Thaddäus-Troll-Preis 2001:Laudatio

Ach wäre „Der Himmel über mir, blau“

Dr. Hermann Kinders Laudatio zur Verleihung des Thaddäus-Troll-Preises 2001 an Anna Breitenbach

10. November 2001, Literaturhaus Stuttgart

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Ulrich Zimmermann, der Vorsitzende des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg, führte in die Veranstaltung ein und begründete in kurzen Worten die Entscheidung von Jury und Vorstand des Vereins, den Preis an Anna Breitenbach zu vergeben. Fotos: Maja Langsdorff

Meine Damen und Herren,
zu ehrende Preisträgerin,
mit zu ehrender Preis-Stifter Förderkreis,
mit zu ehrende Jury,
mit zu ehrender Verleger,

das Nötige vorweg:

„Ich ist ein anderer“ – Anna Breitenbach ist auch Hilga Wesle. Hilga Wesle ist studierte Literatur- und Politikwissenschaftlerin, ist ausgebildete Jounalistin, ist Lyrikerin, ist Prosaistin, ist Kabarettschreiberin, ist Esslingerin und Italienerin. Und ist ein Jahr vor dem deutsch-deutschen 17. Juni, der uns einmal einen Feiertag bescherte, geboren, also – Hätten Sies noch gewußt? – 1952.

Und nun zurück zu Anna Breitenbach und ihrem zu recht preisgekrönten Roman „Fremde Leute“ – kurz nur. Sich mit einem Roman zu beschäftigen, solle, so Uwe Johnson, so viel Zeit brauchen, wie es gebraucht habe, ihn zu schreiben. Pardon, Anna Breitenbach, in zwölf Minuten haben Sie ihn gewiß nicht geschrieben.

Das Erzählen aus der Kinderperspektive nennt die Literaturwissenschaft „inszenierte Naivität“. Ein erzählerischer Kunstgriff, mit dem Gewohntes fremd gemacht, das erwachsene Realitätsprinzip dem wilden Blick konfrontiert werden soll. Meister „inszenierter Naivität“ sind etwa Günter Grass, Walter Kempowski und Gisela Elsner. Groteskisierung, Komisierung der Erwachsenenwelt ist die Absicht.

Eine andere Meisterin ist Anna Breitenbach. Bei ihr wird die große Welt nicht aus der kindlichen Sicht nur zum Kuriosum. Auch, die familiären Rituale werden komisiert – aber das Kind ist nicht nur Opfer der Paranoia des Vaters und der Todtraurigkeit der Mutter und beider Einsamkeit. Das Kind ist auch Sympathisantin. Vieles ist komisch, vieles ist traurig, manches ist „wunderbar“ in dieser Triade von Mutter, Vater, Kind. Der kindliche Blick karikiert die Familie nicht, sondern macht sie komplex. Alle haben sehr gemischte Gefühle, sind melancholisch und möchten das Gegenteil sein. Erzähltechnisch inszeniert wird zwar eine Naivität, ein erinnerter Blick eines Mädchens, das zu Beginn des Romans unbestimmt alt ist, später Konfirmandin, zum Schluß studiert es. Erzählerisch inszeniert wird der Blick eines Kunstmädchens, das naiv ist in seiner Magie der Phantasie und zugleich alt, das verstört, befremdet auf die Eltern schauen kann, aber auch lieb und mitleidig. Die »inszenierte Naivität« ist bei Anna Breitenbach nicht entwicklungspsychologisch streng fixierte Untersicht, Gegenperspektive. Es wird vielmehr aus mehreren Blickwinkeln erzählt, die das Spektrum des Kind-Eltern-Verhältnisses bis zum Verlassen des Elternhauses umfassen. In die „inszenierte Naivität“ des Mädchens, der jungen Frau zugleich die Emotionen einflechten zu können, die sich in erwachsener Erinnerung einstellen, also nicht eine jugendliche und pubertäre Perspektive festzuschrauben, wird dem komplexen Erinnern gerecht und finde ich eine erzählerische und menschliche Leistung.

