2004: Abschied Eleonore Lindenberg

Eleonore Lindenberg

Auf der Mitgliederversammlung des Förderkreises am 23.3.2004 im Schriftstellerhaus Stuttgart verabschiedete sich Eleonore Lindenberg nach fast dreißig Jahren Arbeit im und für den Förderkreis. Zum Dank bestimmte die Versammlung sie einstimmig zum Ehrenmitglied. Hier ihr Rückblick:

Liebe Mitglieder des Förderkreises,

am 27. November 1975 haben Gert Kalow und Thaddäus Troll mich gebeten, bis zur Jahresversammlung 1976 und der Neuwahl des Vorstands die anfallenden Geschäftsführungsarbeiten für den Förderkreis zu übernehmen. Als Folge davon wurde ich in der Mitgliederversammlung am 6. Mai 1976 als Nachfolgerin von Hansi Kühner zur Schriftführerin gewählt.

Die erste Förderkreis-Lesung unter dem Motto „Autoren stellen sich vor“ fand unter der Leitung von Gert Kalow am 22. Mai 1975 im Wilhelmspalais statt, und zwar mit Hilde Ahemm, Willy A. Boelcke, Manfred Esser, Yüksel Pazarkaya, Friederike Roth und Friedrich E. Vogt. „Anschließend Diskussion mit dem Publikum“: das stand auf den ersten Einladungen. Hans Fröhlich schrieb damals in den Stuttgarter Nachrichten: „Es ist zu wünschen …, daß diese Abende die Literatur in Stuttgart ins Gespräch bringen.“ Das taten sie dann auch. Am 19. Juni 1975, dem zweiten Abend, den Thaddäus Troll leitete, lasen die Autoren Rosemarie Bronikowski, Willy Habermann, Kurt Hillmer, Wolfgang Kircher, Margarete Stauss und Ulrich Zimmermann. Die Einladung, auf der Thaddäus Troll vermerkte: „Dafür gibt es einen besonderen Ordner ‚Förderkreis‘“, schenke ich Dir, Ulrich.

Der 10. Abend am 6. April 1977 – mit Rolf Vollmann, Irmgard Perfahl, Georg Holzwarth und Waltfried Zeller – war damals schon ein besonderes Ereignis, zu dem Thaddäus Troll eine kurze Rede hielt, in der er das Berufsbild des Schriftstellers in Deutschland steuer- und arbeitsrechtlich mit dem eines tarifunfähigen Heimarbeiters verglich. Die Veranstaltungen waren immer recht gut besucht, und das Publikum beteiligte sich rege an den anschließenden Diskussionen, bis eine gewisse Ermüdung über die immer gleichen Fragen der immer gleichen Zuhörer eintrat. Man kam auf die glorreiche Idee, die Diskussion in die Weinstube Widmer zu verlagern. Es waren legendäre Nachsitzungen, bei denen oft auch Manöverkritik stattfand. Einmal saßen wir da, als plötzlich Willy Brandt auftauchte.

Am 23. Januar 1980 hat Thaddäus Troll in einer Vorstandssitzung angeregt, einen Förderpreis einzurichten. Er würde die Jury übernehmen. Er hatte sich vorgenommen, die Presse wieder einmal auf die Existenz des Förderkreises aufmerksam zu machen. Am 3. März 1980 fand aus diesem Grund in der Landtagsgaststätte eine Pressekonferenz statt, in der die Literaturförderung publik gemacht wurde. Eine Überschrift in der Presse lautete: „Thaddäus Troll sucht Nachwuchs“. Eine Zeitung veröffentlichte eine falsche Adresse! Es kamen trotzdem waschkorbweise Einsendungen, darunter auch sehr viel Belangloses. Damals berief Thaddäus Troll die erste Jury. Ihr gehörten Rosemarie Tietz, Christoph Lippelt und Ekkehart Rudolph – als Juryleiter – an.

Rudij Bergmann hat übrigens 1980 damit angefangen, einen Film über den Förderkreis zu planen. Bei verschiedenen Terminen tauchte er mit seinem Team auf und hat gedreht. Was daraus geworden ist, müßte man mal recherchieren.

Am 3. Juni 1980 präsentierte der Förderkreis die Autoren Lotte Betke, Hans-Joachim Haager (= Hannes Schneck von den Stuttgarter Nachrichten) und den 88-jährigen Kurt Heynicke, für den der Förderkreis schon im Jahr 1976 eine Einzellesung im Wilhelmspalais veranstaltet hatte. Heynicke konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Stuttgart kommen. Staatsschauspieler Wolfgang Höper trug seine Lyrik für ihn vor. Eigenartig berührt heute ein Zitat aus seinen vorgelesenen Gedichten: „Was wird im Tod uns werden? Nichts Schlimmeres als auf Erden.“ Es war die letzte Förderkreis-Veranstaltung, die Thaddäus Troll moderierte. Man kann es kaum begreifen, aber im kommenden Jahr wird schon ein Vierteljahrhundert seit seinem Tod vergangen sein.

