Thaddäus-Troll-Preis 2016 Laudatio Peter Blickle

Peter Blickle                                                                                                                             blickle@wmich.edu

Thaddäus-Troll-Preis Laudatio, Stadtbibliothek Stuttgart, 14. Dezember 2016

Glasplattenspiele und Slut Shaming: Felicitas Andresens Sex mit Hermann Hesse

Eines steht fest, meine Damen und Herren: Felicitas Andresen hat Mut. Sie spielt mit Namen, mit Vorstellungen, mit Begriffen, die manchen von uns heilig sind – oder wenigstens fast heilig. Da ist zunächst der Begriff „Sex“, hinter dem sich so viel verbirgt: Bilder der Pornographie, aber auch außerhalb der pornographischen Bereiche gilt: „Sex sells“, Sex verkauft. Ersetzen wir aber den Begriff „Sex“ durch weniger überwältigende Worte, erkennen wir Sehnsuchtswelten. „Nähe“, „Zärtlichkeit“, „Vertrauen“, „Leidenschaft“, „Vereinigung“, „Treue“, „Liebe“, „Geborgenheit“. Wenn wir diese Sehnsuchtswelten noch einmal erweitern, dann finden wir da „Kinder“, „Familie“, „Zuhause“, „Heim“ und „für immer“. Sex, das Zusammenkommen von zwei Körpern und zwei Wesen, steht, so erweitert, im Zentrum von vielem, was uns in unseren post-religiösen, westlichen Vorstellungen des beginnenden 21. Jahrhunderts heilig geworden ist. Körperliche Vereinigungen sind zu einem zentralen Ausgangspunkt von dem geworden, was wir als Glück anstreben.

Dass Sex ein unzuverlässiger Führer durchs Leben ist, ahnen viele von uns früher und später. Da sind wir dann in den Hermann-Hesse-Zeiten unseres Lebens.[1] Hermann Hesse ist für viele der Schriftsteller für die Übergänge in die und aus der Welt der Sexualität. Er wird gelesen, wenn es uns um Werte jenseits von Sex geht. Teenager in ihrer meist uneingestandenen Angst vor der Sexualität erkennen das ebenso wie jene, die im Rentenalter sind. Volker Michels schreibt darüber:

Es ist schon ein merkwürdiges Phänomen: So lange wir noch jung und voller Ideale sind, lesen wir diesen Dichter [Hesse], während viele nichts mehr mit ihm anfangen können, sobald sie berufstätig werden, sobald gewissenhaftes Verhalten zu einem Karrierekiller werden kann –, um dann aber merkwürdigerweise wieder als Pensionäre, sobald sie ihre Wettbewerbsmimikry hinter sich haben, erneut zu Autoren wie Hesse und den guten Vorsätzen ihrer Jugend zurückzufinden.[2]

Felicitas Andresens Titel Sex mit Hermann Hesse spielt also gleich mit zwei heiligen Feuern. Da ist das heilige Feuer von Sex in unserer zeitgenössischen Gesellschaft; und da ist das heilige, jenseits von Sex brennende Feuer von Hermann Hesse. Wie schafft sie es, diese zwei Feuer in ihrem Roman zusammenzubringen?