„Fremde Leute“ ist kein autobiographisch angelegter Roman, er ist schwer nachrechenbar. Und wenn doch, weil alle Literatur gewiß immer auch die AutorIn beschreibt, ihre Manier, die wirkliche und mögliche Welt zu gestalten, dann sage ich mit der Mutter: „Macht nichts, wenn ich nicht sage: Das geht einen nichts an!“ Damit variiere ich eine häufige Stilfigur der Erzählerin, die im Original zum Beispiel so lautet:

Das Kind und der Vater spielen Pingpong am Wohnzimmertisch – und:

Mein Vater holte den Ball aus den Blumen, von der Fensterbank. Ich holte den Ball unter dem Sofa raus. Mein Vater holte ihn hinter dem Fernseher raus. (…) Kinder, Kinder, sagte meine Mutter. Wenn sie nicht sagte: Ihr tötet mir noch den letzten Nerv. (S. 144)

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Dr. Hermann Kinder bei seiner Laudatio

Daran läßt sich die Formulierungskunst von Breitenbach beobachten, die geschult ist an den Verknappungs- und Komisierungsverfahren insbesondere der österreichischen Literatur, von der wir alle so viel gelernt haben: Mit Wiederholungen, Umschreibung von Wiederholungen, mit knappen Sätzen, mit komischen Aussparungen, mit impliziten An- und Vorausdeutungen, mit einer offenen Szenenreihung folgt die ritualisierte Sprache den Ritualisierungen des Lebens und seines Erlebens. Solche wiederholenden und variierenden Hauptsatzkombinationen legen das Gerippe des Verhaltens frei – ohne psychologisch weitschweifige Erklärungen.

Das ist abstrahierende Darstellung, nicht autobiographisches Nachschreiben. Das Kind hat keinen Namen, es ist „das Kind“, eine Nachzüglerin, die drei Geschwister tauchen zwar nicht unwichtig auf, bleiben aber undeutlich. Es geht um ein Modell, eine komponierte Summierung von Situationen dieser Triade Mutter, Vater, das Kind. Nur indirekt sind Lokalisierung und die zeitliche Situierung des Romans zu erschließen. Es scheint sich um eine oberhessische Kreisstadt an der Werra zu handeln. Details wie »Nimm 2« und die Fernsehsendungen lassen auf die Mitte der Sechziger Jahre schließen. Mehr autobiographische Genauigkeit will der Roman nicht. Der Familie wird ihr Geheimnis nicht entrissen. Aber eine ganz exakte Angabe gibt es doch: Am 21.9.1939 beobachtet der Vater in Schlesien den Einmarsch nach Polen, den Beginn des Zweiten Weltkrieges. Das bestärkt die Vermutung, daß es „Fremde Leute“ nicht um eine Autobiographie zu tun ist, sondern um ein Muster der (klein-)bürgerlichen Familie, einer sehr deutschen, einer Flüchtlings- und dann westdeutschen Nachkriegsfamilie.

Ein Modell erzählen, heißt, daß da jemand bewußt komponiert, Typisches in summarisch titulierten Kurzkapiteln arrangiert. Durch das inszenierte naive Kind greift eine Erzählerin auf den Stoff, das mag Anna Breitenbach sein, das mag das erwachsen gewordene, der Familie in ihre Ruhe entkommene Kind sein, das statt zu studieren sich in der narzißtische Schreibglocke verhaust. „Fremde Leute“ ist kein nacherlebbarer Illusions-Roman über die Sechziger Jahre, so amüsant und betreten wiedererkennbar viele seiner Szenen sind. Er ist ein bewußt gemachtes Kaleidoskop von Fragmenten erinnerter Vergangenheit, in das mit kurzen Zwischenabschnitten die Vorgeschichten der Großeltern und Eltern geschnitten sind. Nicht nur das kindliche, pubertäre Erleben der Sechziger wird erzählt, sondern auch die Verheerungen, die sich fortsetzenden Familiendramen, die Krieg, Flucht, Kriegsfolgen in die Familie, die unter den Normen der alten Bürgerlichkeit angetreten ist, geschlagen und die Eltern in ihrem Selbstverständnis und Zusammenleben vernichtet haben. So wirft das erzählerische Modellieren in »Fremde Leute« ein doppeltes Problem auf: Nämlich einmal das, inwieweit Generationen sich generell dadurch unterscheiden, daß die ältere nur auf abgeschlossene, nicht mehr revidierbare, sie einzwingende Geschichten zurücksieht, die jüngere hingegen sich offene, gestaltbare Geschichten, Lebenspläne entwirft; und zum andern das genuin deutsche Problem, daß nämlich die alle Biographien umwerfende Gewalt des Krieges, seiner Gründe, wie ein Schatten auf allen Planungen der Nachkriegs-Kinder liegt, die zum Hoffen auf eigene Lebensgestaltung das erfahrene Mißlingen hinzufügt. „Fremde Leute“ inszeniert nicht allein das kindliche Erleben einer Familie der Sechziger Jahre, einer kulturellen Umbruchzeit, sondern auch das Räsonnement über deutsche Schicksale und der Entrinnungsmöglichkeiten.