Am vergangenen Donnerstag wäre Thaddäus Troll 90 Jahre alt geworden. Wir wollen uns in aller Stille an ihn erinnern …

Am 10. Mai wird im Wilhelmspalais eine Thaddäus Troll-Gedächtnislesung stattfinden. Ulrich Zimmermann hat mir dafür freie Hand gelassen, und ich habe mich sehr über die spontanen Zusagen von Jürgen Lodemann und Imre Török gefreut. Carmen Kotarski hat mich in diesem Zusammenhang an ein Gedicht erinnert, das sie nach Thaddäus Trolls Tod spontan niedergeschrieben hat. Sie wird es bei dieser Veranstaltung lesen.

In der ersten Vorstandssitzung nach Thaddäus Trolls Tod wurde beschlossen, einen Thaddäus Troll-Preis zu initiieren. Die erste Preisverleihung fand 1981 statt. Der Preis ging an Manfred Esser für sein Buch „Ostend-Roman“. Esser hielt eine Dankrede, in der er mit andersdenkenden Journalisten nicht zimperlich umging. Da rauschte es dann eine Zeitlang im Blätterwald. Der Thaddäus Troll-Preis wurde bisher insgesamt an 22 Autorinnen und Autoren verliehen.

Am 13. Oktober 1981 stellte der Förderkreis ausländische Autoren vor: Marianne Bardiau aus Frankreich, Zacharias Mathioudakis aus Griechenland, Yüksel Pazarkaya aus der Türkei.

Der 50. Abend in der Reihe „Autoren stellen sich vor“ am 25. Mai 1982: Minister Engler und Oberbürgermeister Manfred Rommel hielten Grußworte, Regine Kress-Fricke vertrat die geförderten Autoren, Martin Walser trug aus seinem Buch „In Goethes Hand“ vor, und Michael Spohn las Texte von Thaddäus Troll. „10 Jahre Förderkreis deutscher Schriftsteller“: Fast auf den Tag genau fand nach 10 Jahren der 74. Abend im Wilhelmspalais statt: mit Autoren, die damals dabei waren: Willy A. Boelcke, Yüksel Pazarkaya und Friedrich E. Vogt, außerdem Gert Kalow. Gisela Ullrich (von den Stuttgarter Nachrichten) zitierte abschließend Willy Leygraf: „Wie vor zehn Jahren, als die Autoren am gleichen Ort zusammentrafen, soll und wird es weitergehen. Das ist in unserer schnellebigen Zeit keine Selbstverständlichkeit.“

Mitte der 80er Jahre stellte sich dann die Frage: „Müssen wir über eine neue Konzeption nachdenken?“ Das Publikum erwartete mehr und mehr Besonderheiten, Spektakuläres. Das konnten wir am 12. November 1985 bieten, als Gerhard Raff den Thaddäus Troll-Preis bekam und Hans-Martin Decker-Hauff die Laudatio hielt. Im Max-Bense-Saal (der damals noch nicht so hieß) und im Foyer drängten sich die Zuhörer. Über Gerhard Raff, der am 14. Dezember 1976 zum ersten Mal beim Förderkreis vorgestellt wurde, urteilte Rainer Wochele in der Stuttgarter Zeitung: „… die Mundart ist ihm immer Mittel, von den Belangen, der Freiheit oder der Unfreiheit derer zu reden, die sie sprechen. Wenn dieser Gerhard Raff behäbiger wird, Jahresringe ansetzt, Sicherheit bekommt, könnte er schon einer werden, in dem sich Liberalität mit Frechmäuligkeit verbindet …“

Am 2. Dezember 1985 war dann in der Stuttgarter Zeitung zu lesen: „Der vom Förderkreis … veranstalteten Lesung mit drei Autoren (das waren Hans Josef Ortheil, Jürgen Lodemann und Armin Ayren) hätte man mehr Publikum gewünscht.“

Der 100. Abend folgte am 14. Juni 1988 mit Katja Hajek, Reinhard Gröper und Felix Huby. Trotz dieser Troika war der Vortragssaal nur halb voll. Die Veranstaltungen wurden dann allmählich in die Stadtteilbüchereien verlagert. Voll war der Saal dann wieder am 28. Februar 1989, als Albrecht Goes mit einer Veranstaltung geehrt wurde.