Zunächst tut sie es, indem sie spielerisch und verspielt mit dem Heiligen umgeht. Sie spielt mit Hermann Hesse – mit seinem Namen, mit seinen Werken, mit seinen Ausstellungstücken im Hermann-Hesse-Museum in Gaienhofen, wo die Ich-Erzählerin als „Aufsichtsbeauftragte“ arbeitet. Und sie spielt mit dem Leben ihrer Ich-Erzählerin, die – ein Spiel im Spiel – Felicitas – Göttin des Glücks – heißt. Sie spielt mit dem Erzählton, in dem wir einmal Jean Paul – das Schulmeisterlein Maria Wutz oder den Siebenkäs – anklingen hören, dann hören wir Hesse, selbstverständlich immer wieder Hesse, den Kurgast–Ton vor allem. Dann spielt sie postmodern avantgardistisch mit Genres. Revolutionär nutzt sie aus einer weiblichen Erzählperspektive heraus das Genre des Schelmenromans. Da ist die typische subalterne Perspektive. Da ist die typische, entlarvende Unterüberunterlegenheit. Da ist der respektlose Ton. Dieses Genre ist bisher mehr noch als fast alle anderen Romangenres von männlichen Erzähler- und Autorenfiguren besetzt. Das geht in der deutschen Tradition mit Till Eulenspiegel los, geht mit dem abenteuerlichen Simplicissimus weiter und kommt über den braven Soldaten Schwejk, ja er war zunächst in Tschechisch, kam aber sehr schnell ins Deutsche, und über Thomas Manns Felix Krull und Günter Grass´ blechtrommelnden Oskar Matzerath in unsere Gegenwart. Fast alles in diesem Genre ist von Männern aus männlicher Perspektive geschrieben.[3] Die Ich-Erzählerin Felicitas in Sex mit Hermann Hesse nimmt nun für sich einfach spielerisch in Anspruch, dass sie eine Picara sein darf – eine, die piekst, die stichelt und die unter die Haut geht mit ihrem Humor. Da gibt es nichts zu erklären. Da gibt es nichts zu verteidigen. Warum sollte eine Frau nicht auch einmal pieksen, sticheln und mit ihrem Humor unter die Haut gehen dürfen? Aber es gibt da immer noch Unterschiede: Wenn die Objekte wider diese Ich-Erzählerin sind, dann kämpft sie wie Don Quijote – aber nicht in weit offenen Landschaften gegen Windmühlen, sondern auf der Toilette des Hermann-Hesse-Museums gegen neu zu füllenden Seifenspender.

Felicitas Andresen hat ein sehr feines Gespür für Sprach-, Genre- und Tonnuancen. Sie spielt mit Worten, Konzepten, Symbolen und zeitgeschichtlichen Versatzstücken. Sie spielt mit Groß- und Kleinschreibung, mit Absatzenden und Zwischentiteln. Sie spielt mit der Sehnsucht nach Familie und Partnerschaft, mit Geschlechterrollen und mit Wertvorstellung innerhalb von Gruppen, insbesondere von Frauengruppen. Und ich bin sicher, meine Damen und Herren, Sie merken bereits, worauf ich hinauswill. Felicitas Andresen spielt auch mit Hermann Hesses Glasperlenspiel, diesem Alterswerk Hesses, in dem er das Spielen und das Lernen zu einer zentralen Fertigkeit des Menschen im Umgang mit Fragen der großen Weltgeschichte und des scheinbar kleinen Lebens des Einzelnen in der Welt macht.

Die Ich-Erzählerin Felicitas beugt sich schon auf der dritten Seite des Romans hinunter und legt den Kopf auf die Seite, um zu prüfen, „ob auf der glasplatte von seinem schreibtisch fingerabdrücke sind“.[4] Glasplatte. Glasperle. Felicitas und Hermann. Und von da an spielen Glasplatten, von denen Fingerabdrücke immer wieder sauberst weggeputzt werden müssen, eine zentrale Rolle.

Im lernenden Spielen kommen sich Felicitas und Hermann näher. Und mit ihnen zusammen bemerken auch wir, dass wir im Spielen ganz allgemein uns oft näher kommen, als wir das auf irgendeine andere Weise tun. Im Spielenlernen und Spielenkönnen liegt – bei Andresen und Hesse, und wir können ihnen nur Recht geben – ein erster hoffnungsvoller Ansatz zur Überwindung einer Welt, die Macht und Gewalt und Karriere als einzig bleibende Werte suggerieren will.

