25 Jahre Förderkreis: Rückblick Martin Blümcke

25 Jahre Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e.V.

Rückblick von Martin Blümcke,
im Jubiläumsjahr Vorsitzender des Förderkreises,
jetzt Ehrenvorsitzender

Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre
entdeckten auch die Schriftsteller in der Bundesrepublik ein stärkeres politisches Bewußtsein. Aus ihrer frisch gegründeten Organisation heraus, dem Verband deutscher Schriftsteller (VS), der später in die IG Druck und Papier eintrat, die heutige IG Medien, forderten sie öffentlich mehr Anerkennung und soziale Absicherung.

Mit ihren Forderungen
gelang es ihnen sogar, die Konferenz der Kultusminister zu beschäftigen. Die Minister jedoch argumentierten, der Schriftstellerverband sei ein Berufsverband, und folglich könne er nicht Empfänger von öffentlichen Mitteln zur Unterstützung von Schriftstellern sein. Um dennoch an Gelder zur Förderung und Unterstützung gelangen zu können, gründeten die Landesverbände des VS überall eigenständige Förderkreise und Literaturvereine. Zu einem der ersten Landesverbände, der einen eigenen Förderkreis gründete, gehörte der baden-württembergische VS unter Dr. Hans Bayer, Vorsitzender von 1968 bis 1977. Bayer ist besser unter seinem Pseudonym Thaddäus Troll bekannt, bundesweit vor allem durch sein Buch „Deutschland, Deine Schwaben“.

Der 2. November 1973,
ein Freitag, war für die Schriftsteller in Baden-Württemberg ein denkwürdiger, ein historischer Tag. Der VS hatte zur jährlichen Mitgliederversammlung nach Heidelberg eingeladen und zugleich vorher ins Nebenzimmer des Hotels Ritter gebeten, um dort einen Förderkreis deutscher Schriftsteller zu gründen. Kein Verein ohne Satzung – in der Satzung des jungen Vereins findet sich unverkennbar die Handschrift von Dr. Hans Bayer wieder, vor allem unter Paragraph 2, der den Zweck des Vereins beschreibt:

„Der Verein dient im Geist von Toleranz und Demokratie, von Völkerverständigung und Friedenswillen der Förderung der Volksbildung und des literarischen Lebens in Baden-Württemberg. Der Verein bemüht sich um Mittel, verwaltet und vergibt sie zur Förderung von Schriftstellern, die ihren ständigen Wohnsitz in Baden-Württemberg haben. Der Verein bemüht sich weiterhin um die Unterstützung von Schriftstellern, die aus persönlichen, wirtschaftlichen oder sozialen Gründen der Hilfe bedürfen.“

Am Montag danach
berichtete der „Mannheimer Morgen“ über das Ereignis:

„Die Gründung eines Förderkreises gab der Vorsitzende des Verbandes der Schriftsteller in Baden-Württemberg, Dr. Hans Bayer, anläßlich der Herbsttagung in Heidelberg bekannt. Der Förderkreis nimmt nach Eintritt des VS in die Gewerkschaft Druck und Papier am 1. Januar 1974 das Vermögen des jetzigen Vereins auf, erhält ferner Unterstützungsgelder des Landeswohlfahrtsverbandes und eventuelle Spenden zur Unterstützung von Schriftstellern. Mitglieder des Fördervereins können auch jetzige Verbandsmitglieder werden, die – wie etwa die Verleger – nicht Mitglied der Gewerkschaft werden können.“

Das genannte Vermögen
in Höhe von 10.500 Mark bekam der Förderkreis. Spenden gingen keine ein, und aus den Erträgen der SDR- heute SWR-Funklotterie können bis heute jedes Jahr Mittel an Bedürftige verteilt werden; 1998 stehen dafür 7000 Mark zur Verfügung.

Professor Gert Kalow
aus Heidelberg wurde der erste Vorsitzende des baden-württembergischen Förderkreises. 1979 löst ihn Dr. Hans Bayer ab, nachdem er den Vorsitz im VS abgegeben hatte. Bayer nahm sich am 5. Juli 1980 das Leben.

Nach Bayer folgten
drei Hörfunkredakteure als Vorsitzende: Ekkehard Rudolph von der Abteilung Literatur des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart, Willy Leygraf vom Landesstudio Tübingen, Kulturredakteur des Südwestfunks, und schließlich seit 1989 Martin Blümcke von der Redaktion Land und Leute des Süddeutschen Rundfunks.

Im ersten Jahr
seines Bestehens, 1974, entwickelte der Förderkreis offenbar noch keine größeren Aktivitäten. Nachdem Bayer mit einem Schreiben den Boden gelockert hatte, wandte sich am 29. Januar 1975 Prof. Gert Kalow an das Kultusministerium in Stuttgart, an Ministerialdirigent Dr. Dr. Hans Rettich. Er schrieb:

„Der Förderkreis wurde gegründet, um alle in Baden-Württemberg wohnhaften Schriftsteller, ob organisiert oder nicht organisiert, zu fördern und zu unterstützen. Die Situation für die freien Autoren hat sich gerade im Land Baden-Württemberg erheblich verschlechtert durch Programmeinsparungen – Kooperation der zweiten, der Kulturprogramme von SDR und SWF – und Fusionen von Zeitungen. Wirtschaftliche Schwierigkeiten zwingen Buchverlage, ihr literarisches Programm einzuschränken, und die verbliebenen Zeitungen, ihren Kulturteil drastisch zu reduzieren. Der Markt für die im Lande lebenden Schriftsteller hat sich bedrohlich verengt. Junge Autoren finden kaum mehr Möglichkeiten, sich als freie Mitarbeiter einen Namen zu erschreiben.“

Die Zeilen haben
eine bedauerliche Aktualität: Gut zwei Jahrzehnte später könnte man diesen Text immer noch als Zustandsbeschreibung gelten lassen.

