzufangen, ist nie verkehrt. Also habe ich diverse Zitatenschätze gewälzt und bin dabei schließlich auf folgenden Satz von Johannes R. Becher gestoßen: „Nichts Gefährlicheres für einen jungen Dichter als in seiner Jugend hoch gelobt zu werden und erfolgreich zu sein.“

Klug oder nicht, dachte ich mir, auf alle Fälle ein Zitat. Noch dazu eines, das zum Anlaß paßt. Zu passen scheint.

Nun bin ich in der letzten halben Stunde ja in der Tat mit einigem Lob bedacht worden. Freilich weiß ich nicht, ob man mich einen erfolgreichen Autor nennen kann. Ich selbst würde das sehr in Frage stellen, weiß aber auch, daß Erfolg eine Kategorie ist, die sich nicht immer leicht greifen läßt. Aber keinesfalls kann man mich bei Licht besehen einen jungen Autor nennen. Insofern bewege ich mich unzweifelhaft nicht in den Regionen, in denen es nach Becher’schen Maßstäben für einen Autor gefährlich zu werden droht.

So befreit von jeder Gefahr darf ich mich also uneingeschränkt freuen. Und das tue ich. Ich freue mich sehr über diesen Preis und über all das, was hier um mich herum geschieht. Ich danke sehr herzlich Frau Oberbürgermeisterin Büssemaker, Frau Dr. Bernhard und Herrn Zimmermann für ihre freundlichen Worte, dem Akkordeonensemble Bruchhausen für die musikalische Umrahmung des Abends und ganz besonders Ihnen – Herr Professor Pörksen – für Ihre Laudatio. Und natürlich gilt mein großer Dank dem Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg, der mein Buch „Bellinzona, Nacht“ mit diesem Preis ausgezeichnet hat.

Nun ist diese Auszeichnung ja mit einem nicht gerade kleinen Preisgeld verbunden. Das ist für einen Schriftsteller nicht ganz unbedeutend. Ich verate ja kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage, daß mit dem Schreiben für gewöhnlich nicht allzuviel zu verdienen ist. Somit ist das Geld, daß mit dieser Auszeichnung verbunden ist, natürlich eine große Hilfe.

Aber dieser Preis bedeutet weit mehr für mich. Er ist Anerkennung meiner Arbeit der letzten Jahre, Anerkennung für Geschriebenes, aber auch Aufmunterung und Ansporn für noch zu Schreibendes. Unter den Thaddäus-Troll-Preisträgern der letzten Jahre finden sich – um stellvertretend nur ein paar zu nennen – so hochgeschätzte Kollegen wie Arnold Stadler, Walle Sayer und Joachim Zelter. Dank an all die, die meine Arbeit für Wert befunden haben, sie dort einzureihen.

Aber Dank noch vielen anderen. All jenen nämlich, die mein Schreiben über die Jahre mit ihrer Wärme begleitet haben, auch und gerade in den Momenten, in denen nichts gelingen wollte, in denen das Papier – respektive der Bildschirm – leer blieb. All diesen Menschen gilt mein besonderer Dank, weil ohne ihre Ermunterung und Unterstützung mein Schreiben vermutlich irgendwann einmal auf dem Weg versandet wäre. Versandet deshalb, weil beim Schreiben den seltenen Momenten des Gelingens so viele des Mißlingens, des Scheiterns gegenüberstehen. Das ist nicht immer leicht auszuhalten und nährt den Zweifel – der ja latent ohnehin immer vorhanden ist – ob man das, was man sich da vorgenommen hat, überhaupt ausfüllen kann.

Aber derselbe Zweifel ist es auf der anderen Seite auch, der das Schreiben immer wieder vorantreibt. Ohne den Moment des Zweifels kann meines Erachtens nach überhaupt keine Literatur, keine Kunst entstehen. Gäbe es diesen Zweifel am eigenen Tun nicht, wäre vermeintlich alles erreicht, wäre keine Entwicklung mehr möglich, das Neue nur mehr Wiederholung des Alten.

Vor vielen Jahren einmal habe ich einen Satz von Pablo Picasso gelesen, der mir – ganz ohne Zitatenschatz – nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist. Der Satz lautet: „Andere zu kopieren ist unvermeidlich, sich selbst zu kopieren ist unverzeihlich.“ Interessant scheint mir an diesem Satz besonders der zweite Teil zu sein. Was Picasso offenkundig damit meint, ist, sich niemals auf dem einmal Erreichten auszuruhen, sondern immer nach neuen Wegen, nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen. Oder anders gesagt, immer den Zweifel der Gewißheit vorzuziehen.

Und gerade weil der Schriftsteller zweifelt, und dieser Zweifel mitunter nur schwer auszuhalten ist, ist es so wichtig, daß er bisweilen eine Bestätigung für das bekommt, was er da im stillen Kämmerlein übers Jahr so tut. Das kann die Veröffentlichung eines Buches sein, das Lob eines Kollegen, eine gelungene Lesung oder – und das ist natürlich eine der schönsten Bestätigungen – ein Preis wie dieser. Dafür, daß dieser mir hier und heute verliehene Preis für eine Strecke des Wegs den Zweifel ein wenig milder macht, dafür gilt dem Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg mein besonderer Dank.

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Der Förderkreis dankt Martin Gülich, dass er seine Rede für diese Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.