Thaddäus-Troll-Preis 2015 – Begründung der Jury

von Carmen Kotarski

Der Thaddäus-Troll-Preis geht in diesem Jahr an Lyrik, an die Gedichte in dem Debut-Buch von Carolin Callies, mit dem Titel: „fünf sinne & ein besteckkasten“. In der Jury fiel uns auf, das darin ein ganz eigener Ton gefunden ist, der überrascht und und auch herausfordert.

Gedichte als Prosa lesen wollen, so hat es Paul Valery in den Cahiers als grundlegendes Unverständnis für dieses Genre bezeichnet.

Man sieht oft Gedichte, in denen eigentlich Prosa in Zeilen gebrochen ist – löst man die Zeilenbrüche auf und schreibt es hintereinander, fehlt eigentlich nichts.

Hermann Kinder nannte in seinem Literatur&Kritik-Heft über Lyrik das bloße Kurzbrechen der Zeilen als das schlichteste der poetischen Mittel. Und er stellte dann weiter das große Repertoire an sprachlichen Verfahren dar. Von den frühen, heute traditionellen, wie zum Beispiel Reim und Metrum, über die Moderne, bis in die Gegenwart. Die Poetik ist ständig bereichert worden. Es kann nicht anders sein. Das Überlieferte ist Grundlage des Könnens, aber es braucht die Erneuerung. Das Wagnis, das Gehen ins Unbekannte. Die Zumutung und das Anreizende einer so noch nicht gesehenen Zeile.

Carolin Callies wagt etwas in ihren Gedichten, mit den Formen die sie schafft und gleichsam mit einem frappierenden Thema, das dieses Finden eigener Formen braucht. Eine Poesie des Körpers. Sie lotet mit bewundernswerter Konsequenz die sprachlichen Möglichkeiten aus. Und indem sie neue poetische Wege erschließt, bezieht sie überlieferte und traditionelle Formen und Motive ein.

Es steht ja das Wort „Besteckkasten“ im Buchtitel, und das Wort „fünf Sinne“. Da gibt es Schnitte und Brüche, scheinbar Unvereinbares geht unerwartet zusammen und macht eine tiefere Bedeutung auf. Zum Beispiel:

„&nannten den wald ein seltsames vieh“.

Auch der Wald hat da einen Körper. Und je mehr man sich einlässt auf diese Gedichte, schließt sich das auf: Es geht nicht nur um den menschlichen Körper, der Körper scheint auch die Welt zu zeigen. Die Erweiterung der Sicht kommt auch daher, dass Carolin Callies in ihren Gedichten keinen Unterschied zwischen Hässlich und Schön macht und tabuisierte Körpervokabeln ganz selbstverständlich verwendet.

Michael Braun, der Herausgeber des Lyrikkalenders, der in der Stuttgarter Lyriknacht eine Lesung mit Carolin Callies moderiert hat, nannte ihre Zeilen „verbale Messerchen“, und wies auf die vielen Bezüge hin, etwa zu Goethe, auch zu Märchen, sogar eine religiöse Dimension, wie in der Zeile „die Arche und das Öhr“.

Carolin Callies schafft und sprachkomponiert unter anderem auch mit assoziativen Lautklängen, auch mit Doppelungen, die ironisch und gleichzeitig liedhaft, melodisch sind. Ihre Gedichte sind Lieder.

Wenn „Lieder“ wie „Augenlider“ klingt, entspricht das ja dem Thema der Gedichte.

Die überraschenden Wortschöpfungen von Carolin Callies locken aus dem gewohnten schnellen, und engen, Verständnis der Gebrauchssprache heraus – obwohl ihre Wörter ja aus der Gebrauchsprache kommen.

Sie geht jedoch von ihrer eigenen, also unserer heutigen, Erfahrungswelt aus, die sie mit Traditionen bereichert, und konfrontiert, und so neue Einblicke schafft. Was man nicht in ihren Gedichten antrifft, ist der bloß private Gefühlsmoment – Gefühl sehr wohl! Das ist ganz literarisch umgesetzt.

Wie zum Beispiel in diesen Zeilen:

„wenn man stürbe & man stürbe nie,

dann tränke man schorle aus mannshohen gläsern

& äße ein laibchen von knietiefem brot“

Diese Zeilen, zum Beispiel, sind außerordentlich schön und sinntief, und das haben wir nicht schon mehrmals gehört, sondern zum ersten Mal.

Die Jury findet die Gedichte in dem Debutband von Carolin Callies bemerkenswert und sehr gut.