Auf dieses Schreiben hin
wurden dem Förderkreis 20.000 Mark zugesagt. Das Geld wurde anfangs hauptsächlich für Lesungen verwendet. Thaddäus Troll selbst moderierte etliche Leseabende, „Foren“ genannt, im Wilhelmspalais, der Stuttgarter Stadtbücherei. An diesen Abenden konnten unterschiedliche Talente ihre Prosa und Lyrik vortragen, Suchende wie Arrivierte.

Langsam aber kontinuierlich
wuchs der Etat in den folgenden Jahren: 1976 erhielt der Förderkreis 60.000 Mark zur Autorenförderung, 1980 schon 100.000 Mark, und seit 1986 sind es 160.000 Mark.

Darüber, wie der Förderkreis
seine Gelder verteilt, wacht die Abteilung Literaturförderung des Kunstministeriums. Gut ein Drittel des Etats fließen in die Finanzierung von Autorenlesungen. Die Lesenden erhalten den vom VS empfohlenen Regelsatz von 500 Mark, außerdem werden ihnen die Fahrtkosten ersetzt. Etwa ein weiteres Drittel ist für Seminare und Werkstätten vorgesehen. Die sieben oder acht Veranstaltungen im Jahr werden in der Zeitschrift „Kunst und Kultur“ der IG Medien und im unregelmäßig erscheinenden VS-Organ „Die Feder“ ausgeschrieben. Themen der Werkstätten und Seminare sind unter anderem Computer, Internet und Multimedia, Rhetorik, Rechtsfragen und soziale Absicherung, Vom Autor zum Verlag und Textkritik.

Das letzte Drittel
ist für Arbeitsstipendien reserviert, die mindestens 1000 und höchstens 8000 Mark betragen können. Auch der Thaddäus-Troll-Preis gilt als Arbeitsstipendium; er ist inzwischen mit 10.000 Mark dotiert.

Dieser Preis wurde 1980
zum Andenken an Dr. Hans Bayer in der Satzung verankert. Er wird in letzter Zeit bewußt jüngeren Schriftstellern zuerkannt, die Anlaß zu literarischen Hoffnungen geben. Die Preisträger waren seit 1981: Manfred Esser, Katja Behrens, Michael Spohn, Rainer Wochele, Gerhard Raff, Rafik Schami, Ernst Köhler, Carmen Kotarski, Eva Christina Zeller, Hellmut G. Haasis, Urs M. Fiechtner, Thommie Bayer, Harald Hurst, Walle Sayer, Michael Buselmeier, Arnold Stadler, Marcus Hammerschmidt (er erhielt der Preis im Tübinger Hölderlinturm an seinem 30. Geburtstag) und Markus R. Weber.

Der Förderkreis hat eine Jury
mit bis zu neun fachkundigen Persönlichkeiten. Zur Zeit gehören dazu ein Vertreter des VS, einer der Verlage, zwei Literaturwissenschaftler, ein Mitglied des Vorstands und vier Bibliothekarinnen. Nach längstens drei Jahren muß jeder seinen Richterstuhl räumen.

Während die Werkstätten
und Seminare des Förderkreises grundsätzlich allen Schriftsteller/innen in Baden-Württemberg offenstehen – sie müssen sich dafür nicht bei der Jury bewerben -, ist die Aufnahme ins Leseverzeichnis und die Vergabe von Arbeitsstipendien an das positive Urteil der Jury gebunden. Die Jury bewertet die eingereichten Arbeiten, und nach ihrer Empfehlung vergibt dann der Vorstand die Stipendien. Es gibt keine generelle Autorenförderung, sondern eine Unterstützung für ein bestimmtes Vorhaben oder Projekt. Gerade in jüngster Vergangenheit wird dies immer wieder von Schriftsteller/innen kritisiert, und es gibt kaum renommierte Autoren, die sich dieser Prozedur stellen. Andererseits gelingt auf diese Weise eine eindeutige Beurteilung und Förderung des literarischen Nachwuchses. Und im Idealfall ergibt sich der Thaddäus-Troll-Preisträger aus der Liste der Geförderten.

Seit diesem Frühjahr
hat der Förderkreis auch eine eigene Homepage im Internet. Da er auch andere Institutionen der Literatur in Baden-Württemberg vorstellt, etwa den VS Baden-Württemberg, das Schriftstellerhaus und den Friedrich-Bödecker-Kreis, hat er gewissermaßen auf dieser Ebene eine Pilotfunktion übernommen.

Eine Seite dieser Homepage
gibt Stilblüten und amüsante Zitate aus dem Schriftverkehr wieder (Anm. der Redaktion: Diese Seite ist nicht mehr verfügbar), und auf dieser Seite ist auch folgende Anschrift zu lesen, die vor Jahren auf einem Briefumschlag den Briefkasten des Förderkreises erreichte: „An den Förderkreis deutscher Bittsteller“. Wir sind der dezidierten Ansicht, daß man Schriftsteller und Bittsteller nicht gleichsetzen sollte.

Martin Blümcke, 1998