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Zwei Texte aus den „Badischen Neuesten Nachrichten“:

von Matthias Kehle
von Michael Hübl

Den folgenden Text veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des Autors (http://www.matthias-kehle.de/). Alle Rechte liegen beim Autor. Der Text erschien in der Ausgabe der Badischen Neuesten Nachrichten vom 5.4.2003.

Stipendiaten zeigten viel Talente

Kulturamtsleiter will sich in Literaturförderung weiter engagieren

Der Ettlinger Autor Ulrich Zimmermann war schon immer ein Unterstützer der Literatur. Als Vorsitzender des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden Württemberg ist er damit nicht nur am richtigen Platz, sondern hatte auch die segensreiche Idee, dessen Stipendiaten in jährlich erscheinenden Anthologien zu versammeln. Dass es sich dabei tatsächlich um einige der größten Talente im „Ländle“ handelt, bewies die Lesung von Angelika Overath, Joachim Zelter und Marcus Hammerschmitt in der Stadtbibliothek.

Overath las aus einem Roman, an dem sie gerade schreibt. Es ist die Geschichte einer Mutter Tochter Beziehung, die mit dem Tod der Mutter beginnt. Die Tochter Dara kommt zu spät in die Klinik; ihre Mutter liegt tot im Bett: „Hier atmet die Mutter, die nicht mehr atmet“, stellt Dara fest. Nüchtern, aber nicht lieblos, erzählt Overath, wie die Tochter ins Haus der Toten geht. „Ein toter Mensch riecht nach, dort wo er gelebt hat, konstatiert sie; in den übrig gebliebenen Kleidern scheint noch die Mutter zu stecken. "Der Geruch war monströs und hatte die tote Mutter überstiegen.“ Overaths lakonische Erzählweise überzeugt durch Eindringlichkeit und Distanzierung zugleich.

Auch Joachim Zelters Erzählung spielt im Krankenhaus. Er schreibe an einer Art „Krankenhaus Trilogie“, sagte er verschmitzt, ein Arztroman sei das jedoch nicht. Auf dem Weg zur Narkose vor seiner OP verliebt sich der Protagonist in die „Schleusenwärterin“, jene Frau mit Atemmaske, die ihn mit beruhigenden Worten über die „rote Demarkationslinie“ schiebt. Vor dieser Linie ist man noch wach, hinter ihr ist man unter Narkose bewusstlos. „Wie ein Slip“ sieht die Maske der jungen Frau aus, stellt der Verletzte erotisiert fest. Zelter ist ein brillanter Satiriker, der es versteht, den aberwitzigsten Situationen komische Aspekte abzugewinnen. Marcus Hammerschmitts Held arbeitet in „Der Zentrale“. Er beobachtet Dutzende von Bildschirmen – Überwachungskameras von Gästezimmern einer Art Hotel. Schnell stellt sich heraus, dass diese „Zentrale“ nur einem Zweck dient, nämlich dem promisken Geschlechtsverkehr. Die Videoüberwachung sorgt für den geregelten, drogen- und alkoholfreien Ablauf. Nur selten kommt es in den staatlich finanzierten und kontrollierten „Zentralen“ zu Unannehmlichkeiten wie Selbstmorden vor laufender Kamera. Natürlich ist Hammerschmitts Erzählung eine Art Siencefiction, doch hat man den Eindruck, dass die Realität der Fiktion schon nahe kommt. Das ist witzig und beklemmend zugleich.

Nach der Lesung kündigte Kulturamtsleiter Robert Determann an, dass die Stadt Ettlingen sich weiterhin in der Förderung von Literatur engagieren wird. Nach diesem Abend darf man darauf gespannt sein.

Matthias Kehle

Den folgenden Text veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des Autors. Alle Rechte liegen beim Autor. Der Text erschien in den Badischen Neuesten Nachrichten.