Dieses Spielenlernenwollen in Sex mit Hermann Hesse wird einem mit jedem Mal Lesen dieses Romans deutlicher. Beim ersten Lesen mag man, durch den Titel etwas voreingenommen, noch sehr aufs Sexuelle fixiert sein. Und es gibt im Roman tatsächlich immer wieder Momente, wo die Sexualität in ihrer ganzen Körperlichkeit aufleuchtet. Felicitas Andresen nimmt da, um eines ihrer Wortspiele, wo ihr das Pflanzenreich immer wieder auch symbolisierend zur Seite steht, aufzugreifen, kein Blatt vor den Mund. Erotische Elemente, die wir Menschen in einer Schwertlilie erfahren können, gehen direkt über in anthropomorphierte Beobachtungen zum Sex bei Bienen.

die junge, sechs bis zehn tage alte bienenkönigin paart sich mit mehreren drohnen! sie bewahrt deren spermien in ihrer samenblase bis ans ende ihres lebens auf und verwendet sie. die paarung findet in der luft, im flug statt. das ist bezaubernd. aber was die gesamtheit der bienen angeht, sehr exklusiv. im sinn von ausschließend. zwangssublimierung, könnte man sagen, wäre honig dann.[5]

Natürlich kann das nicht so stehen bleiben. Das wäre zu einfach für Felicitas Andresen. Gleich im nächsten Absatz gibt uns die Ich-Erzählerin dann auch noch ein längeres Zitat aus Hermann Hesses Narziss und Goldmund. Es geht da auch um Honig und Bienen und Sex. Aber das wird alles via Felicitas durch Hesse um die Dimension des Schaffens, des Erschaffens und der Schöpfung erweitert:

„… wie wenn eine biene … zu der blume fliegt …. einen tropfen saft mitnimmt … zu hause, die blume schnell vergessend, ihren honig macht … so trinkt (Goldmund) bei der frau … den tropfen erlebnis … lust und qual … aus dem er sein werk machen wird, seinen honig“[6]

So kommt es, wie oft in diesem Roman, zu einer tief empfunden Verbindung zwischen Felicitas und Hermann Hesse: „sein werk, sein honig, seine kunst! / wie nett, so eines sinns zu sein!“[7]

Aber wir sehen auch: Wer Sex mit Hermann Hesse hat, hat nicht viel Sex. Wer Sex mit Hermann Hesse hat, denkt aber viel nach über das Geheimnisvolle und das Magische, das wir in sexuellen Vereinigungen oft spielend erfahren können.

„Sein Werk, sein Honig, seine Kunst!“ Das ist für die Ich-Erzählerin Felicitas auch: Mein Werk, mein Honig, meine Kunst. Das Schaffen des Romans mit und durch Hermann Hesse wird, in spielerischen Brechungen, immer wieder auch selbst zum Thema des Romans. Da reagiert die Welt auf das noch unveröffentlichte Romanmanuskript. Da werden dann Worte noch einmal geändert. Und auch das wird Teil des Romans.

Warum wird so ein Wort geändert? Diese Frage bringt mich zur nächsten großen Qualität dieses Romans. Und ich persönlich kenne keinen anderen Roman, der diese große Qualität hat.

Eine Figur im Roman, die das Manuskript von Sex mit Hermann Hesse vor der Publikation gelesen hat, spricht danach nicht mehr mit der Ich-Erzählerin. Eine andere Figur sagt, dass so etwas, was da geschrieben wurde, „gar nicht gehe“.[8] So lässt sich die Ich-Erzählerin umstimmen. Sie ändert das Wort: „pätzen“ in „erzählen“. Aber das geschieht in einer Weise, die uns die gesellschaftlichen Werte, die zu diesem Verurteilen des Wortes geführt haben, vor Augen führt. Es sind dieselben gesellschaftlichen Werte, die die Ich-Erzählerin, weil sie in ihren Sauberkeitswerten nicht mit den anderen Angestellten – es sind übrigens alles Frauen, die im Hermann-Hesse-Museum in Gaienhofen arbeiten – mithalten kann. Sie ist die „Schlampe“ in den Augen der anderen Frauen, und auch in ihren eigenen Augen sieht sie sich so: als „Schlampe“.[9] Sie ist die „hinterhältige, tückische Felicitas, die ihre freunde verrät“.[10] Man sagt von einer Respektsperson einfach nicht, dass sie „pätzt“. Und eine Frau hat einfach zu verstehen, was es heißt, die Dinge sauber zu halten.

