25 Jahre Förderkreis: Ansprache

Autoren fördern

Eigenen Erfahrungen nachgedacht

Ansprache, gehalten am 22. Mai 2000 zum 25-Jahre-Jubiläum der ersten Autorenlesung des Förderkreises im Wilhelmspalais, Stuttgart

von Egbert-Hans Müller

Der Autor ist Leitender Ministerialrat a.D., Jurist, von 1959 bis 1994 in der Kultusverwaltung des Landes Baden-Württemberg tätig, seit 1974 mit dem Schwerpunkt Literaturförderung. Autorenname Reinhard Gröper. Veröffentlichungen u.a.: Limfjordmuscheln, Roman; Schöne Tage in Ratswyl, Roman; Herrn Arnolds Garten, Roman; Erhoffter Jubel über den Endsieg. Tagebuch eines Hitlerjungen; Nachkriegshäutung. Tagebuch der Deutschen Pubertät. Literaturpreis der Landeshauptstadt Stuttgart 1994.

Sie kennen das:
Man steht mit anderen, den Rücken zur benachbarten Gruppe, und fängt ungewollt einen Fetzen auf aus deren Gespräch. Vor etwa so vielen Jahren wie der Anlass dieses Nachdenkens zurückliegt, bei einer Schriftstellertagung in Marbach, hörte ich auf diese Weise unter ein paar Schriftstellern und einem Kritiker einen sich nach einem abwesenden Kollegen erkundigen. Der Kollege sei zur Zeit nicht zu erreichen. Ein anderer der Runde hatte es versucht und bei ihm angerufen; nicht einmal seine Frau wisse genau, wo der gerade stecke, er ziehe nämlich in einer bestimmten Gegend von Dorf zu Dorf und lese in den Schulen aus seinen Arbeiten vor.

Hat er das nötig? Geht es ihm so schlecht?
Der Kritiker, unverkennbar an der Stimme er, endete den Punkt mit der Bemerkung: „Wenn einer vom Schreiben nicht leben kann, soll er das Schreiben lassen.“

Ich sagte schon: Das Gespräch war nicht für mich bestimmt.
Auch erinnere ich mich weder, wer die anderen waren, noch habe ich mitbekommen, von wem die Rede war. Nur den einen Satz hielt ich fest: „Wenn einer vom Schreiben nicht leben kann, soll er das Schreiben lassen.“

So einfach ist das also.

– So einfach?

Am 22. Mai 1975, heute vor 25 Jahren, notierte ich:

Förderkreis deutscher Schriftsteller und Stadtbücherei veranstalteten mit unserer Hilfe [„unserer Hilfe“ – gemeint ist die des Ministeriums, das ich vertrat] den ersten Autorenabend im Wilhelmspalais, absprachewidrig freilich unter der Firma des VS. Gerd Kalow, dem ich mitteilte, dass ich die 20.000 DM angewiesen habe, umarmte mich, nachdem er vorher um Zustimmung gefragt, dafür. Unter anderem lasen Frau Ahemm, der sehr eitle Friedrich E. Vogt, Manfred Esser, ein türkischer Autor. Gequälte Diskussion hinterher. Nachsitzen im Theaterstüble mit nun lebhafteren Gesprächen.

Kein Mensch ahnte,
dass der verhältnismäßig frischgebackene Literaturreferent des Ministeriums Morgen für Morgen in aller Frühe vor dem Dienst zu Hause in Klausur saß und selbst seinen ersten Roman schrieb – im Stillen die Veranstaltung und die Leseproben also durchaus an eigenen Erfahrungen maß. „Geoutet“, wie man das heute nennt, hat er sich ja erst mit dem Erscheinen dieses Romans, 1979.

Hilde Ahemm, Friedrich E. Vogt, Manfred Esser, Gerd Kalow – um ihrer ausdrücklich zu gedenken -; von ihnen lebt keiner mehr. Der türkische Autor war Yüksel Pazarkaya.

Das hervorstechende Wort der Notiz,
die ich Ihnen gerade vorgelesen, ist „absprachewidrig“. Wie kam ich dazu?

Die Kultusministerkonferenz
hatte irgendwann beschlossen, Mittel, die zur Förderung der Kunst bestimmt sind, sollen nicht Berufsverbänden zugewendet werden. Dahinter stand das Misstrauen, die Berufsverbände könnten damit Standespolitik machen, ungebundene Künstler aber nicht zum Zug kommen oder mittelbar zum Beitritt genötigt werden. Die Kunst ist frei; die Förderwürdigkeit von Kunst darf nicht von irgendeiner Mitgliedschaft ihres Urhebers abhängig sein.

