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Zum Tode von Elisabeth AlexanderPersönliche Erinnerungen von Maja Langsdorff Denke ich an Elisabeth, sind meine spontanen Assoziationen eine optische und eine emotionale: Ich sehe wunderschöne, tiefgründige Augen vor mir, Augen mit sehr dunkler Iris – auffallend wache Augen, die interessiert und wissbegierig in die Welt blicken. Und ich spüre eine alles vereinnahmen wollende körperliche und mentale Präsenz. Elisabeth forderte einfach vollständige Aufmerksamkeit ein. In den letzten Monaten und Jahren war unser direkter Kontakt abgebrochen; geschrieben hatte ich Elisabeth zuletzt zu Weihnachten 2008, hatte versucht, mit ihr auf diese Weise gewissermaßen „zu plaudern“. Es war ein zwei Seiten langer schriftlicher Monolog, in dem ich ihr vom zurückliegenden Jahr erzählte: von unseren diversen Renovierungspannen, von meinen drei Bienenvölkern, von den Reiseaktivitäten meiner Mutter und den neuen beruflichen Aufgaben meines Mannes. Mit Elisabeth zu telefonieren war schwierig geworden, sie verstand mich akustisch kaum noch. Weil ich annahm, das Sprechen am Telefon würde sie eher belasten als erfreuen, schrieb ich ihr.
Elisabeth Alexander (21.8.1922 bis 17.1.2009) in jungen Jahren (Foto: privat; herzlichen Dank an Silja Polzin, Elisabeths Tochter) Elisabeth war eine ungewöhnliche, eine unbequeme, eine sehr anstrengende und streitbare Frau, die von konservativen Kreisen wegen ihrer frühen „Skandalbücher“ gern als Porno-Poetin abqualifiziert wurde. Elisabeth und mich verband trotz des Altersunterschieds von mehr als drei Jahrzehnten über viele Jahre eine schöne Freundschaft. Zeitweise flatterten mir täglich Briefe aus Heidelberg ins Haus, häufig auf der Rückseite einer Fotokopie mit einem Pressebericht über eine ihrer vielen Lesungen oder einer Rezension eines ihrer zahllosen Bücher. Elisabeths Schrift war gleichmäßig und wirkte auf mich irgendwo energisch, sie entsprach ganz ihrer Art. Sie war eine außerordentlich fleißige, kreative und aktive Person, die vom Schicksal nicht verwöhnt wurde. Gutmütig war sie, großzügig, im Grunde ihres Herzens ein sehr bescheidener Mensch, doch stets umgetrieben von dem Gedanken an ihre materiellen Nöte. Und so empfand sie mancher als fordernd, hartnäckig, aufdringlich. Als ich – seinerzeit Geschäftsführerin des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg – Elisabeth im Jahr 1999 die frohe Botschaft übermitteln durfte, der Vorstand habe ihr ein Stipendium von 4000 DM bewilligt, erlebte ich eine Freude bei ihr, wie ich sie nur selten bei einem unseren Stipendiaten erfahren habe. Sie schwärmte von sich als „4000-Dollar-Kind“ – die imaginierte Konvertierung in Dollar drückte dabei wohl eine gesteigerte Wertschätzung des gewonnenen Vermögens aus –, und man konnte förmlich spüren, welche Last ihr von der Seele war. Das Geld ermöglichte ihr wochenlanges unbeschwertes Schreiben und Leben. Schreiben war ihr Leben. Aber zum (guten) Leben reichte dieses Schreiben hinten und vorn nicht, trotz ihrer enormen Produktivität, Aktivität und Fantasie. Wer Elisabeths Klagen über ihre Geldsorgen als penetrant erlebte, der verkannte ihre Situation. Den vorletzten Brief, den ich von Elisabeth erhielt, schrieb sie schon vom Rollstuhl aus, am 13. April 2002. Ihre Handschrift war unregelmäßig geworden, unsicher, und viele krakelige Striche, die ihr ungewollt beim Absetzen des Füllers zwischen die Zeilen geraten waren, zeugen von der Anstrengung, die sie das Verfassen der einzelnen Sätze gekostet haben mag. Sie nimmt die Veränderungen selbst auch wahr und bittet: „Am besten ist, du liest den Brief mit einer Lupe, und habe ein bisschen Geduld beim Lesen!“ Aus jedem Satz dieses Briefes spricht Bitternis, und Elisabeth, damals gerade in einer ersten schweren gesundheitlichen Krise, greift noch einmal die essenzielle Kränkung ihres späten Lebens auf: die mangelnder Anerkennung in der literarischen Welt. Jenseits aller finanziellen Nöte wäre diese (öffentliche) Anerkennung für sie Rehabilitation genug und Entschädigung für manche Entbehrung gewesen. Das Ausbleiben höherer literarischer Würdigungen im Inland war wohl eines der Dramen ihres Lebens. Vergebens wartete sie darauf, in den P.E.N. aufgenommen, von der literarischen Landschaft der Landeshauptstadt ernst genommen, mit einem Preis bedacht zu werden. Vielleicht suchte sie so verzweifelt nach dieser Bestätigung ihrer literarischen Leistung in ihrer Heimat, weil sie sich, nachdem sie vier Kinder allein großgezogen hatte, ganz ohne Hilfe von außen und Förderung von der begabten Autodidaktin zu einer auch international bekannten Literatin entwickelt hatte. Mit Stolz erfüllte sie, dass ihre Literatur Gegenstand von Diplom- und Magisterarbeiten in Belgien und den USA geworden war. 1996 als Ehrengast in die Villa Massimo in Rom einziehen zu dürfen, war zweifellos einer der absoluten Höhepunkte ihrer späten Jahre. „Irgendwelche Literaturpreise habe ich in Stuttgart nie bekommen“, klagt mir Elisabeth in jenem Brief vom April 2002, „ich war bestimmt vielen nur ein lästiges Anhängsel. Dabei sagte Erwin Teufel bei der Verleihung der Verdienstmedaille gegen Ende: ‚Als erste deutsche Autorin las sie für das Archiv für Weltliteratur in Washington und wurde damit zur Botschafterin der deutschen Literatur.