So zeigt uns Sex mit Hermann Hesse spielerisch immer wieder, was wir eigentlich schon immer wussten, was wir aber nie so deutlich vor uns sahen: dass und wie Frauengruppen untereinander sich nicht immer loyal unterstützen, sondern sich, sobald ein von mehreren Verehrter oder Begehrter gegenwärtig ist – meist nur als Vorstellung gegenwärtig ist –, im gegenseitigen Wettbewerb oftmals gegenseitig kleiner machen. Da wird jemand als „Schlampe“, als hinterhältig oder tückisch oder verräterisch bezeichnet – und aus der Gruppe ausgeschlossen.

Erst in den letzten Jahren ist in U.S.-amerikanischen, feministischen Kreisen die Dynamik eines solchen Ausschließens und Ächtens samt ihrer zerstörerischen Macht auf sowohl die Betroffene als auch auf die Gruppe zu einem wichtigen Thema geworden. „Slut shaming“ heißt der Begriff, der dafür benutzt wird. „Schlampenbeschimpfung“ oder „Schlampenächtung“ oder „Schlampenbeschämung“ könnte man es auf Deutsch nennen, denn es liegen in diesem Wort „shaming“ auch Begriffe wie „Schande“ und „Scham“. „Schämst du dich eigentlich nicht?“ „Schämt sie sich denn überhaupt nicht?“ Man will im „slut shaming“ die „Schlampe“ dazu bringen, dass sie sich schämt, weil das, was sie tut, eine Schande ist. Und wenn sie sich nicht schämt, dann schließt die Gruppe diese „Schlampe“, dieses „unverschämte Ding“, aus.

Das Ausschließen einer „Schlampe“ aus einer Gruppe ist in deutschen Kontexten oft leider besonders effektiv, weil wir im Deutschen, ohne dass wir uns dessen immer ganz bewusst sind, historische Lasten mit uns herumtragen. Hier gibt es eine enge Verbindung zwischen Ethik, Sauberkeit, Reinheit und den Innenräumen, seien sie häuslicher oder intimer Art. Die U.S.-amerikanische Historikerin und Gender-Forscherin Nancy Reagin hat das in ihrem Buch Sweeping the German Nation – Sauberkehren der deutschen Nation – im Detail herausgearbeitet.[11] Sie zeigt, wie in Deutschland die Vorstellung, dass die deutsche Hausfrau sauber ist und saubere Werte verinnerlicht, zwischen 1870 und 1945 immer universellere Verbreitung fand. Und wir kennen sie alle, diese Sauberkeit, die eng mit einer internalisierten Ethik verknüpft ist. Ein von Unkraut überwucherter Garten bedeutet, dass die Besitzerin eine verkommene Person ist. Auf einen Mann strahlt diese Verbindung zwischen Sauberkeit und Moral übrigens selten zurück. Es ist die Frau, die sich schämen muss, wenn sie befleckte Kleidung trägt oder wenn ihr Geschirr beim Kaffeetrinken nicht sauber oder wenn die Stube nicht abgestaubt ist oder wenn die Fenster an Weihnachten nicht geputzt sind. Dass in der Zeit zwischen 1870 und 1945 im häuslichen und im intimen Bereich eine Frau, wenn sie gut sein wollte, immer alles sauber halten musste, wissen wir alle zu einem bestimmten Grad. Doch die Instrumente, mit denen sich dieser Sauberkeitsbegriff und diese Sauberkeitsmoral verbreiteten, sind uns selten ganz bewusst. Dabei müssten wir eigentlich nur daran denken, wie leicht es während des Nationalsozialismus war, in vielen politischen, ethischen und intimen Bereichen Grenzen zu ziehen, indem man das Wort „Drecks-“ vor jene Nationalitäts- oder ethnische oder berufliche Gruppen setzte, die man ausschließen wollte. Denken Sie einmal kurz nach, wie dieses „Drecks-“ fürs Ausschließen von Anderen benutzt wurde (und auch teilweise noch wird). Mit diesem Sauberkeitsselbstverständnis entstand ein für ganz selbstverständlich empfundenes Überlegenheitsgefühl. Wer sauberer war, war besser.