Eine Anthologie mit Literatur aus Baden Württemberg

Kurz Bert und die kleine Dralle

Die Reihe „Förderband“ stellt Texte junger Schriftsteller vor

Der Name klingt mechanistisch, aber keine Sorge: Was sich dahinter verbirgt, ist feinste erzählerische Geistesarbeit. Da ist etwa „Feindesland“ von Markus Bauer, der es auf wenigen Seiten schafft, beinahe kafkaeske Spannung aufzubauen und seiner Geschichte immer wieder neue, im Gesamtzusammenhang schlüssige Wendungen zu geben. Oder „Pauline und die Freiheit“ von Daniel Oliver Bachmann – da geht es so richtig rund im Frauenknast, und Gefängnisdirektor Adalbert Kurzum, schlicht Kurz Bert genannt, dürfte sich auch nicht so rasch wieder an eine der von ihm bevorzugten kleinen drallen Gefangenen heranmachen. Die beiden Erzählungen finden sich in der zweiten Anthologie der Reihe „Förderband“ und belegen aufs Schönste, dass so ein Name manchmal mehr hält, als er verspricht.

Tatsächlich hat die Jury, die hier 13 Autorinnen und Autoren zu einem Forum verhalf, gutes Gespür für literarische Qualitäten bewiesen. Dabei ist die Veröffentlichung in einem Förderband nur eine Dreingabe. Sie kommt allen zugute, die über den Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg ein Stipendium erhalten haben. Initiator dieses Unternehmens ist der Schriftsteller Ulrich Zimmermann, der seit 2001 Vorsitzender des Förderkreises ist und dem darum zu tun ist, dass, wie er sagt, „vor allem jüngere Autoren ins Blickfeld kommen“.

Der Förderkreis wurde vor knapp 30 Jahren, am 2. November 1973, in Heidelberg gegründet, als sich abzeichnete, dass der Verband deutscher Schriftsteller (VS) der Industriegewerkschaft (IG) Druck und Papier beitreten würde. Durch diese politische Festlegung hätte es für viele Autoren keine Möglichkeit der öffentlichen Förderung gegeben: Anlass, eine unabhängige Organisation ins Leben zu rufen, mit dem Ziel, die Arbeit der Schriftsteller im Lande zu unterstützen.

82 000 Euro stellt das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst zur Verfügung. Das ist kein Megabetrag, aber er reicht doch immerhin, um in Stuttgart eine Einfraugeschäftsstelle zu betreiben und um Arbeitsstipendien in einer Höhe zwischen 1020 und 4080 Euro zu vergeben. Etwa 60 Bewerber melden sich pro Jahr, etwa ein Fünftel wird berücksichtigt. Unter ihnen waren bei der jüngsten Runde neben Bachmann und Bauer auch der gebürtige Karlsruher Martin Gülich, der seit rund drei Jahren das Literaturbüro Freiburg leitet, oder die Schriftstellerin Beate Rygiert, deren Romane „Bronias Erbe“ (2000) und „Die Fälscherin“ (2001) nicht zuletzt in den BNN zu lesen waren.

Sie alle konkurrieren jetzt um den Thaddäus Troll Preis, der mit 10 000 Euro dotiert ist und inzwischen alle zwei Jahre in Erinnerung an den Verfasser heiterer Erzählungen vergeben wird. Sein Name stand auch beim ersten „Förderband“ Pate, der unter dem Titel „Trollblumen“ erschien und neben anderen einen Text des inzwischen erfolgreichen Markus Orths, sowie ein packend, energiestrotzend, grobsinnliches Gedicht enthielt, das Markus Manfred Jung auf Johannes Beyerle, „Objektkünschtler“, geschrieben hat und das so recht die Not der Kreativität in Worte fasst: „du ding, wo drin schloofsch, du, / du form, verarsch mi net eso, – / eso ehönnt s goh, joo“.

Stolz ist Zimmermann, dass es gelungen ist, die Produktionskosten niedrig zu halten. Die beiden „Förderbände“ sind als Book on demand entstanden. Dadurch sind die Bücher mit 11,80 Euro durchaus erschwinglich, und da sie außerdem handlich gestaltet sind, steht nichts im Wege, sie zur Lektüre auf einer Parkbank oder in der Bahn mit sich zu führen, zumal sie der eigenen Unterhaltung höchst förderlich sind. Förderbände eben.

Michael Hübl

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