Einen Roman soll man lesen, sich von ihm gefangen nehmen lassen. Von einem Roman soll man nicht sagen, was eigentlich in ihm steht, sonst hätte er nicht geschrieben werden müssen. Will man trotzdem wissen, was in einem Roman eigentlich steht, muß man auf den Schluß achten. Da leuchtet am allerehesten das den Interpreten glücklich machende „fabula docet“ auf. Der Schluß von „Fremde Leute“ irritiert: Hat es eine Entwicklung, eine Emanzipation gegeben vom vorpubertären Mädchen zur Konfirmandin und dann zur flüchtigen Studentin? Ist das Kind entkommen, hat es die Vorgeschichten hinter sich gelassen? Der Roman beginnt mit der Furcht der Eltern vor fremden Leuten und endet mit der selben Angst des Kindes vor »Fremden Leuten«, die auch den Roman-Titel diktiert. Ist Erwachsenwerden Emanzipation von den familiären Prägungen oder deren Fortsetzung? Der zum Anfang zurückkehrende Schluß verschlingt die durch ihre abgeschlossenen und zukunftshoffenden Geschichten unterschiedenen Generationen wieder. Wieweit ist unser Leben gestaltbar oder unverfügbar ererbt? Das nun erwachsene Kind wiederholt das Verhalten der Eltern, will wie diese nichts als seine Ruhe:

Ich habe mein Zimmer. Und meine Ruhe. Ich habe nicht gern fremde Leute im Haus (S. 175)

So schon die Mutter, die im grandiosen Roman-Anfang sich totstellen will gegen das Klingeln der reichen Klassenkameradin des Kindes, denn „Fremde Leute“ ist auch ein sozialer Roman: „Meine Mutter hatte nicht gern fremde Leute im Haus.“ (S. 8)

Aber danach kommt der letzte Satz des Romans, als das Kind endlich sein eigenes Zimmer hat:

Und wenn ich mich in das Fenster stelle, habe ich den Himmel über mir, blau: (S. 175)

Ist also das eigene Leben doch gestaltbar gegen die Schatten familiärer Prägung und deutscher Biographie-Vernichtungen? Sind wir doch Souveräne unseres Lebens bei aller groß- und kleinhistorischer Determinierung?

Warum gibt es immer wieder Wellen von literarischen Kindheits-Aufarbeitungen? Sie kommen besonders zur Zäsurzeiten: 1968, 1978, 1989, zur „Generation Golf“ 2000. Wo sozialer, kultureller Wandel empfunden wird, setzt offenbar die Notwendigkeit ein, sich des eigenen Herkommens zu erinnern, sich der Generationsidentität zu vergewissern. Dies mit zwei Tendenzen: Einmal, um die junge Generation gegenüber den älteren zu profilieren; zum andern, um den jüngeren Generationen das Eigene der älteren entgegenzuhalten. Literarische Erinnerungen als Teil von Generationskonkurrenzen. Daß sich mit Anna Breitenbach, Ulla Hahn, Peter Roos und anderen die Nachkriegsgeneration im Roman jetzt verstärkt zu Wort meldet, mag daran liegen, daß sie daran erinnern möchte, daß die Deutschen der Berliner Republik, Ost wie West, ihre eigenen, gemeinsamen wie jeweils unterschiedlich verwickelten Vorgeschichten haben, die eine Kriegs- und Faschismusgeschichte ist. Sie erinnern sich und mit sich daran, daß im Euro-Land deutsche Biographien und Mentalitäten ihre immer noch ganz besonderen Konditionen haben – beziehungsweise, daß diese nicht – um den Preis des Mißverstehens der deutschen und dann deutsch-deutschen Sonderlichkeiten – so einfach vergessen werden sollten.

Anna Breitenbach hat viel Zeittypisches, Soziales, Geschlechtsspezifisches auf einen literarischen Nenner gebracht, was mir älterem Nachkriegskind einen Wiedererkennungsrausch gab. Aber auch einen Erkennungsrausch, der mit Geschichte weniger zu tun hat. So erzählt sie im Kapitel »Meine Stimme« von der fürchterlich Atemnot beim Vorlesen:

Ich war ganz allein. Und es gab keine Rettung. Alle hörten zu. Ich konnte nicht weg. Und ich konnte nicht sagen: Ich kann nicht mehr. Ich mußte weitermachen mit der Stimme, die nicht mehr konnte. Und das Herz auch nicht.

Oh, wie kenne ich das! Wir sind uns zwar »Fremde Leute«. Daß aber nicht nur, dazu kann eine Literatur wie die von Anna Breitenbach verhelfen.

Ich gratuliere Anna Breitenbach!


© Copyright Dr. Hermann Kinder
Alle Rechte an diesem Text liegen bei Dr. Hermann Kinder.
Der Förderkreis bedankt sich für die Erlaubnis, die Laudatio hier zu veröffentlichen.