Wenn nun die Ich-Erzählerin Felicitas in Sex mit Hermann Hesse als „Schlampe“ bezeichnet wird, weil sie erstens nicht sauber genug putzen kann und weil sie zweitens die Gruppe mit ihren von außen und mit spielerischem Humor wertenden Urteilen bloßstellt und wenn sie diese Schlampenbezeichnung auch noch für sich selbst annimmt, dann sehen wir hier eine in perfekten Details ausgeführte Schlampenbeschämung. Das Resultat ist, dass im Manuskript Worte und Namen geändert werden, weil das, was die Ich-Erzählerin da in ihrem Manuskript geschrieben hat, „so gar nicht geht“. Es geht nicht, weil die Gruppe bestimmt – ohne darüber nachdenken zu müssen –, dass es so einfach nicht geht. Wenn eine Person so etwas tut, ist sie hinterhältig, tückisch, eine Verräterin.

Indem die Ich-Erzählerin in Sex mit Hermann Hesse uns nun aber, indem sie alles im Detail darstellt, zum Nachdenken über dieses Phänomen der Schlampenbeschämung bringt – verspielt, weise und ohne Anklage –, führt sie uns diese Vorurteile und Werturteile vor. Und dies ist eine der großen Qualität dieses Romans. Dieses Spiel ist nicht immer angenehm. Und manchmal lernen wir mehr über uns als wir eigentlich wissen wollten.

Dass diese Schlampenbeschämung übrigens auch auf sexuellem Gebiet sehr verbreitet ist – schon ein Kleidungsstück oder ein besonderes Makeup oder eine Kopfbewegung können erste Auslöser sein –, ist vielen von uns nicht unbekannt. Dass dieser durch einen brutalen Schlampenausschluss erzwungene Solidaritätszwang die Gruppe jedoch als Ganzes schwächt, diese Erkenntnis hat sich erst in den letzten Jahren im Ansatz verbreitet. Denn die durch die Schlampenbeschämung erzwungene Gruppensolidarität beinhaltet für den Einzelnen oder die Einzelne einen Zwang zur Aufgabe eigener Gedanken und Impulse vor sich selbst. In letzter Instanz bedeutet dieser Solidaritätszwang also eine Unfreiheit vor sich selbst. In der Schlampenbeschämung meint die Gruppe sich zu stärken, tut das aber um den Preis eines Gefängnisses, in das sie sich selbst einschließt und in dem die Macht der Befreiung und Erlösung nur von draußen – in der Regel von einem bewunderten Mann – kommen kann. Das Gefängnis ist das unflexible Bild der „liebenswürdigen“, „sauberen“, „ehrlichen“ Frau, die nicht mit scharfem Humor piekst und stichelt, die sich über Sex nicht schamlos äußert und die schon gar nicht solche Worte wie „Wichsvorlage“[12] benutzt oder sich über verschiedene Dimensionen des Spermaschluckens äußert.[13]

Und genau hierauf weist Felicitas Andresen in ihrem Buch Sex mit Hermann Hesse immer wieder hin. Sie zeigt uns, was in der Schlampenbeschämung in der – oft nur imaginierten – Gegenwart von einem von allen angehimmelten Mann geschieht. Hermann – Her Man. Schon im Vorwort lässt die Ich-Erzählerin uns wissen, dass es sich in diesem Buch um „äh – das“ handeln wird. „Äh – das“ ist etwas, was zuvor von der Herausgeberin eines Frauenmagazins abgelehnt wurde. Bisher war es nicht Teil des Gesprächs, das Frauen untereinander führten oder führen wollten. Aber nun schreibt die Figur Felicitas einen ganzen Roman über „äh – das“.