„25 Jahre Förderkreis“ möchte ich auch noch erwähnen. Es gab Veranstaltungen in Heidelberg, dem Gründungsort, in Freiburg und Reutlingen, wo jeweils ein Informationstag mit anschließender Lesung stattfand, in Stuttgart, wo Egbert-Hans Müller die Festrede hielt und die vier Troll-Preisträger Marcus Hammerschmitt, Harald Hurst, Karl-Heinz Ott und Walle Sayer lasen.

Nun folgt noch ein wenig Statistik, denn es hat mich interessiert, was im Lauf meiner Geschäftsführungs- und Vorstandsarbeit so zusammenkommt:

Ich habe von 1976 bis heute an 152 Vorstandssitzungen teilgenommen, 14 Termine konnte ich nicht wahrnehmen, eine Sitzung habe ich unentschuldigt versäumt. – In der Jury habe ich zwei mal drei Jahre mitgewirkt und 40 Sitzungen absolviert. An 6 Jury-Sitzungen war ich entschuldigt verhindert.

Lesungen und Troll-Preisverleihungen, an denen ich während meiner Geschäftsführungszeit teilnahm, in Stuttgart, Ellwangen, Reutlingen, Schorndorf, Untereisesheim: Da brachte ich es auf die runde Zahl 100.

Jahresversammlungen: Das waren 29 Termine, darunter eine außerordentliche Jahresversammlung Anfang 1985. Die heutige Mitgliederversammlung ist also meine dreißigste.

Ich war immer gern für den Förderkreis aktiv, obwohl es auch eine Zeit gab, in der es mir schwer gefallen ist, durchzuhalten. Ich bin aber froh, daß ich nicht aufgegeben habe, und das liegt auch an der Unterstützung, die ich von Euch und Ihnen erhalten habe. Dafür sage ich Euch und Ihnen herzlichen Dank.

Eines bekümmert mich noch immer: daß Willy Leygraf von mir den Eindruck bekommen hat, ich würde nicht zu meinem Wort stehen. Wir hatten 1989 gemeinsam beschlossen, unser Amt gleichzeitig abzugeben. Dann wurde ich aber während der Neuwahlen von vielen Mitgliedern auf eine Art und Weise gebeten, mich umstimmen zu lassen, um dem Förderkreis die Kontinuität zu erhalten, der ich mich nicht widersetzen konnte. Für Willy Leygraf war das eine Enttäuschung, das ist mir bis heute bewußt. Ich kann nur hoffen, daß er mir irgendwann mein Umschwenken verziehen hat. Ich habe ihn als einen manchmal schwierigen, aber immer geradlinigen, unbestechlichen und ehrlichen Menschen kennen und schätzen gelernt, der strenge Maßstäbe anlegte, an andere, zuerst aber an sich selbst. Er gehört zu den Menschen, vor denen ich Hochachtung habe. Er hat den Förderkreis in einer kritischen Phase übernommen, ihn aus den negativen Schlagzeilen herausgebracht und rasch konsolidiert. Dafür hätten wir ihn zum Ehrenmitglied ernennen sollen. Ich werfe mir vor, daß ich das nicht vorgeschlagen habe.

Seinem Nachfolger Martin Blümcke habe ich bei seinem Ausscheiden als Vorsitzender im Jahr 2001 meinen Dank abgestattet. Ich will ihn hier noch einmal wiederholen.

Maja Langsdorff möchte ich auch herzlich danken für ihre unermüdliche Ausübung der Geschäftsführung. Sie hat diese Aufgabe zwei Jahre länger durchgehalten als ich. Dazu möchte ich ihr gratulieren und herzlich danken. Für ihren weiteren beruflichen und privaten Lebensweg wünsche ich ihr Glück und Erfolg.

Und nun Dir, lieber Ulrich, auch meinen herzlichen Dank für Dein Engagement und die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Du hast neue Ideen vorgeschlagen und umgesetzt. Als Beispiel erwähne ich nur den Förderband, der heuer zum dritten Mal herausgegeben wird und an dem ich mitwirken durfte, was mich geehrt und mir auch Vergnügen bereitet hat.

Bevor ich aufhöre, möchte ich noch etwas einschieben: Tucholsky beschließt seine „Ratschläge für einen schlechten Redner“ mit der Aufforderung: „Wenn einer spricht, müssen die andern zuhören – das ist deine Gelegenheit! Mißbrauche sie.“ – Ich hoffe, ich habe sie nicht mißbraucht!

Zum Schluß allen, die mich bei meiner Arbeit für den Förderkreis begleitet und mich unterstützt haben, auch meinen herzlichen Dank! Ich wünsche dem Förderkreis ein gedeihliches Weiterbestehen und den Vorstandsmitgliedern viel Ausdauer und Kraft für die Weiterarbeit im Sinne Thaddäus Trolls!