Das war nun auch der Standpunkt, den das Ministerium vertrat, als Hans Bayer, anders Thaddäus Troll, für den Schriftstellerverband um Fördermittel ansuchte.

Willy Leygraf,
später Vorsitzender des Förderkreises – auch dieses Verstorbenen sei dankbar gedacht -, gewiss ein entschiedener Verfechter eines gewerkschaftlichen Zusammenschlusses der Schriftsteller, umriss mir gegenüber einmal die Untauglichkeit des Berufsverbandes zur Autorenförderung dahin: bei der Gewerkschaft gehe es um Solidarität, um das Gemeinsame, bei der Kunstförderung um Qualität des Einzelnen. Qualität aber setze Wertung, also Unterscheidung voraus. Er bestätigte damit den Standpunkt der Minister.

Thaddäus Troll und ich
waren uns vorher kaum begegnet. Er hatte in einer Lesereihe der Stadtbücherei, für die mein Vater verantwortlich war, anderthalb Jahrzehnte zuvor, mal gelesen; da werden wir uns beim Vorgespräch in meines Vaters Dienstzimmer und dann beim Nachsitzen im „Silberbuckel“ begegnet sein – aber im Gegensatz zu Heinrich Böll, der mir bei einer solchen Gelegenheit durch sein nervöses Kettenrauchen unvergesslich abstoßend auf die Nerven ging, habe ich an die frühe Begegnung mit Thaddäus Troll nur noch eine blasse Erinnerung, sagen wir: kaum eine mehr. 1974, bei der Wiederbegegnung im Ministerium, hing ihm, dass er sich für einen potentiell so aufsässigen Haufen wie die Schriftsteller engagierte, selbst eine scharfe Klinge führte und gar noch für die SPD eingetreten war, in mancher Augen als rotes Tuch an.

Mehr als das Misstrauen,
das angebracht ist, wenn einer Geld will, hatte ich nicht. Im Gegensatz zu ihm wusste ich, dass wir die selbe Schule besucht hatten; das gab den Einstieg. Wir tauschten uns über unsere Lehrer aus: Er und ich hatten zum Teil die selben Lehrer gehabt, er sie als junge Assessoren, ich als ältere Herrn. Gerd Kalow muss, erinnere ich mich richtig, bei diesem Gespräch dabei gewesen sein und dürfte seinen Spaß daran gehabt haben.

Was Thaddäus Troll in der Sache wollte,
entsprach den Intentionen des Ministeriums – oder sagen wir: zumindest erst einmal denen seiner Kunstabteilung. Hier sei daran erinnert, dass das Problem thematisiert war – denken Sie an Bölls „Ende der Bescheidenheit“, an die Untersuchungen von Fohrbeck/Wiesand oder an die durch eine Große Anfrage der SPD im Bundestag veranlasste Künstler-Sozialenquête der Bundesregierung. Ich selbst saß damals der ad-hoc-Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz zur „Sozialen Lage der bildenden Künstler“ vor, die gerade diese Enquête auswertete.

Ich zitiere für den Hintergrund
freilich auch meine persönliche Notiz über die Finanzausschusssitzung des Landtages am 21.2.1975. Die Aufbesserung der aus Lotto-/Totomitteln gespeisten Kunstfördertitel war fast beiläufig vor sich gegangen, nun wurde über die Einsparung von 5 Millionen DM bei den Hochschulkapiteln diskutiert; sie sollten den Mitteln zur Förderung des Sportstättenbaus zugeschlagen werden. Ein entsprechender Antrag war gestellt. Ich hielt fest:

Die Angriffe zielten besonders auf die Bücherkäufe und das Geld dafür. Die Argumente waren von einer erschütternden Buchfremdheit, wenn nicht Buchfeindlichkeit.

Den Namen des Abgeordneten, der sich darin in meinen Augen besonders hervorgetan hat, unterschlage ich Ihnen. Auch er lebt nicht mehr.

Was Thaddäus Troll wollte,
hat er 1980, nun als Aufgabe des Förderkreises, vor der Presse so formuliert: „Literarische Begabungen im Lande aufzuspüren und ihnen Starthilfe zu leisten“. Außerdem sollte die, er sagte, „lähmende Stille“ um manchen verdienten Autoren aufgehoben werden, „der sich im konzentrierten Presse- und Verlagswesen nicht mehr zurechtfindet“. „Es könnte ja ein Kafka in diesem Lande wohnen“, meinte er.