„Äh-das“ ist kein Thema für die Alice-Schwarzer-Generation des Feminismus. Es ist ein Feminismus, der lockerer, verspielter, mutiger und auch sich selbst gegenüber aufrichtiger ist. Sex mit Hermann Hesse ist ein kluger Roman, der uns mit seinem bissig-humoristischen Ton philosophisch und zugleich verspielt sexy unterhält. In Sex mit Hermann Hesse ist der Ton revolutionär, lustig, empört und am Ende befriedigend nicht wie guter Sex, sondern wie ein gutes, wütendes, lebensbejahendes Lachen über die Welt und über sich selbst.

Sex mit Hermann Hesse ist ein Buch, das sich nicht schämt. Hermann Hesse lässt sich nackt fotografieren. Die Ich-Erzählerin Felicitas zeigt sich nackt. Sie schämt sich nicht, weil sie sich nicht schämen will und weil sie in ihrem Leben erkannt hat, welchen Preis für diesen Schamzwang frau vor sich selbst und vor anderen zu entrichten hat. Sex mit Hermann Hesse ist ein Triumphbuch über diesen Schamzwang.

Felicitas Andresen macht in Sex mit Hermann Hesse die Brutalität, die wir im Umgang mit Anderen oft pflegen, sichtbar, und sie überwindet zugleich im Ansatz diese Brutalität, indem sie spielt und lernt und das Leben unverschämt liebt. Sie gibt uns Hoffnung, dass sich vielleicht einmal etwas ändern wird im Umgang, den wir miteinander pflegen. Das Ende des Romans bleibt zwar offen, aber in Reflexionen über den Storch und den kreativen Schaffensprozess finden wir einen Optimismus, dass wir im Kreativen jahrtausendealte Verhaltensmuster überwinden können. Felicitas Andresen lässt uns hoffen – auch auf mehr Literatur in diesem aufrichtigen, verspielten und lebensweisen Ton.[14]

In diesem Sinne möchte ich noch ein kleines Post Script von Felicitas Andresens Verleger anfügen, der ja selbst mit Mut zum Spielen und zum Verspielten Sex mit Hermann Hesse publizierte, ohne auf eine Änderung des Titels zu bestehen. Hubert Klöpfer teilte mir, liebe Felicitas, mit, dass er sich mit dir zusammen so über deinen Thaddäus-Troll-Preis freut, dass er heute anhalten will, nein, nicht um deine Hand, sondern um deine „Frau mit den drei Händen“, wie dein neuestes Romanmanuskript heißt. Er würde sich freuen, wenn du „ja“ sagen würdest. Er verspricht dir, so du „ja“ sagst, dass dein neuer Roman kommenden Herbst oder spätestens im Frühjahr 2018 mit überschwänglicher Freude das Licht der Welt erblicken wird.

[1] Die Hermann-Hesse-Leserschaft ist zu einem Großteil entweder zwischen 14 und 35 oder über 65 Jahre alt. (Volker Michels, „Der Dichter aus Montagnola ist eine Weltmacht“. Hermann Hesse – ein globales Phänomen vor der Globalisierung. Forum Allmende Porträt 2. Gutach: Drey-Verlag, 2009. S. 47.)

[2] a. a. O. S. 47.

[3] Eine bemerkenswerte Ausnahme sind Irmtraud Morgners Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura (1974) und Amanda. Ein Hexenroman (1983).

[4] Felicitas Andresen, Sex mit Hermann Hesse. Tübingen: Köpfer & Meyer, 2015. S. 11.

[5] a. a. O. S. 87-88.

[6] a. a. O. S. 88.

[7] a. a. O. S. 88.

[8] a. a. O. S. 196.

[9] a. a. O. S. 67.

[10] a. a. O. S. 196.

[11] Nancy Reagin, Sweeping the German Nation. Domesticity and National Identity in Germany, 1870-1945. New York: Cambridge UP, 2007.

[12] a. a. O. S. 132.

[13] a. a. O. S. 37f.

[14]