‘“ Und sie erklärt: „Ich will hiermit lediglich andeuten, dass keine meiner literarischen Aktivitäten und Schreibseminare je belohnt wurden.“ Elisabeth setzte sich selbst gern und oft ein für Kolleginnen und Kollegen, die sie mochte. Elisabeth und ihren vielen Kontakten habe ich es meine einzige Förderung als Autorin zu verdanken: Sie empfahl mich der Stiftung Niederlande-Deutschland und ihrem Vorsitzenden Alexander von Bormann, der später sogar feststellte, dass uns eine weitläufige Verwandtschaft verbindet. Nach einem ersten Wohnstipendium konnte ich 2004 in der wunderschönen Villa am Amsterdamer Vondelpark (die leider nicht mehr zur Verfügung steht) in aller Ruhe wesentliche Teile meines letzten Buches verfassen – unmittelbar nachdem ich mein Amt im Förderkreis niedergelegt hatte, hatte ich nach 15jähriger Geschäftsführerinnentätigkeit endlich, indirekt auch dank Elisabeth, die Muße und den Raum für die Arbeit an einem eigenen großen Projekt. Elisabeth, wie ich sie erlebt habe, zeigte sich gern dem Publikum und genoss es, aufzutreten, zu lesen, zu sprechen – nie vergessen werde ich, wie sie in einem unserer Förderkreisseminare in der Rundum-Lesung ihre erheiternde literarische Betrachtung über eine Ellbogencrème zum Besten gab, ein kurzer Text zu einem Produkt, auf das eine dekadente Gesellschaft gerade noch gewartet hat. Fast jedes Mal, wenn wir uns – meist bei Veranstaltungen des VS oder Seminaren des Förderkreises – trafen, drückte sie mir ein Buch von sich mit einer lieben, persönlichen Widmung in die Hand. Elisabeth war keine selbstverliebte Poetin im stillen Kämmerlein, sondern eine Frau, die mitten im Leben stand und gern provozierte. Sie war begeisterungsfähig und geistvoll, studierte sehr genau die Menschen um sie herum und verabscheute es, angepasst, diplomatisch und duckmäuserisch zu sein, auch wenn das manches Mal bequemer für sie und andere gewesen wäre. Diese kleine, sehr präsente Person mit dem großen Herzen war eine Frau mit Lebenserfahrung und alles übertönender Neugier. Sie blieb im Kopf jung, agil und beweglich, als die Beine schon längst nicht mehr so wollten. Anfang der neunziger Jahre – sie muss damals schon älter als 70 gewesen sein – war sie unter den ersten Autorinnen und Autoren, die es wagten, sich mit einem so martialischen Arbeitsgerät wie dem Personal Computer auseinanderzusetzen. Sie schrieb sich in eines unserer ersten – wenn nicht in das erste – Computerseminar ein und war begierig darauf, sich anzueignen, wie man diese dumme Maschine zum Schreiben nutzen kann. Berührungsängste mit der modernen Technik waren ihr fremd, und darin unterschied sie sich von vielen ihrer Lyrik verfassenden Schriftstellerkolleginnen und -kollegen. Die empfanden es als geradezu ketzerisch, Gedichte mit etwas anderem zu Papier zu bringen als mit einem Bleistift. Sobald Elisabeth einen eigenen PC hatte und ein Modem, um ins weltweite Netz vorzudringen, teilte sie mir von ihrem Schreibtisch in Heidelberg aus vieles, was sie bewegte und was sie erlebte, per E-Mail mit. Dass die Netiquette vorsieht, E-Mails umgehend zu beantworten, hatte sie sich gemerkt. Wehe, wenn ich einen ihrer elektronischen Briefe längere Zeit unbeantwortet ließ! Selbstverständlich verfasste sie bald fast alle ihre Texte mit Hilfe des Computers, und so reichte sie uns dann auch in sauberer Form im Juli 2001 noch eine sehr beziehungsreiche Arbeitsprobe ein. Dass die Jury sich gegen die Förderung des literarischen Vorhabens aussprach, traf Elisabeth tief. „Ein Frau zwischen Realität und Phantasie“ war der Arbeitstitel dieses Romanprojektes, und im Exposé schreibt sie: Erzählt wird hier das äußere und das innere Leben einer Frau, die sich in Realitäten und in der Phantasie behaupten will. Die es also vermag, dem Schicksal zu trotzen, genauso aber mit ihm zu sein. […] Die Heldin beweist durch das mannigfaltige Geschehen, zu was eine Frau mittels ihrer Gedankenarbeit fähig ist. Wer als Elisabeth wäre kompetenter gewesen, eine solche Geschichte zu erdenken und niederzuschreiben? Elisabeth wäre nicht Elisabeth gewesen, hätte sie sich durch die Absage entmutigen lassen. Im August 2002 erschien zu ihrem 80. Geburtstag dieses, meines Wissens letzte große Werk unter dem Titel „Die sieben Häute der Hanna Winter“ bei der Trierer éditions trèves. |
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Stand: 06.10.2012 |
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