1974 gründete sich
in Übereinstimmung mit dem damaligen Kultusministerium der Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e.V.. Auf Verlangen des Ministeriums war in die Satzung der Passus aufgenommen: „…um alle in Baden-Württemberg wohnhaften Schriftsteller, ob organisiert oder nicht organisiert, zu fördern und zu unterstützen“. Das war die gemeinsame Lösung von Ministerium und Schriftstellerverband in Respektierung der Empfehlung der Kultusministerkonferenz. Und nun verstehen Sie, warum ich heute vor fünfundzwanzig Jahren die Veranstaltung des Förderkreises unter dem Signum VS als absprachewidrig empfand.

Das trübte das Verhältnis nicht:
Aus den 20.000 DM des Jahres 1975 wurden 62.000, 78.000, 90.000, und schon im Jahre 1980 100.000 DM. Die Kunstkonzeption der Landesregierung von 1990 spricht von 120 000 DM.

Mit den ersten Zuschüssen für den Förderkreis, denen des Jahres 1975, begann die systematische Literaturförderung des Ministeriums.

Von dem nach Thaddäus Troll benannten Preis
des Förderkreises habe ich bislang nicht gesprochen. Wie weit gehört er hierher? In der Kunstkonzeption von 1990, mit der die Regierung Späth Bilanz ihrer Kunstförderung zog und Perspektiven zeigen wollte, ist er nicht aufgeführt. Das ist formal richtig. Der Thaddäus-Troll-Preis ist eine Einrichtung des Förderkreises und war mindestens damals undotiert. In der Praxis wusste freilich der Förderkreis, das Ministerium habe nichts dagegen, wenn der Preisträger mit der Preisurkunde ein Stipendium erhalte, das die üblichen Stipendien überrage. Ich nehme an, Name und Person Thaddäus Trolls schrecken heute in der Politik nicht mehr so, dass vorsichtshalber angeraten wäre, die Verbindung des einstmals „roten Tuches“ mit Fördergeldern des mehrheitlich christdemokratisch regierten Landes zu camouflieren. Liste und Qualität der Preisträger dürften zudem für die Sache überzeugen.

Greifen wir Thaddäus Trolls Programm
noch einmal auf: „Literarische Begabungen im Lande aufzuspüren und ihnen Starthilfe zu leisten“.

Was ist das?

Geld? Geld sicher allein nicht.

Der Anekdotensammler und -erzähler Eckart Krumbholz
berichtet in seinem Anekdotenband „Fingerzeige“, 1967 im Mitteldeutschen Verlag erschienen: „Nachdem der Musensohn C. ein Leben als freier Schriftsteller in H. begonnen hatte, wurde überall erzählt, er befände sich übel und elend. Wie das? dachte ich, aber dann holte ich Geld von der Bank, fuhr nach H., willens, ihn durch guten Zuspruch und einige Ersparnisse aufzurichten. Nach drei Stunden Bahnfahrt angekommen, stand ich vor verschlossenen Türen. C. war nach D. gereist, um sich eine antike Uhr zu kaufen.

Dieses Erlebnis“, findet Krumbholz, „verdeutlicht so recht den Unterschied zwischen einem, der am Hungertuch, und einem, der am Hungerbrokat zu nagen hat…“.

C., den ich sehr schätze, inzwischen vielfach ausgezeichnet, befindet sich übrigens heute immer noch übel und elend; Farbigkeit auf schwarzem Grund charakterisierte ich seinen poetischen Zustand, als ich vergangenes Jahr in Weimar eine Laudatio auf ihn hielt.

Woran einer gerade nagt,
ist für den Außenstehenden schwer nachzuvollziehen. Für den einen kann Brokat sein, was der andere als Tuch kaut. Künstlerische Existenz hat ihre eigenen Gesetze – und die sind in keinen zwei Fällen gleich. Mit guter Überlegung holte Eckart Krumbholz, als er hörte, C. befände sich übel und elend, erst einmal Geld von der Bank. Aufrichten wollte er ihn durch Zuspruch und einige Ersparnisse.

Nun kann freilich keiner dem Schriftsteller die Krisen abnehmen,
in die ihn der Schaffensprozess oft von Tag zu Tag stürzt, noch lange bevor ein Verleger seine Gedichte für nicht ausgereift, seinen Novellenstil als antiquiert, seine Prosa für unverständlich bezeichnet und ihn darüber belehrt, dass er, der Verleger, mit diesem Thema noch nicht einmal die Deckungsauflage erreiche – von den Fouls leseunwilliger Kritiker, später, will ich hier ganz abgesehen haben.

Sie mögen bei der Szenerie, die ich gerade beschworen habe,
nun doch vor allem an ältere Autoren denken, obwohl das Stichwort jetzt „Starthilfe“ war. Der oder die Junge mögen beherzt darauf los schreiben und damit ankommen; das ist das Vorrecht der Jungen; allerdings, es welkt mit ihnen. Mir fällt zum Phänomen Jugend eine die Wirklichkeit entlarvende Bemerkung Peter Bichsels ein – er schrieb sie in seinem Aufsatz „Und ab und zu ein erster Mai. Über Gewerkschaftsbewegung und Arbeitsfrieden“. Bichsel schrieb: „Im Grunde genommen möchte man keine Jungen, man möchte einfach Kleine“.

Ich meine: Das Fördern muss zuweilen vor dem Fördern einsetzen.
Dem Abiturienten, der mich vor Jahren im Amt anrief: „Ich hab das Abi – woher kriege ich ein Stipendium; ich möchte schreiben“, riet ich, doch besser erst einmal an eine Berufsausbildung zu denken. Es kann nicht Aufgabe, etwa des Förderkreises, sein, von Anfang an, und möglichst auch noch für Lebenszeit, ein Sicherheitsnetz aufzuspannen. Die, die mir vor fünfzig Jahren rieten, zunächst meine Staatsexamen zu machen, hatten vermutlich – in meinem Fall – recht.

Greifen wir das Wort Zuspruch noch einmal auf.
Zuspruch kann vielerlei sein. Ich halte ihn für das Entscheidende. Mut machen, Wege zeigen. Schriftsteller sind verdammt allein in ihrer Arbeit. Was im Stadium des Entstehens, was gewissermaßen noch ohne schützende Haut ist, verträgt in den seltensten Fällen den fremden Blick. Nicht nur das: Was nicht geschützt ist, wird etwa gar geklaut; das erlebten wir schon in der Schule. Der Umgang von Zusprechendem und Zuspruch Erfahrendem miteinander verlangt sehr viel Fingerspitzengefühl und viel Vertrauen beider Seiten. Zuspruch trägt seine Gegenleistung in sich selbst.

Will ich Zuspruch institutionalisieren,
gibt es letztendlich nur eines: Leistung anerkennen, sie also der Öffentlichkeit vorstellen, helfen sie zu erbringen, verdeutlichen, worin diese Leistung besteht. Leistung anerkennen, sagte ich, und konturiere nun noch schärfer: Leistung unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit – selbst wenn, (oder gerade weil?) um mit einer Bemerkung in Hesses „Kurgast“ zu reden, „die große Mehrzahl der lebenden Deutschen die Raketen den Sternen vorzieht“.

Aus meiner Übersicht erscheint mir heute
gewichtiger als Anfangsförderung zu sein, einem Autor an die Öffentlichkeit zu helfen. Ob einer die Zeit zum Schreiben findet, hängt davon ab, wie er seine Lebensumstände gestaltet. Ob er in der Öffentlichkeit erscheint, das heißt, verlegt wird, entscheiden andere; dafür ist außer wirtschaftlichen Bedenken sehr viel Trägheit zu überwinden. Dieser Überwindung nachzuhelfen, darum geht es.

Und was die „lähmende Stille“ um manchen verdienten Autor
angeht, „der sich im konzentrierten Presse- und Verlagswesen nicht mehr zurechtfindet“ – um Thaddäus Troll auch darin noch einmal zu zitieren – : Hilfe in jenen Fällen verlangt mindestens ebenso viel Fingerspitzengefühl; sie muss Anerkennung in sich tragen, darf nie Spittelgeruch an sich haben.

Der für seine Kollegen verantwortlich denkende
hier haben Sie die Solidarität – Thaddäus Troll wollte keinen staatlichen Apparat. Nur Menschen haben Fingerspitzengefühl, nicht der Apparat. Thaddäus Troll sah die Lösung im Ehrenamt. Und um noch einmal von mir zu reden: Ich suchte die Lösung – und suche sie noch – im Ehrenamt, in der Konkurrenz möglichst zahlreicher ehrenamtlich betriebenen Fördereinrichtungen. Ein Dankeschön diesen Ehrenamtlichen ist hier am Platz.

Da geht ja die Übersicht verloren,
wurde mir einmal von einem Politiker aus den Reihen der Schriftsteller vorgehalten. Übersichtlichkeit, nicht Übersicht. Meine Erfahrung ist: Durch eine Vielzahl Mitdenkender, Mithandelnder wird Übersicht gewonnen, Übersicht über ein großes und mancherorts ins Verwinkelte, ja Verborgene reichende Feld. Im Übrigen: Nicht nur Konzile, auch Jurys können irren; die Vielfalt gleich das aus. So besteht selbst Hoffnung, den Kafka unter uns vielleicht zu entdecken.